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Formel 1, Claire Williams rechnet ab: Habe viel Prügel bezogen

Claire Williams musste ihr Formel-1-Team 2020 schweren Herzens verkaufen. Die ehemalige Teamchefin räumt Fehler ein und schießt gegen ihre Kritiker zurück.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Williams startet in der Formel 1 2021 erstmals unter Eigentümer Dorilton Capital in die neue Saison. Der britische Traditionsrennstall wurde 2020 von der Williams-Familie an den Investor verkauft. Seit dem letzten Auftritt von Gründertochter Claire Williams beim Italien GP in Monza war es still um die ehemalige Teamchefin geworden. Im Podcast des britischen Politik- und Kulturmagazins The Spectator sprach sie über die schwierige Entscheidung und den Niedergang des Familienbetriebs.

"Ich denke, ich hätte es schaffen können. Wenn man mir nur etwas mehr Zeit gegeben und ich das Geld gehabt hätte", ist die 44-Jährige sicher, dass sie Williams auch aus eigener Kraft hätte aus der Krise führen können. Doch im Spätsommer des vergangenen Jahres war der Verkauf nicht mehr abzuwenden. Die Talsohle des sportliche Absturzes war bereits durchschritten, doch die Coronavirus-Krise stoppte das Momentum.

Trotz eines bis 2023 verlängerten Vertrages trennte sich der 2019 neugewonnene Titelsponsor Rokit noch vor dem Saisonauftakt im Juli von Williams. "Wir hatten zu Beginn des Jahres die Kurve bekommen, aber dann hatten wir Probleme mit unserem Titelsponsor, wodurch wir sehr viel Budget verloren haben. Dazu kam die Pandemie. Diese beiden Dinge waren die letzten Nägel in unseren Sarg, die uns letztendlich erledigt haben", erklärt Williams.

Williams stürzt mit Paydrivern ab

Im Jahr 2013 übernahm sie die Teamführung von Gründer Frank Williams, der den Rennstall seit 1977 in der Formel 1 geleitet hatte. In ihrer Zeit an der Spitze des Unternehmens erlebte sie eine wahre Achterbahnfahrt. Die erste Saison der neuen Teamchefin war mit nur fünf WM-Punkten und Platz neun in der Gesamtwertung ein erster Tiefpunkt. Mit dem Wechsel in die Hybrid-Ära erlebte Williams ab 2014 einen Aufschwung.

Neben der dominanten Power Unit von Mercedes setzte das Team mit Felipe Massa und Valtteri Bottas auf eine der stärksten Fahrerpaarungen im Mittelfeld. Nach drei starken Jahren setzte das Management ab 2017 mit Lance Stroll erstmals auf einen Paydriver. Zwar wiederholten der Rookie und sein Mentor Massa mit Platz fünf das Ergebnis des Vorjahres, doch im darauffolgenden Jahr ging es rapide bergab.

Durch Sergey Sirotkin ging neben Stroll ein weiterer Fahrer aufgrund seiner finanziellen Mitgift an den Start. Die Saison 2018 wurde mit dem letzten Platz in der WM ein Debakel. Das böse Erwachen kam allerdings erst Anfang 2019, als es Williams nicht gelang, den FW42 rechtzeitig zu den Wintertestfahrten fertigzustellen. "Wir hatten auch intern einige personelle Schwierigkeiten", erklärt Williams.

2018 schickte Williams mit Stroll und Sirotkin zwei Paydriver ins Rennen - Foto: Sutton

Kein Geld für den Weg aus der Krise

Die Rede dürfte dabei von Paddy Lowe sein. Der ehemalige Mercedes-Konstrukteur, der bereits in den 1990er Jahren in Williams erfolgreichster Zeit in Grove mitwirkte, war nach seinem Aus beim Weltmeister-Team zu seinem alten Arbeitgeber zurückgekehrt. Er wurde für das Versäumnis im Winter 2019 verantwortlich gemacht und noch während der Testfahrten in Barcelona freigestellt.

Dass Lowe mit den eingeschränkten Ressourcen des Teams den Zeitplan nicht einhalten konnte, war jedoch nur eine Seite der Medaille. Williams sperrte sich gegen die Idee, nicht gelistete Komponenten des Autos bei Top-Teams zuzukaufen und setzte stattdessen darauf, als vollwertiger Konstrukteur alles selbst zu entwickeln.

"Es gab andere Teams die längst nicht so lange wie wir im Sport waren, die nicht einmal unsere Ressourcen hatten, aber die Teile von viel besseren Teams kaufen konnten. Damit waren sie viel schneller erfolgreich und haben diesen ganzen Prozess abgekürzt", so Williams, die mit ihrer Strategie in eine Sackgasse lief.

"All das zusammen hat uns ans Ende des Grids zurückgeworfen. Und wenn du einmal dort bist, erhältst du natürlich auch weniger Preisgeld und es gibt weniger Interesse von Sponsoren, also steht dir weniger Geld zur Verfügung und du kannst dir den Weg aus der Krise nicht erkaufen. Und in der Formel 1 musst du, wenn du in Schwierigkeiten stehst, deinen Weg aus der Krise erkaufen", sagt sie.

George Russell und Robert Kubica waren 2019 mit dem Williams FW42 chancenlos - Foto: LAT Images

Ende des Familienbetriebs 2020 unausweichlich

2019 erreichte Williams nur einen WM-Punkt durch einen unzufriedenen und frustrierten Robert Kubica, der sich bei seinem Comeback nach acht Jahren Pause in Folge seines schweren Rallye-Unfalls im Winter 2011 mehr erhofft hatte. Der hochmotivierte George Russell, der für seine Rookiesaison von Förderer Mercedes bei Williams in die Lehre geschickt wurde, blieb trotz starker Vorstellungen punktelos.

Nach dem Katastrophenjahr rappelte sich die Truppe für 2020 wieder auf. Top-Talent Russell blieb im Team, während mit Nicholas Latifi der nächste Paydriver anrückte. Bei den Wintertestfahrten in Barcelona war Rokit noch an Bord und Russell mit schnellen Rundenzeiten. Der Verlust des Sponsor und die durch die verkürzte Saison gesunkenen Einnahmen brachten Williams an den Rande des Ruins.

"Für uns war Ende 2020 als Familie einfach Endstation. Wir wussten, wir müssen loslassen und an Leute übergeben, die in der Lage sind zu investieren und Geld haben, und nicht erst nach Sponsoren suchen müssen. Damit können sie sich Zeit kaufen, um in der Formel 1 wieder nach vorne zu kommen", erklärt Williams, die sich ihres Vermächtnisses in den Köpfen der F1-Fans bewusst ist.

George Russell platzierte den Williams 2020 in einigen Rennen mit viel Einsatz im Mittelfeld - Foto: LAT Images

Claire Williams räumt Fehler ein und schmettert Kritiker ab

"Die Menschen bringen mich mit den schlechtesten Jahren von Williams in der Formel 1 in Verbindung", sagt sie. Mit ihrem Führungsstil stand sie in der Kritik. Die Rufe nach ihrer Absetzung wurden von Rennen zu Rennen lauter: "Ich denke, die Leute haben sich an einem Punkt gegen mich gewendet. Und das aus gutem Recht: Ich war der Boss, und das Problem verschwindet mit mir."

Der Spießrutenlauf wurde zu einem Dauerzustand, dem sie nur schwer entkommen konnte. "Das kam ständig: "Oh, sie ist nur da, weil sie eine Frau ist." Und ich bekam auch oft "sie hat den Job ja nur, weil sie Franks Tochter ist. Schmeißt sie raus", zu hören", erinnert sich Williams, die einräumt, Fehler gemacht zu haben.

"Du triffst Entscheidungen, weil du glaubst, dass es die richtigen Entscheidungen sind und manchmal funktioniert es nicht. Das ist in meinem Fall passiert. Aber ich bin dafür natürlich sehr unter Beschuss gekommen. Ich wurde auseinandergenommen, ich habe viel Prügel bezogen, vor allem in den sozialen Medien."

Claire Williams und Vater Frank Williams setzten ihre Hoffnungen seit 2019 auf Mercedes-Talent George Russell - Foto: Williams

Williams muss sich für Familienbetrieb nicht rechtfertigen

Trotz der negativen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit blieb sie bis zum Verkauf an der Spitze des Teams. Sich mit schlechter Presse oder kritischen Fans zu belasten, kam nicht in Frage. "Das hätte in mir zu viel negative Energien freigesetzt und ich musste meine Aufmerksamkeit auf das Team fokussieren, um zu beweisen, dass ich es konnte", sagt sie. Ihr Ziel erreichte sie nicht, doch sich für ihren Karriereweg zu rechtfertigen, sieht sie nicht ein.

"Ich bin die Tochter meines Vaters und das ist einer der Gründe, weshalb ich in dieser Position war, verdammt nochmal. Weil wir eine Familie sind und die Leute bei Williams wollten, dass die nächste Generation das Team weiterführt und die Familie weiter involviert ist. Das war der Sinn dahinter", stellt sie klar. "Jeder der kritisiert, dass ich von meinem Vater übernommen habe, hat den Sinn und Zweck einer Familie und nachfolgender Generationen nicht verstanden."


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