Sebastian Vettel spricht ins Mikrofon. Motorsport-Magazin.com und diverse Kollegen haben sich um den Deutschen versammelt. Es geht um die späte Freigabe des DRS im Rennen in Imola. Vettel gibt seine Antwort, dann ist das Interview beendet. Der Aston-Martin-Pilot verabschiedet sich und geht. Doch dann dreht sich Vettel plötzlich erneut um. "Eigentlich sollten wir das DRS überhaupt nicht brauchen", ruft der Deutsche, und stößt damit die Racing-Debatte der Formel 1 erneut an.

Fahrern und Fans wurde mit der neuen Fahrzeug-Generation 2022 besseres Racing versprochen. Vier Rennen ist die neue Formel-1-Ära nun alt. Das liefert genug Informationen, um erste Schlussfolgerungen zu ziehen. Konnte das Versprechen eingehalten werden? Motosport-Magazin.com liefert das Fazit.

Neues Racing: Das sagen die Formel-1-Piloten

Am besten beurteilen können das neue Racing natürlich die F1-Piloten selbst. Sie haben die Rennerfahrung und den direkten Vergleich zu den vergangenen Saisons. Das Fazit unter den Piloten fällt eindeutig aus. "Das Racing ist enger und es gibt mehr Battles. Es macht einfach mehr Spaß", sagt AlphaTauri-Fahrer Pierre Gasly. Seine Kollegen und Mitstreiter stimmen ausnahmslos zu.

"Natürlich wurde das Ziel erfüllt. Es gibt viele Beweise dafür, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen. Ich weiß nicht, ob alle Messwerte erreicht wurden, aber durch die neuen Autos ist das Racing besser und enger und es gibt mehr Überholmanöver. Das haben wir bei allen bisherigen Rennen gesehen", schließt sich McLaren-Pilot Lando Norris an.

Aber ganz perfekt sei das Rennfahren mit den neuen Boliden dann auch nicht. "Ich bin mit den neuen Regeln zufrieden. Derzeit befinden wir uns noch in der Lernphase, deswegen gibt es auch noch viel Raum für weitere Verbesserungen", so Red Bulls Sergio Perez.

Was Perez anspricht, spricht Sebastian Vettel deutlich aus. Obwohl auch der Deutsche eine deutliche Verbesserung des Rennfahrens anmerkt, gehen ihm die Änderungen durch die neuen Aero-Regeln nicht weit genug: "Wir sind mehr auf das DRS angewiesen als in den vergangenen Jahren. Ich bin etwas vorsichtig, was das DRS angeht. Es wurde als eine Hilfe zum Überholen eingeführt, aber jetzt fühlt es sich manchmal so an, als wäre das DRS die einzige Möglichkeit zu Überholen."

Seit 2011 ist das System ein fester Bestandteil der Formel 1. Wie groß der Effekt des flachen Heckflügels sein kann, zeigte diese Saison bereits der Kampf zwischen Weltmeister Max Verstappen und Titelanwärter Charles Leclerc beim Rennen in Saudi-Arabien. Dort bremste der Rennführende absichtlich früher und ließ sich zurückfallen, um anschließend mit DRS wieder zu überholen.

DRS war für den Sieg in Saudi-Arabien entscheidend -
DRS war für den Sieg in Saudi-Arabien entscheidend -Foto: LAT Images

"Ich denke, so sollte es nicht sein", sagt dazu Vettel. "Überholen sollte ein Aufwand sein, der auch belohnt wird, wenn er gelingt."

Auf ein weiteres Problem macht Alpine-Pilot Fernando Alonso aufmerksam: "Es ist leichter einander zu folgen, aber die Reifen werden dadurch immer noch stark beschädigt." Trotz des überaus positiven Feedbacks sehen die F1-Fahrer beim Racing also noch Verbesserungsbedarf.

Mehr F1-Überholmanöver: Das sagen die Zahlen

Die Formel-1-Piloten bestätigen, dass sie einander mit den 2022 Autos eindeutig leichter folgen können. Doch gibt es durch das neue Reglement auch tatsächlich mehr Überholmanöver?

RennenÜberholmanöver 2021 Überholmanöver 2022
Bahrain Grand Prix 4358
Saudi-Arabien Grand Prix2031
Australien Grand Prix10*27
Emilia Romagna Grand Prix2813

*Zahl stammt vom Australien Grand Prix 2019

Die Statistik vermerkt einen deutlichen Anstieg der Überholvorgänge beim Großteil der bisherigen Rennen im Vergleich zum Vorjahr. Nach nur vier Grands Prix ist der positive Trend klar zu erkennen. Nur in Imola hat sich die Anzahl der Überholmanöver von 2021 auf 2022 halbiert. In beiden Jahren waren die Wetterbedingungen ähnlich regnerisch.

Besseres Racing: Das sagt die MSM-Redaktion

Markus Steinrisser:
Die neuen Aero-Regeln sind ein Schritt nach vorne. Einfach ist das Hinterherfahren noch immer nicht, aber man muss sich an der Stelle auch fragen, ob es das in der aero-dominierten modernen Formel-1-Welt je sein wird. 2022 sieht für mich nach einer annehmbaren Balance aus. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Rahmenbedingungen - Strecke, Wetter, Reifen, Rennsituation, und viel mehr - genauso Rollen spielen. Nicht jedes Rennen wird ein DRS-Fest, und genauso nicht jedes eine Prozession werden. Unter dem Strich scheint 20222 eben eine gute Balance zu bringen, auch auf überholfeindlichen Strecken gibt es wenigstens Spannung und Überhol-Chancen.

Isabelle Grasser:
Das Racing verbessern. Das war das primäre Ziel der 2022 Boliden. Gelungen? Ja. Die F1-Piloten können einander leichter und enger folgen. So viel ist klar. Auch mehr spannende Battles, vor allem zwischen Charles Leclerc und Max Verstappen, konnten wir dank der Neuerungen bereits genießen. Dafür muss man die Autos schlichtweg loben. Funktioniert das Racing nun problemlos und perfekt? Nein. Trotzdem ist die neue Fahrzeug-Generation eindeutig ein Schritt in die richtige Richtung.

Denis Trumpfheller:
Dieser spannende Zweikampf zwischen Charles Leclerc und Max Verstappen beim Saisonauftakt in Bahrain. Ich war außer mir vor Freude. Die Abneigungen gegen die hohe Nase und die rundliche Designsprache, wie davongeblasen. Auch in Saudi-Arabien hat mir das enge Hinterherfahren gut gefallen. Dann Imola, beste Bedingungen für spannendes Racing: Sprint-Rennen, abtrocknende Strecke und das tolle Streckenlayout. Das Resultat: Eher langweilig. Hoffentlich nur ein Ausreißer nach unten. An das versprochene 'Überholspektakel' mit der neuen Fahrzeuggeneration habe ich von Beginn an gezweifelt, dennoch bin ich bis dato positiv überrascht.

Stephan Heublein:
Vier Rennen. Das klingt nach viel. Aber bei so einer langen Saison und angesichts der Unterschiede bei den Rennstrecken war das quasi noch gar nichts. Der Saisonauftakt war fulminant. Nicht umsonst sprachen wir nach Bahrain davon, wie „geil die neue Formel 1“ sei. Auch Saudi-Arabien bot jede Menge Action. Doch ihr habt es sicher schon geahnt, es gibt ein „aber“: Beide Strecken sind überholfreundlich, in Dschidda war der DRS-Effekt schon fraglich, weil zu stark. Von den taktischen Spielchen, die mir gar nicht zusagten, ganz zu schweigen. Melbourne und Imola boten weniger Action. Ist die neue F1 deshalb plötzlich doch „ungeil“? Weder noch. Wir müssen noch mehr Rennen, v.a. auf „normaleren“ Strecken abwarten – das kann aber dauern, es folgen viele Straßenkurse und Strecken mit Sonderstatus. Nichtsdestotrotz finde ich, dass die neue F1-Generation auf dem richtigen Weg ist. Das heißt aber noch lange nicht, dass dieser schon fast vollendet ist. Ihr wisst schon, auch das ist ein Marathon und kein Sprint.

Christian Menath:
Das Racing ist deutlich besser, ja. Auch wenn die Piloten teilweise berichten, dass die Reifen beim Hinterherfahren wieder überhitzen, bin ich davon überzeugt, dass auch dieser Parameter zumindest etwas besser ist. Aber es gibt einen großen Nachteil: Der Windschatten-Effekt dieser Autos ist kleiner. Ohne DRS geht auf den Geraden deshalb kaum etwas. Wir haben inzwischen schon gelernt, mit DRS zu leben. Aber es wäre eben schöner ohne.