"Is that Glock? Ja! In einer der unwahrscheinlichsten Partnerschaften aller Zeiten tut sich Felipe Massa im Rennen nächste Woche mit Timo Glock zusammen!" So kündigt die Stock Car Pro Series, Brasiliens bedeutendste nationale Rennserie, einen tatsächlich waschechten Knüller für die brasilianische, aber auch internationale Motorsport-Szene an.

Beim Saisonstart der Pro Series im berühmten Autodromo José Carlos Pace von Sao Paulo diesen Sonntag (13. Februar) spannt Stock-Car-Fahrer Massa ausgerechnet mit jenem Piloten zusammen, der vor 14 Jahren an selber Stelle unfreiwillig eine tragende Rolle übernahm, als der Brasilianer hoch dramatisch, noch auf den letzten Metern, den WM-Titel in der Formel 1 an Lewis Hamilton verlor.

Formel-1-Finale 2008: Timo Glock erhielt Drohbriefe

Damals hatte Massa das Rennen gewonnen und damit seine Pflicht für eine Chance auf den WM-Titel erfüllt. Hamilton startete als Sechster in die letzte Runde und damit weit genug hinten für einen Triumph des Lokalmatadors in Ferrari-Diensten. Kurz vor dem Zielstrich dann der Schock für zehntausende Brasilianer auf den Rängen und eine schon jubelnde Ferrari-Garage: Plötzlich fuhr Hamiltons McLaren nahezu spielerisch vorbei an einem mit Trockenreifen auf nasser Piste kämpfenden Toyota - Timo Glock. P5. Die 180-Grad-Wende und Entscheidung im Titelkampf.

Das Bild und der legendäre Aufschrei von Kommentator Martin Brundle - "Is that Glock?!" - gingen um die Welt - und hatten schon sofort Konsequenzen für Glock, eigentlich schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort. Für zahlreiche Brasilianer war der Deutsche der Übeltäter. "Es gab Facebook-Gruppen, in denen man mich hängen wollte", erzählte Glock zehn Jahre später im Interview mit Motorsport-Magazin.com von den Reaktionen. Glock und das Formel-1-Team von Toyota fuhren mit Polizeieskorte zurück zum Flughafen. Danach ging es weiter. "Ich bekam Drohbriefe nach Hause und all so einen Mist. Da waren schon heftige Sachen dabei", schilderte Glock.

Brasilien-GP 2021: Massa und Glock plaudern über 2008

Jahre später hatte sich die Aufregung gelegt. Die Formel 1 hatte Onboard-Aufnahmen veröffentlicht, die zeigten, wie Glock mit seinen alten Trockenreifen auf feuchter Strecke kaum noch ans Gas gehen konnte, ohne sich zu drehen. Alle Gemüter beruhigte allerdings selbst das nicht - auch nicht zehn Jahre später. "Es gibt ja viele User, die mich verteidigen, weil sie jetzt die Onboard-Aufnahmen gesehen haben oder so. Auf der anderen Seite gibt es auch immer noch Leute, die mich heute dafür hassen", beschrieb zum zehnjährigen Jubiläum Glock die jährliche Tradition der Online-Kommentare am betreffenden Datum, dem zweiten November.

13 Jahre später folgte Ende 2021 im Rahmen des Brasilien-GP der bislang vielleicht größte Schritt zur Absolution. Erstmals seit 2008 trafen Massa und Glock zum direkten Austausch über die Szene aufeinander. Das war trotz noch einiger weiterer gemeinsamer Jahre in der Formel 1 nie passiert. Die von Sky initiierte Aktion endete mit einer Umarmung zwischen den beiden. Eine echte Aussprache sei allerdings nicht nötig gewesen, so Massa. "Ich hatte nie etwas gegen Timo, ich hätte nie gedacht, dass er absichtlich etwas gegen mich unternehmen würde. Jeder, der den Motorsport versteht, weiß, dass er bei diesen Bedingungen nichts ausrichten konnte", zitiert die Stock Car Series den Brasilianer.

Massa: Ich hatte nie etwas gegen Timo

Auch Massa selbst wurde einst spätestens nach Studium der Replays klar, dass Glock keine Schuld trag. "Timo Glock, das sind die große Neuigkeiten - nach all der Kontroverse von 2008, nach dieser letzten Runde in Interlagos und nach ach all den Gesprächen, die wir letztes Jahr beim Sao Paulo GP hatten", so Massa nun bei der Verkündung im brasilianischen TV. "Und ich habe seine letzte Runde in diesem Rennen gesehen, wie schwer es war, sein Auto zu fahren."

Nach dem Treffen im Vorjahr kam Massa schnell die Idee, noch einen draufzusetzen. Es folgte die Einladung zum traditionellen Doppelrennen beim Saisonauftakt der Stock Car Pro Series 2022. Glock nahm an und teilt sich so nun am kommenden Sonntag Massa Chevrolet Cruze #19 des Lubrax Podium Stock Car Teams. Massa selbst startet seit 2021 in der Serie, belegte in seinem Debütjahr den 24. Gesamtrang. Sein bestes Ergebnis erzielte der 40-Jährige mit P7 in Interlagos.

Felipe Massa lädt Timo Glock zum Stock Car Rennen ein

Genau an dieser berühmten Stätte fahren Glock und Massa nun also wieder zusammen - 14 Jahre nach dem Drama von Sao Paulo. "Ich hatte diese Idee Ende letzten Jahres, nachdem wir uns beim GP von Brasilien getroffen hatten. Ich teilte sie meinen Sponsoren mit, die bald zustimmten", berichtet Massa. Ein großer PR-Gag allein soll die Aktion aber nicht werden. Massa: "Abgesehen davon, was es im Gesamtkontext des Motorsports bedeutet, mit Timo ein Team zu bilden, ist klar, dass wir auch ein gutes Ergebnis anstreben."

Brasilien 2008: Felipe Massas bitterster Sieg -
Brasilien 2008: Felipe Massas bitterster Sieg -Foto: Sutton

Deshalb habe er Glock bereits mit allen möglichen Informationen versorgt. Der freut sich auf die Herausforderung. "Ich verfolge die Stock Car. Man sieht, dass es ein schwer zu fahrendes Auto ist, aber Felipe hat mir schon einige Onboard-Bilder geschickt, damit ich das Auto verstehen kann. Es wird viel Spaß machen, denn die Kategorie hat es in sich", sagt Glock. "Ich freue mich sehr, nach Sao Paulo zu fahren und Felipes Partner im Stock Car zu sein. Es wird spannend und ein ganz besonderes Wochenende für mich."

Massa setzt auf Glocks DTM & GT-Erfahrung

Sportlich traut Massa seinem neuen Kollegen jede Menge zu. Immerhin kennt sich Glock mit Tourenwagen wie in der Stock Car grundsätzlich exzellent aus. "Es wird klasse, ihn dabei zu haben - abseits und auf der Strecke. Er ist auch ein großartiger Fahrer. Mit vielen Jahren Erfahrung in DTM und GT-Autos", sagt Massa. "Willkomen, Timo Glock. Lass es uns mit dem Lubrax Podium Stock Car Team rocken! Ich hoffe wir können in Interlagos tolle Arbeit und Ergebnisse liefern!" Und vielleicht auch die finale Absolution Glocks vor womöglich einigen Fans, die schon vor 14 Jahren im Autodromo José Carlos Pace auf den Rängen mitfieberten ...