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Formel 1

Mick Schumacher beeindruckt Driver Coach: Doch sofort schnell!

Vor seinem Formel-1-Debüt galt Mick Schumacher als Spätzünder. Jetzt adelt der Driver Coach des Haas-Fahrers den Ferrari-Junior: Antwort mit größter Stärke.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Trotz jüngster Kritik an Mick Schumacher wegen zu vieler Unfälle in der ersten Hälfte der Formel-1-Saison 2021 zeigt sich Haas-Teamchef Günther Steiner insgesamt zufrieden mit dem Einstand des Rookies in der Königklasse. Bereits mehrfach schwärmte der Südtiroler von den Qualitäten des Ferrari-Juniors, sowohl menschlich als auch professioneller Natur.

Kein Wunder: Immerhin hat Schumacher seinen Teamkollegen 2021 klar im Griff - die einzige echte Messlatte, wenngleich nicht die denkbar höchste. Fast eine halbe Sekunde ist der Deutsche im Qualifying im Durchschnitt schneller als Nikita Mazepin (9:2 im Teamduell) und fährt dem Russen im Rennen regelmäßig auf und davon, teils mehrere Dutzend Sekunden.

Ex-Schumi-Ingenieur jetzt Mick Schumachers Ferrari-Coach

Das hatte selbst jener Mann nicht erwartet, der die Fähigkeiten des 22-Jährigen vielleicht am besten einzuschätzen weiß: Ferrari-Ingenieur Jock Clear. 2015 zunächst als Chefrenningenieur von Mercedes zur Scuderia gestoßen, verantwortet der Brite inzwischen die Nachwuchsarbeit der Roten. Seit 2019 fokussierte sich Clear zunächst allein auf Shootingstar Charles Leclerc, Anfang 2021 erweiterte Ferrari die Verantwortlichkeiten des hoch dekorierten Ingenieurs. Clear arbeitete bereits als Renn- respektive Performance-Ingenieur für eine ganze Reihe Formel-1-Weltmeister wie Michael Schumacher, Nico Rosberg, Lewis Hamilton und Jacques Villeneuve.

Nun kümmert sich Clear als Driver Coach bzw. Senior Performance Ingenieur um die gesamte Fahrerakademie Ferraris, also auch um Mick Schumacher. Den hatte Clear in seinem Debütjahr in der Formel 1 eigentlich etwas schwächer eingeschätzt als es sich nun darstellt. Schumacher überraschte und beeindruckte den Briten dabei ungemein.

Mick Schumacher zündete immer erst im zweiten Jahr

Doch warum die Zweifel? Wegen eines roten Fadens, der sich durch Schumachers Weg in den Nachwuchsklassen zog. "Wir haben jetzt schon eine ganze Weile mit ihm in der Ferrari Driver Academy gearbeitet und kennen ihn ziemlich gut", erzählt Clear im F1-Podcast 'Beyond The Grid' und erinnert: "Für ihn [Mick] ist es nichts Neues, wenn er hört, dass es in den Nachwuchsserien oft Kritik an ihm gab, dass er eine Weile braucht, auf Speed zu kommen. Er ist keiner, der einsteigt und du sagst: 'Bam! Dieses Kind ist schnell'! Aber gib ihm ein zweites Jahr in der Klasse und er wird wirklich gut und konstant."

Halbzeitfazit Haas: So schlagen sich Schumacher und Mazepin: (09:32 Min.)

Ein schneller Blick auf Schumachers Bilanz in Formel 4, Formel 3 und Formel 2 führt das deutlich vor Augen. Im ersten F4-Jahr war Schumacher Gesamtzehnter, im zweiten Vizemeister. In F3 und F2 folgte auf zwölfte Gesamtplätze in den jeweiligen Debütjahren beide Male sogar der Meistertitel im zweiten Jahr.

Clear überrascht: Schumacher plötzlich aus dem Stand schnell

Deshalb erwartete Clear auch in der Formel 1 dieses Muster. Zumal Mazepin vielleicht nicht die höchste Messlatte darstellt, sich in der Formel 2 im Vorjahr allerdings immerhin bis zum Saisonende im Titelkampf mit dem späteren Meister Schumacher befand. "Die Leute haben mir am Anfang des Jahres gesagt: 'Wie wird er gegen Mazepin abschneiden?' Und ich sagte, ich wäre nicht überrascht, sollte Mazepin ihn im Qualifying zunächst ein paar Mal schlagen, weil Mick eben eine Weile braucht, um auf Speed zu kommen", erinnert sich Clear.

Seinen Teamkollegen hat Mick Schumacher 2021 klar im Griff - Foto: LAT Images/Motorsport-Magazin.com

"Aber das war tatsächlich nicht der Fall. [...] Ehrlich gesagt bin ich in diesem Jahr ziemlich beeindruckt von seinem Speed aus dem Stand", lobt Clear den Rookie. "Und irgendwie überrascht." Als mögliche Erklärung für die offenbar ausgemerzte Spätstarte-Konstante in der Karriere Schumachers nennt Clear - statt der noch immer fraglichen Qualität der Messlatte Mazepin - etwas anderes: Schumachers Arbeitsmoral.

Mick Schumacher Kritik- und lernfähig

"Mick hat da Fortschritte gemacht. Es war ein Gebiet, das wir [Ferrari] identifiziert hatten und ein Gebiet, das dann auch Mick angegangen ist", berichtet Clear. Ferrari setzte dafür im Winter mitunter diverse Privattests mit älteren F1-Boliden in Fiorano an. Schumacher derweil nahm und nimmt jeden guten Ratschlag an. Clear: "Sein bester Zug ist, dass du ihm einmal etwas sagst und er es annimmt und damit umgeht. Dann denkst du: 'Oh mein Gott, er hat es behoben!'"

Genau diese Herangehensweise - sich selbst zu hinterfragen, verbessern zu wollen und das auch umsetzen zu können - werde Schumacher in seiner gesamten Formel-1-Karriere weiterhelfen, so Clear. Noch dazu werde eine für Clear wichtige Parallele zu Schumachers berühmtem Vater helfen. "Seine Angewohnheiten und sein Akzent sind so sehr wie bei seinem Vater, das allein macht schon Spaß. Das erinnert mich an die guten Zeiten. Ich habe es sehr genossen, mit Michael zu arbeiten", schwärmt Clear.

Jock Clear war bei Mercedes Michael Schumachers Performance-Ingenieur - Foto: Sutton

"Und Mick ist im Umgang ganz ähnlich, so ein netter - so ein netter - junger Mann. Das ist nicht gegeben. Es gibt viele Rennfahrer, die erfolgreich sind, tun was sie tun und am Ende werden sie ja auch dafür bezahlt, ein Rennauto schnell zu fahren. Und wenn sie das tun, vergessen wir ein paar ihrer schwierigeren Aspekte, wenn sie nicht im Auto sind", berichtet der F1-Veteran.

Mick Schumacher angehmer Typ wie Vater Michael Schumacher

Schumacher sei da anders. "Mick ist einfach ein in jeder Art und Weise so, so netter junger Mann. Was auch immer er in seinem Leben anfängt, es wird ihm immer gut dienen, einfach ein top Kerl zu sein und mit Leuten klarzukommen. Das genieße ich", schwärmt Clear.

Sportliche Vergleiche zu Schumacher will Clear derzeit noch nicht anstellen. "Das Schwierige für mich ist, dass ich mit Michael ganz am Ende seiner Karriere gearbeitet habe als er schon sieben WM-Titel hatte und mit Mick jetzt ganz am Anfang seiner Karriere arbeite", erklärt der Brite. "Er ist jetzt in einer Situation, in der er sich unbedingt beweisen will, aber das kann er nicht mit dem Auto, das er gerade hat."

Unabhängig davon trete Mick Schumacher ohnehin zunehmend aus dem Schatten F1-Legende im eigenen Stammbaum. "Sein Vater war mehrfacher Weltmeister und er lebte so gut wie sein ganzes Leben in dessen Schatten. Ich denke, er mag die Gelegenheit, jetzt selbst zu liefern", sagt Clear. Deshalb zeige Schumacher auch medial zunehmend Präsenz. Clear: "Denn immer, wenn er nichts sagt, ist er einfach der Sohn von Michael ..." So aber werde er als er selbst wahrgenommen. "Und ich denke, er genießt es, dass die Leute etwas von ihm wissen wollen und ihm die Gelegenheit geben, sich zu zeigen. Denn er hat viel zu zeigen."


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