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Formel-1-Analyse: Schenkte Rennleitung Hamilton den Imola-Sieg?

Lewis Hamiltons Triumph in Imola sorgt für Diskussionen: Profitierte er nur von den Problemen bei Valtteri Bottas und einer mehr als glücklichen VSC-Phase?
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Egal, was in der Formel-1-Saison 2020 passiert, am Ende gewinnt fast immer Lewis Hamilton. In Imola holte er im 13. Rennen bereits seinen neunten Sieg. Dabei sah es zwischendurch nicht besonders gut für ihn aus: 'Nur' Platz zwei im Qualifying und ein schwacher Start sorgten dafür, dass er im ersten Renndrittel hinter Valtteri Bottas und Max Verstappen lag.

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Doch dann spielte ihm das Schicksal in die Karten. Aber hatte Hamilton einfach nur Glück? Half ihm sogar die Rennleitung auf dem Weg zu Sieg Nummer 93? Oder war es die berühmt-berüchtigte Hammertime und eine exzellente fahrerische Leistung, die ihm den GP-Sieg bescherte?

Die ersten 17 Runden des Emilia Romagna GP waren zuerst einmal nicht von Spannung gekrönt. Vorne fuhr Valtteri Bottas mit seinem beschädigten Mercedes, direkt dahinter Max Verstappen, direkt dahinter Lewis Hamilton. Obwohl Bottas ab Runde zwei 50 Punkte Abtrieb fehlten, kam die Konkurrenz nicht vorbei. Ein Armutszeugnis für die Formel 1.

Bottas vor Verstappen und Hamilton - eine einzementierte Startphase in Imola - Foto: LAT Images

Genauso die Tatsache, dass Daniel Ricciardo trotz der Bottas-Probleme nicht im Ansatz die Pace der Spitze mitgehen konnte. Nach 13 Runden fehlten dem Viertplatzierten schon fast 20 Sekunden auf den Spitzenreiter.

Aber dann nahm das Rennen etwas an Fahrt auf: Red Bull holte Verstappen in Runde 18 zum ersten und einzigen geplanten Stopp. Zu diesem Zeitpunkt lag er gut zwei Sekunden hinter Bottas. Damit war klar, dass Bottas eine Runde später zum Reifenwechsel kommen musste, um einen Undercut zu verhindern.

Hamilton zeigt wahre Mercedes-Pace in Imola

Mercedes reagierte prompt und sicherte Bottas so die Position gegen Verstappen. Dadurch begann vorne das Rennen von Lewis Hamilton: Der Weltmeister hatte nun freie Fahrt. Sofort erhöhte er das Tempo - trotz alter Reifen um eine halbe Sekunde. Nach einigen Runden fuhr er sogar schon eine Sekunde schneller.

Selbst die Überrundungen von Antonio Giovinazzi, Romain Grosjean, Lance Stroll und Kevin Magnussen konnten Hamilton nicht einbremsen. Zwar wurde er dadurch langsamer, war aber noch immer schneller als zuvor hinter Verstappen und Bottas. Spätestens jetzt war klar, wie sehr Bottas das Tempo an der Spitze eingebremst hatte.

Bitter für Verstappen: Er hing auch mit frischen Reifen wieder hinter Bottas. Der Finne fuhr nach dem Stopp nicht schneller, konnte so den Extra-Grip der nagelneuen harten Reifen nicht nutzen. Im Fernduell fuhr Hamilton mit den alten Mediums fast jede einzelne Runde schneller. Selbst im Überrundungsverkehr verlor Hamilton nicht auf Bottas.

Und so wurde aus dem Verhindern des Verstappen-Undercuts von Bottas schnell ein Overcut für Hamilton. Die Frage ist: Warum ließ Mercedes das überhaupt zu? Hat man damit nicht die eigenen Piloten gegeneinander ausgespielt? Wenn Bottas in der Vergangenheit eine alternative Strategie wollte, wurde ihm die meist verweigert.

Vettel-Trümmerteil ruiniert Bottas' Strategie

"Das sind unterschiedliche Szenarien", erklärt Bottas. "Wir haben uns heute am Morgen die Pläne angesehen, was passieren würde, wenn einer von uns durch einen Undercut von Red Bull unter Druck gerät. Das war heute ich, ich musste reagieren. Wenn ich in Lewis' Position gewesen wäre, hätte ich genau dasselbe wie er getan."

Toto Wolff fügt an: "Wenn Valtteri das Problem mit dem Trümmerteil nicht gehabt hätte, wäre es ein enger Kampf um den Sieg geworden." Das glaubt auch Bottas: "Lewis hatte wegen meinen Problemen die stärkere Pace, deshalb waren es zwei komplett unterschiedliche Szenarien. Unsere Regeln sind gut, sie funktionieren, wir befolgen sie und deshalb ist es komplett fair."

Denn hätte Bottas keine Probleme gehabt - die 50 Punkte Abtrieb sollen zwischen 0,7 und 1,0 Sekunden gekostet haben -, hätte Hamilton niemals mit alten Reifen aufholen können. Allerdings lag Hamilton vor den Stopps auf Rang drei und hatte 4,5 Sekunden Rückstand auf seinen Teamkollegen.

4,5 Sekunden müssen auch gegen einen beschädigten Mercedes mit frischen Reifen erst einmal aufgeholt werden. In Runde 29 hatte Hamilton 28,190 Sekunden Vorsprung auf Bottas. Ein Boxenstopp kostete zwischen 26 und 28 Sekunden. Es wäre eng geworden. Doch dann kam das Virtuelle Safety Car ins Spiel.

In Runde 28 musste Esteban Ocon seinen Renault am Streckenrand abstellen. Der Franzose parkte sein Auto günstig, sodass es für die Marshalls gut zu bergen war. Trotzdem gab es zunächst eine Gelb-Phase, in der die Streckenposten nicht ans Auto gingen. Erst nach etwa einer Runde rief die Rennleitung eine VSC-Phase zur Bergung aus.

Diese war für Hamilton ein Geschenk. Boxenstopps während VSC kosten deutlich weniger Zeit als während des regulären Rennbetriebs. Und dann hatte der Brite gleich doppeltes Glück: Das virtuelle Safety Car galt nur wenige Sekunden.

Half die Rennleitung Hamilton? FIA widerspricht

Just als Hamilton aus der zweiten Rivazza fuhr, begann das VSC. Mercedes konnte so in letzter Sekunde darauf reagieren und Hamilton zum Stopp holen. Wenige Sekunden nachdem alle vier Reifen gewechselt waren, war die VSC-Phase schon wieder zu Ende. Für den Rekordsieger war das VSC perfekt getimt, so kam er vier Sekunden vor Bottas wieder zurück auf die Strecke.

Warum rief die Rennleitung nicht sofort eine VSC-Phase aus? Und warum war sie dann nur genau so lange, dass Hamilton seinen Stopp absolvieren konnte? Wurde hier Hamiltons Glück auf die Sprünge geholfen?

Rennleiter Michael Masi erstickt die Verschwörungstheorien im Keim: "Wir haben zunächst sichergestellt, dass alle Marshalls an der richtigen Stelle sind, bevor sie auf die Strecke gehen und wir eine VSC-Phase ausrufen. Bis dahin galt doppelt Gelb. Als dann alle bereit waren, das Auto zu bergen, haben wir VSC ausgerufen. Weil alle vorbereitet waren und das Auto gut geparkt war, ging es dann sehr schnell. Es gab keinen Grund, das VSC künstlich zu verlängern."

Bottas-Block hält Hamilton Verstappen vom Hals

Damit war das Rennen an der Spitze gelaufen. Hamilton hatte die Führung übernommen und hatte dabei noch den Vorteil von zwölf Runden frischeren Reifen. Klar, dass er nun davonziehen würde.

Neben Bottas' Problem und dem VSC hatte der 93-fache GP-Sieger aber noch zusätzliches Glück: Bottas nahm sich aufgrund des Trümmerteils nicht nur selbst aus dem Rennen, sondern auch noch Max Verstappen. Denn hätte der Niederländer nach dem Stopp freie Fahrt gehabt, hätte Hamiltons Overcut nie funktioniert.

Der kaputte Bottas-Mercedes bremste jedoch den Red Bull, und verschleierte Verstappens wahre Pace. Erst als er nach einem Fehler vorbeigehen konnte, zeigte diese Pace sich. Sofort fuhr Verstappen eine Sekunde schneller. Bis schließlich ein Reifen aufgrund von Trümmern platzte.

Fazit: Hamilton hatte in Imola Glück, keine Frage. ABER: Als es draufankam, hatte er noch genügend Pace in seinen alten Medium-Reifen. Selbst Überrundungen konnten ihn dabei nicht aufhalten - auch das will gekonnt sein! Und: Auch ohne VSC wäre er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit deutlich frischeren Reifen vor Bottas geblieben. Für die Blockade-Dienste an Verstappen darf Hamilton seinem Teamkollegen dankbar sein.


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