Motorsport-Magazin.com Plus
Formel 1

Manipulation in der Formel-1-Kommission? Debatte um Geheimwahl

McLaren fordert geheime Abstimmungen in der F1. Druck auf Kundenteams eine Gefahr für den Sport. Mercedes schiebt Verantwortung auf Ferrari und Red Bull ab.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - McLaren CEO Zak Brown sorgte vor dem Rennwochenende in Portugal mit einem offenen Brief für Aufsehen. Der US-Amerikaner äußerte hinsichtlich des Abstimmungsverfahrens in der Formel-1-Kommission seine Sorge, dass Kundenteams von ihren Partnern zu Entscheidungen genötigt werden, hinter denen sie selbst nicht stehen. Toto Wolff spricht Mercedes von jeglichen Mauscheleien frei und schiebt Ferrari und Red Bull den Schwarzen Peter zu.

"Es gab Fälle, in denen ein nahestehendes Team zu seinem eindeutigen eigenen Nachteil gevotet hat, um seinen größeren Partner zufriedenzustellen. Das ist kein Sport", so die Kritik Browns in seinem Aufruf für geheime Wahlen. Er wünscht sich, dass die FIA das Ruder wieder mehr selbst in die Hand nimmt und der in den vergangenen Jahren gestiegene Einfluss der Hersteller und Teams reguliert wird.

"In anderen Sportarten haben die Offiziellen die Entscheidungsgewalt, denn ihr Fokus liegt immer darauf, was im besten Interesse des Sports ist. Dies sollte auch in der Formel 1 der entscheidende Faktor sein", so Brown. In der bestehenden Struktur hängen Änderungen am Reglement von der Entscheidung der F1-Kommission ab.

Innerhalb dieser Vereinigung stehen 30 Votes zur Verfügung, von denen jeweils zehn auf FIA sowie Formel 1 fallen und je ein Vote pro Team zugestanden wird. Für eine Regeländerung muss eine "Supermehrheit" erreicht werden, was 28 der insgesamt 30 Votes bedeutet.

Dass sich in der Formel 1 in der Hybrid-Ära durch den Einfluss der Hersteller immer mehr Seilschaften zwischen großen und kleinen Teams bildeten, stößt Brown sauer auf. "Der Anstieg an Partnerschaften zwischen Teams ist ungesund für den Sport. Es ist nicht im besten Interesse des Wettbewerbs, wenn zwei oder sogar drei Rivalen ihren Einfluss teilen und sich strategisch gleichschalten."

Wolff lässt Mercedes-Kunden frei entscheiden

Ferrari intensivierte zur Saison 2021 die Kooperation mit Haas, die seit ihrem F1-Einstieg 2016 vom Traditionsrennstall beliefert werden. Darüber hinaus bandelte die Scuderia ab 2018 auch verstärkt mit Sauber an, wo Alfa Romeo seitdem die Namensrechte hält und Fahrer aus der Ferrari Driver Academy platziert werden. Red Bull verfügt mit Toro Rosso quasi seit dem Einstieg des Teams 2005 über einen zweiten Rennstall. Das Schwesterteam wurde nur ein Jahr später ins Leben gerufen.

Mercedes schlug 2020 einen ähnlichen Weg wie Ferrari ein, als die Zusammenarbeit mit Racing Point [seit 2021 Aston Martin] intensiviert wurde, indem der Technologietransfer ausgeweitet wurde. Ab 2022 wird das Weltmeisterteam auch Williams mit mehr Teilen und Know-how versorgen. Mercedes-Teamchef Toto Wolff weist den von Brown angeprangerten politischen Konflikt jedoch von sich.

"Wir haben bei Toro Rosso [AlphaTauri] in der Vergangenheit gesehen, dass sie wie Red Bull abgestimmt haben, wahrscheinlich ausnahmslos. Und Haas hat sich an Ferrari gehalten. In unserem Fall haben wir nie versucht, ein Team zu beeinflussen", so Wolff. "Wir haben natürlich Diskussionen über allgemeine Themen geführt, wie über die Power Unit, aber es ist klar, dass die Teams zusammen abstimmen. Aber niemand würde beim Reglement für das Chassis gegen die eigenen Interessen voten."

Haas-Teamchef will von Manipulation nichts wissen

Haas-Teamchef Günther Steiner stellte auf Nachfrage von Motorsport-Magazin.com klar, dass er keineswegs als Marionette von Ferrari in der F1-Kommission abstimmt. "Ich stimme nicht gegen meinen eigenen Willen ab", sagt der Südtiroler, der von Erpressung nichts wissen will: "Da würde ich nicht von Druck sprechen. Wir reden immer mit Leuten über die Prozesse und wie abgestimmt wird, in welche Richtung es gehen soll. Das ist normales Geschäft. Aber es hält dir keiner eine Pistole an den Kopf und sagt, was du wählen sollst."

Tatsächlich existiert die Möglichkeit einer geheimen Stimmenabgabe in der F1-Kommission bereits, nur wurde diese bisher nicht genutzt. Für Steiner ist das keine Überraschung: "Ich weiß nicht, was man damit erreichen will. Wir voten nur das, was gut für uns ist und werden so oder so nichts anderes machen, egal ob geheim oder nicht. Ich habe auch keine Angst davor, die Leute wissen zu lassen, wofür ich abgestimmt habe."

Wolff hingegen würde die Nutzung der geheimen Wahl begrüßen. "Ich denke, die Idee einer geheimen Stimme ist gut. Ich wage es zu bezweifeln, dass Franz [Tost, AlphaTauri-Teamchef] keine Anweisungen bekommt, und genauso wenig wird Günther keine erhalten", so der Österreicher. "Kein Team sollte von einem Partner oder Lieferanten beeinflusst werden."

Red Bull hält nichts von geheimen Votes

Red-Bull-Teamchef Christian Horner hingegen sprach sich dagegen aus. "Es wäre schade, wenn man sich hinter einer geheimen Wahl verstecken muss, aber ein Team hat natürlich das Recht, dies anzufordern. Aber wenn jemand so etwas braucht, um eine unabhängige Stimme abzugeben, haben wir damit kein großes Problem", so der Brite.

Ferrari sprach sich in Person von Sportdirektor Laurent Mekies wie Wolff für die geheime Wahl aus. "Wann immer ein Team sich nicht mit einer zur Wahl stehenden Entscheidung wohlfühlt, sollte es sich melden, um sicherzustellen, dass wir eine geheime Stimme haben. Wenn das immer der Fall sein sollte, ist das für uns auch in Ordnung. Für den Sport ist es eine gute Sache", sagt der ehemalige FIA-Mitarbeiter.