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Formel 1, Bahrain-Vorschau: Klare Verhältnisse anstatt Chaos

Auftakt zum letzten Triple-Header 2020 in Bahrain. Mercedes als Weltmeister ohne Ruhe, Ferrari im WM-Kampf ohne Teamchef. Die Vorschau für den Wüsten-GP.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Der GP-Kurs von Bahrain bereitet an diesem Wochenende die Bühne für das 15. von 17 Rennen in der Formel-1-Saison 2020. Das Nachtrennen im Wüstenstaat führt Fahrer und Teams erstmals seit Sotschi wieder zurück auf bekanntes Terrain. Kein Eifelnebel, kein verkürztes Wochenende und kein neuer Asphalt bedeuten klare Verhältnisse auf und neben der Rennstrecke.

Mercedes geht nach der Titelverteidigung von Lewis Hamilton einmal mehr als klarer Favorit in den Grand Prix. Der Kampf im Verfolgerfeld geht dafür in die ganz heiße Phase. Racing Point, McLaren, Renault und Ferrari kämpfen um Platz drei in der Konstrukteursweltmeisterschaft und setzen dabei allesamt auf ihr ganz eigenes Erfolgsrezept.

Kein Mercedes-Müßiggang nach Hamilton-Titel

Lewis Hamilton haftete in vergangenen Jahren der Ruf an, nach einer vorzeitig gewonnenen Weltmeisterschaft an Motivation zu verlieren. In der Saison 2015 überließ er Teamkollege Nico Rosberg mehr oder weniger kampflos das Feld, nachdem er schon drei Rennen vor Schluss als Weltmeister feststand.

Bei seinen Titelgewinnen in den Jahren 2017, 2018 und 2019 wiederholte sich dieses Phänomen allerdings nicht. Mercedes-Teamchef Toto Wolff will dafür sorgen, dass auch diese Saison keinen Zweifel an der Mercedes-Dominanz aufkommen. "Die beiden WM-Titel mögen schon vergeben sein, aber wir werden trotzdem unser Bestes geben", kündigt der Österreicher an.

Hamilton könnte seinen Weltmeistertitel mit einem elften Sieg noch ein wenig schmücken, der Teamkollege hingegen hat nach dem bitteren Sonntag in Istanbul etwas Balsam für die Seele nötig. Valtteri Bottas drehte sich im Rennen sechs Mal und kam als 14. mit einer Runde Rückstand auf Hamilton ins Ziel.

"Wir wissen, wie stark und unverwüstlich er ist. Ich bin davon überzeugt, dass er sich in den drei noch verbleibenden Rennen gestärkt zurückmelden wird", ist Wolff zuversichtlich, dass sich der Finne auch von diesem Rückschlag erholen wird. Bahrain zählte in der Vergangenheit zu den stärkeren Strecken von Bottas. 2017 holte er in der Wüste seine erste Pole Position.

"Für die Rennen jetzt habe ich keinen Druck. Wir werden sehen, ob das einen Unterschied macht. Ich freue mich auf die Rennen, um ein gutes Resultat oder auch mehrere zu holen. Aber noch mehr freue ich mich auf nächstes Jahr", so Bottas.

Red Bull nur Außenseiter

Der einzige Mercedes-Gegner erwartet auch an diesem Wochenende wieder einen schweren Stand. 2019 war Red Bull in Bahrain nur dritte Kraft und verlor im Rennen teilweise über fünf Zehntelsekunden auf die Spitze, wodurch Verstappen weit über eine halbe Minute zurückfiel. Der Niederländer sprach danach von einem verdienten vierten Platz.

"Wir kennen diese Rennstrecke zwar sehr gut, aber sie ist immer sehr hart zu den Reifen", erklärt er vor dem kommenden Wochenende. In Istanbul waren die Bedingungen zwar andere, doch das Reifenmanagement des RB16 vereitelte dort in Kombination mit einem falsch eingestellten Frontflügel die Chance auf den Sieg.

"Es wird sehr wichtig sein, hier ein gutes Setup zu finden, um das auszumerzen", so Verstappen mit Blick auf den Reifenhunger seines Boliden. Ohne chaotische Bedingungen wie in der Türkei rechnet er allerdings kaum mit der großen Außenseiterchance: "Die letzten Rennen werden eher eine klare Angelegenheit."

Mit einem überschaubaren Rückstand von 27 Punkten auf Bottas ist für ihn immer noch der zweite Platz in der Weltmeisterschaft drin. Sein Teamkollege hat ebenfalls einen guten Grund, die Motivation nicht schleifen zu lassen. Alexander Albon fährt nach schwachen Resultaten in den vergangenen Rennen weiter um seine Zukunft bei Red Bull.

"Ich bin zuversichtlich, dass es in die richtige Richtung geht", bleibt der Thailänder vor den für seine Karriere womöglich entscheidenden Rennen optimistisch. "Es lief bei mir zuletzt besser und ich war mit dem Auto auch im Simulator zufrieden. Ich freue mich auf Bahrain."

Ferrari auch in Bahrain ohne Mattia Binotto

Die Verfolger werden etwas mehr als nur Zweckoptimismus brauchen, um ihre Ziele zu erreichen. Zwischen den Plätzen drei und sechs der Konstrukteursweltmeisterschaft liegen nur 24 Punkte. Mit dem besten Saisonresultat durch Sebastian Vettel und Charles Leclerc auf den Positionen drei und vier in Istanbul, gelang der Scuderia in ihrem Seuchenjahr gerade noch rechtzeitig der Anschluss.

Teamchef Mattia Binotto war beim Rennen in der Türkei erstmals in Maranello geblieben und hatte die Geschicke vor Ort Sportdirektor Laurent Mekies überlassen. Das Oberhaupt des Teams wird auch in Bahrain nicht am Kommandostand sitzen. "Ich werde an der Strecke nicht immer gebraucht. Letztendlich bin ich für das gesamte Ferrari-Team verantwortlich", erklärte der Teamchef seine erneute Abwesenheit.

Ferrari holte in den vergangenen drei Rennen mit 50 Punkten die beste Ausbeute der Teams im Verfolgerfeld. Racing Point (34), McLaren (33) und Renault (22) büßten allesamt auf die Italiener ein. Binotto schöpft angesichts dieser Entwicklung neue Hoffnung, den für Ferrari "inakzeptablen" sechsten Platz in der Weltmeisterschaft noch abzuwenden.

Renault lehnt Favoritenrolle ab

Angesichts des über weite Strecken großen Rückstandes gilt Ferrari zweifelsohne als Außenseiter im Kampf um Rang drei der Hersteller. Unter den Konkurrenten kippte das Kräfteverhältnis zuletzt in Richtung Racing Point. "Es ist sehr schade, dass wir so abgestürzt sind. Es schmerzt, das lässt sich nicht leugnen", so Ricciardo, der für Renault dieses Jahr bereits zwei dritte Plätze eroberte.

Das französische Werksteam zeigt im fünften Jahr seit der Rückkehr erstmals Glanzmomente, doch Ricciardo sieht seine Leute trotzdem nicht als Favorit im Kampf des Best of the Rest. "Wir sind sicherlich der Underdog, aber es ist noch möglich. Wir haben immer noch drei Rennen", sagt er. "Wenn es nur noch eins oder zwei wären, wäre ich sicher etwas pessimistischer."

Beim Verhältnis von 96:40 Punkten zwischen Daniel Ricciardo und Teamkollege Esteban Ocon herrscht im Hause Renault darüber hinaus ein ähnliches Ungleichgewicht wie bei Ferrari und Racing Point. Leclerc hat 64 Zähler mehr als Vettel gesammelt, bei den Pinken ist Sergio Perez gegenüber Lance Stroll mit 41 Punkten im Vorteil. Das konstanteste Team im Mittelfeld ist McLaren. Carlos Sainz und Lando Norris trennt in der WM lediglich ein Punkt.

Die Titelverteidiger des Mittelfelds bauen dementsprechend auf Konstanz. "Wir wissen, wie stark unsere Gegner sind. Unser Fokus liegt darauf, das Maximum aus dem Auto zu holen, dabei die Zuverlässigkeit im Griff zu haben und alles aus unseren Möglichkeiten zu schöpfen", so McLaren-Teamchef Andreas Seidl.

Der Bahrain International Circuit

Ursprünglich als zweites Rennen der Saison 2020 im März geplant, ist Bahrain durch die weltweite Krisensituation ans Ende des Kalenders gerutscht. Der Bahrain International Circuit ist seit seiner Eröffnung im Jahr 2004 fester Bestandteil der Formel 1. Einzig im Jahr 2011 fiel der Grand Prix in der Wüste aufgrund politischer Unruhen aus.

Für das erste von zwei aufeinanderfolgenden Rennen in Bahrain wird am kommenden Wochenende die altbekannte GP-Variante mit einer Länge von 5,412 km genutzt. Diese besteht aus sechs Links- sowie neun Rechtskurven und verfügt erneut über drei DRS-Zonen, welche sich auf der Start- und Zielgeraden, der Gegengeraden sowie dem Teilstück zwischen den Kurven drei und vier befinden.

Im Vorjahr wurden auf der Renndistanz von 57 Runden insgesamt 43 der insgesamt 61 Überholmanöver mit Hilfe des DRS durchgeführt. Rennsieger Lewis Hamilton setzte auf eine Zweistoppstrategie mit Reifenwechseln in den Runden 13 und 34 und fuhr dabei zwei Stints auf Soft sowie einen auf Medium.

Das Wetter für den Bahrain GP

Die Regenvorhersagen der vergangenen Woche haben sich mittlerweile erledigt. In Bahrain droht auch im November keine böse Überraschung. Die Meteorologen sagen für das erste der drei Rennen in den Vereinigten Arabischen Emiraten einmal mehr stabile Bedingungen voraus. Zum Start ins Wochenende werden 27 Grad Celsius Außentemperatur noch durch eine Wolkendecke getrübt.

An den darauffolgenden Tagen klart es auf und die Temperaturen bleiben konstant unter der 30-Grad-Marke. Tatsächlich gibt es sowohl am Samstag als auch am Sonntag eine leichte Regenwahrscheinlichkeit von rund 15 Prozent, allerdings dürften vereinzelte Tropfen im Falle des Falles kaum Einfluss auf das Geschehen haben.

Der Zeitplan zum Bahrain GP

Das erste Nachtrennen der Saison findet dank der Zeitverschiebung zwischen dem Mittleren Osten und Mitteleuropa bei uns zur gewohnten Zeit statt. Qualifying und Rennen gehen um 15:00 Uhr bzw. 15:10 Uhr über die Bühne. Nach vier Wochenenden ohne Rahmenprogramm ist in Bahrain die Formel 2 wieder mit von der Partie, die dort das vorletzte Event der Saison 2020 abhält.