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Formel 1

Sebastian Vettel für Tempolimit: Keine Frage der Freiheit

Sebastian Vettel ist bekennender Fan der Grünen. Vor dem Türkei GP äußert er sich zu den Bundestagswahlen und zum Reizthema Tempolimit auf Autobahnen.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Sebastian Vettel bekannte sich im Sommer 2021 zum glühenden Anhänger der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Vor dem Formel-1-Wochenende in der Türkei waren beim viermaligen Weltmeister auch die kürzlichen Bundestagswahlen in Deutschland ein Thema. Vettel äußerte sich neben dem Abschied von Angela Merkel und dem Wahlergebnis der Grünen auch zu einem besonders großen Reizthema in der BRD: dem Tempolimit. Der Aston-Martin-Pilot spricht sich klar für eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen aus.

"Ich denke nicht, dass es dabei um persönliche Gefühle geht", so der 34-Jährige mit Blick auf die Grundsatzdiskussion um das Tempolimit, die dieser Tage bei den Koalitionsverhandlungen zur Bildung der neuen Bundesregierung eine zentrale Rolle spielt. Die Frage, wer am Ende mit der CDU oder der SPD im Dreierbündnis die Regierung stellt, hängt von einer Einigung zwischen FDP und den Grünen ab. Doch beide Parteien vertraten im Wahlkampf sehr unterschiedliche Standpunkte zum Thema Geschwindigkeitsbegrenzung.

Zuletzt berichteten unterschiedliche Medien, dass die Grünen möglicherweise bereit sind, nachzugeben und von ihren Forderungen eines Tempolimits abzusehen. Für Vettel, der sich seit 2020 zunehmend lautstark im Umweltaktivismus engagiert, wäre das ein Fehler. "Es geht um das große Ganze. Es ist ein Weg, bis zu zwei Millionen Tonnen an Co2-Emissionen einzusparen", sagt er. Darüber hinaus sieht er eine Verbesserung der Verkehrssicherheit.

"Ich denke, dass es in Deutschland Unfälle gibt, weil wir kein Tempolimit haben. Wenn es hilft, nur eine Person vor Verletzungen zu bewahren oder nur ein Leben zu retten, ist das ein No-Brainer", so Vettel. Die Argumentation vieler seiner Landsleute, die eine Geschwindigkeitsbegrenzung mit einer Freiheitseinschränkung gleichsetzen, kann er nicht im Geringsten nachvollziehen.

Vettel empfiehlt Rennstrecke statt Autobahn

"Die Leute verwechseln es häufig mit Freiheit, dass wir in Deutschland kein Tempolimit haben. Aber ehrlich gesagt, ich fühle mich nicht eingeschränkt, wenn ich in der Türkei, den USA oder Großbritannien, oder irgendeinem anderen Land mit Geschwindigkeitsbegrenzung bin", sagt er. Letztendlich sei es ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis die deutschen Bundesbürger sich damit abfinden müssen: "Ich denke nicht, dass es eine Freiheit ist sondern einfach etwas, woran wir uns gewöhnen müssen. Das wird in Zukunft sowieso abgeschafft, ob jetzt oder in ein paar Jahren."

Dass es Menschen gibt, die gerne schnell unterwegs sind, kann er durchaus nachvollziehen. Doch dafür ist die Autobahn in seinen Augen nicht der richtige Ort: "Jemand, der schnell fahren will, sollte das an einem Ort tun, wo es sicher ist. Das wäre in dem Fall natürlich die Rennstrecke. Selbstverständlich mag ich es auch, schnell zu fahren, ansonsten hätte ich mir einen anderen Job ausgesucht. Aber es macht deutlich mehr Sinn, es auf einer Rennstrecke zu machen, wo man seine Limits erfahren und testen kann, anstatt die Leute um sich herum zu gefährden."

Wahlergebnis der Grünen enttäuscht Vettel nicht

Ende Juni hatte Vettel in einem Interview mit dem Spiegel erklärt, sein Kreuz bei der Bundestagswahl 2021 bei den Grünen machen zu wollen und deren auf Umweltschutz ausgelegtes Wahlprogramm zu unterstützen. Dass die Partei seiner Wahl im vorläufigen Ergebnis mit 14,8 Prozent der Wählerstimmen deutlich schwächer als zuvor angenommen abschnitt, bereitet ihm was den Umweltschutz in Deutschland angeht keine großen Sorgen.

"Ich bin vom Ergebnis nicht enttäuscht", sagt er. Da die Grünen mit hoher Wahrscheinlichkeit an der nächsten Regierung beteiligt sein werden, sieht er die richtigen Weichen gestellt: "Ich denke, wenn wir über soziale Ungerechtigkeit oder die Klimakrise sprechen, ist die Zeit zum Handeln gekommen. Es gibt viele Dinge, um die sich gekümmert werden muss."

Vettel sieht Merkels Abschied als Chance

Das Ende der Amtszeit von Angela Merkel sieht er als willkommenen Tapetenwechsel im Bundestag. "Ich denke, ganz Deutschland oder Europa oder auch die Welt wird Angela Merkel vermissen. Ich glaube, sie war eine großartige Anführerin und sie musste durch schwierige Zeiten gehen. Aber ich habe auch das Gefühl, dass wir bereit für eine Veränderung sind", so Vettel.

Der dreifache Familienvater erwartet, dass sein Heimatland im Kampf gegen den Klimawandel ein Vorreiter ist: "Deutschland ist ein sehr reiches Land, und wir können unseren Reichtum und unser Netzwerk einer starken Industrie und cleverer Menschen mit Ingenieurswissen einsetzen, um hoffentlich die Ersten zu sein, die etwas für eine bessere Zukunft erreichen, und damit andere Nationen inspirieren, dasselbe zu tun. Deshalb denke ich, dass diese Wahlen so wichtig waren. Ich hoffe, dass wer auch immer die neue Regierung bildet, handeln und nicht nur reden wird."

Hamilton lobt Vettels politisches Engagement

Neben seinen Plädoyers für den Umweltschutz engagierte sich Vettel zuletzt für die Rechte der LGBTQ+-Community, als er in Ungarn mit Schuhen, Maske und Helm in Regenbogenfarben auftrat. Der seit Jahren politisch aktive Lewis Hamilton unterstützt seinen langjährigen Mitstreiter bei diesen Engagements. "Ich bin unglaublich stolz auf Sebastian und das was er macht. Er hat Dinge gefunden, für die er sich begeistert und redet darüber, statt still zu sein", so der siebenmalige Champion.

Für den Briten ist der Wandel Vettels ein willkommener und logischer Prozess. "Ich denke, wir sind einfach eine ältere Generation und in unserem Alter wirst du etwas mitfühlender. Er hat auch Familie und denkt an die Zukunft seiner Kinder und den Planeten, und wie wir ihn für die Zukunft vorbereiten können", sagt er. "Wir sprechen oft über diese Themen. Wir planen zwar noch nichts zusammen, aber wenn es an einem Wochenende bestimmte Punkte gibt, diskutieren wir sie und unterstützen uns gegenseitig."


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