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Formel 1

Formel 1 Nürburgring: 7 Schlüsselfaktoren zum Rennen heute

Das Comeback der Formel 1 auf dem Nürburgring verspricht heute Spannung pur. Kaum Training und Eifel-Wetter bringen Unbekannte. Worauf es zu achten gilt.
von Jonas Fehling

1. - S wie Startaufstellung

Zum dritten Mal in der Formel-1-Saison 2020 hat es Valtteri Bottas in einem Qualifying geschafft, Mercedes-Teamkollege Lewis Hamilton zu schlagen. Um eine solide Viertelsekunde verwies der Finne den Weltmeister auf den zweiten Platz der Startaufstellung für den heutigen Eifel GP der Formel 1 auf dem Nürburgring (Start des Rennens heute schon um 14:10 Uhr, live auf RTL, Sky und via Live-Stream auf F1 TV und Youtube).

Hinter dem Mercedes-Duo bilden Max Verstappen im Red Bull und Charles Leclerc im Ferrari eine klangvolle zweite Startreihe. Vor allem der Monegasse lieferte in der Qualifikation eine Überraschung - immerhin startet Teamkollege Sebastian Vettel nur vom elften Rang. Aus Reihe drei starten Alexander Albon und Daniel Ricciardo im Renault.

Esteban Ocon, Lando Norris, Sergio Perez und Carlos Sainz komplettieren die Top-10. Nico Hülkenberg startet sein zweites Blitz-Comeback der Formel-1-Saison 2020 vom letzten Platz. In der Startaufstellung steht der Emmericher damit direkt neben Kimi Räikkönen, der bei Erlöschen der Startampel zum alleinigen Rekordstarter der Königsklasse aufsteigen wird (323 Grands Prix).

2. - S wie Start

So zahlreich und groß die Unbekannten beim Formel-1-Rennen auf dem Nürburgring heute auch sein mögen [vgl. S wie Strategie, S wie Sau-Wetter, S wie Schwierigkeiten], der Start wird nicht an Bedeutung verlieren. "Ich muss mich auf all die Details konzentrieren. Das erste davon wird der Rennstart sein. Ich kann die Pole nicht zu sehr genießen, denn morgen ist der Tag, der wirklich zählt", sagte Bottas nach dem Qualifying nicht umsonst.

Gerade der Finne wird sich auf den Start fokussieren wie kaum ein anderer, immerhin vergab Bottas hier in der laufenden Saison bereits mehrfach seine Siegchancen. Besonders interessant machen die ersten Meter aus der Startaufstellung die kühlen Bedingungen in der Eifel. Die Reifen schon am Start auf ideale Temperatur zu bekommen, ist unfassbar schwierig. Im Qualifying steig die Asphalttemperatur nicht über 16 Grad Celsius, am Sonntag soll es so bleiben. Um zumindest in die Nähe des Betriebsfensters zu gelangen, entschieden sich alle Teams im Q2 letztlich dafür, mit Soft in Q3 zu gelangen. Der weiche Reifen ist schneller auf Temperatur - und liefert generell bessere Traktion.

"Gerade im Briefing haben wir nochmal ganz klar festgestellt, dass Soft klar die bessere Option am Start ist“, bestätigte Toto Wolff am Samstagabend. Zuvor hatte Hamilton berichtet, er wäre gerne auf Medium gestartet. „Ich hätte auf den Reifen durchkommen können", ärgerte sich Hamilton. "Ich wollte darauf starten, weil ich immer gerne etwas anderes mache, aber das Team wollte, dass wir beide auf den gleichen Reifen starten.“

Für Mercedes-Motorsportchef Wolff hätte es sich bei einer anderen Entscheidung um einen Fehler gehandelt. „Alle anderen wären auf Soft gestartet, weil sie nicht auf Medium weitergekommen wären, damit hätte er am Start verloren. Das wäre ein großes Risiko gewesen“, erklärte Wolff. Das sah letztlich auch Hamilton ein. „Ich bin sicher, dass es die richtige Wahl war. Die andere hätte es etwas härter gemacht“, sagte der Weltmeister.

3. - S wie Strategie

Die große Frage: Hätte sich Hamiltons Nachteil mit Medium im Start-Stint nach überstandener Anfangsphase in einen strategischen Vorteil verwandeln können? Geht es nach Pirellis Empfehlungen - diesmal nur auf sehr dünner Daten-Basis des einzigen Trainings am Samstagvormittag - lautet die Antwort: eher nein. Die Italiener raten vor allem zu Varianten mit zwei Boxenstopps, um die 60 Runden in der Eifel schnellstmöglich zu beenden - beide mit einem ersten Stint auf Soft.

Als schnellste Strategie rät Pirelli zu 19 Runden Soft, gefolgt von 22 auf Medium und noch einmal 19 auf Soft. Etwas langsamer seien 18 Runden Soft, dann zwei Medium Stints zu jeweils 21 Runden. Klar langsam sei eine Einstoppstrategie ohne Verwendung des weichsten Reifens. Wer diese Option wählt, soll 29 Runden Medium fahren, dann für 31 Umläufe auf Hard wechseln.

Formel 1, Hintergründe zum Blitz-Comeback von Nico Hülkenberg!: (09:44 Min.)

Die Teams scheinen diese Variante ebenfalls abzulehnen. Das zeigt allein, das letztlich alle mit Soft in Q3 gelangen wollten. „Zumindest die Soft-Reifen schienen heute Vormittag recht gut zu halten. Somit sind wir froh, dass wir das Rennen darauf beginnen, aber wir werden uns den Reifenabbau während des ersten Stints ansehen, um zu sehen, ob es im Rennen einen oder zwei Stopps geben wird“, sagte Andrew Shovlin, leitender Ingenieur an der Strecke bei Mercedes.

4 - S wie Schwierigkeiten

Das größte Problem bei all diesen strategischen Überlegungen: Durch das wegen Regen und Nebels vollständig ausgefallene Freitagstraining weiß heute im Grunde niemand irgendetwas. "Es gibt für jedes Team viele Fragezeichen, zum Beispiel wie sich die Soft-Reifen im ersten Stint verhalten und wann wir sie wechseln müssen. Das macht es hoffentlich interessant“, sagte Bottas.

„Alle fahren morgen etwas ins Unbekannte. Das wird aufregend und macht das Rennen interessant“, bestätigte Leclerc. Abbau und Verschleiß der Reifen sorgen bei allen Parteien für Fragezeichen. „Wir sind noch keine Runs mit viel Benzin gefahren. Wir wissen also nicht, ob erst die Vorderreifen oder Hinterreifen abbauen werden“, mahnte Leclerc. „Der Schlüssel wird also sein, den Reifenabbau zu antizipieren. Das wird wichtig, um ein gutes Ergebnis zu erzielen.“

Toto Wolff macht sich deshalb weniger Sorgen, als man beim sonst so vorsichtigen Österreicher erwarten würde. „Wir tappen nicht so sehr im Dunkeln. Es geht einfach mehr darum, sich an die neue Situation anzupassen, mit weniger Daten zu arbeiten und zu akzeptieren, dass es Learning by Doing wird. Klar gibt es keine Lonruns-Daten, ob Hard oder Medium die richtige Wahl ist. Ich finde das aber super spannend", sagte der Wiener.

5. - S wie Sauwetter

Nicht leichter macht das Spiel mit den Unbekannten das Wetter. Einmal, weil sich in der Eifel bekanntlich von einem Moment auf den anderen alles ändern kann. Aktuell sind für den Sonntag immer wiederkehrende Regenschauer prognostiziert. Kurz vor dem Rennstart liegt die Regenwahrscheinlichkeit mit rund 30 Prozent am höchsten. Hinzu kommt die Kälte. Wie am Samstag soll es am heutigen Sonntag bei maximal neun Grad bleiben.

„Die Temperaturen, und damit die Reifen zu managen“, beschreibt Sebastian Vettel deshalb die größte Herausforderung im Rennen auf dem Nürburgring. Selbst Graining kam am Samstag vereinzelt vor. "Bei diesen extrem kalten Temperaturen sahen wir leichtes Graining am Vormittag, wie erwartet“, bestätigte Pirelli-Leiter Mario Isola.

Nebel und Regen beherrschten den Freitag am Nürburgring - Foto: LAT Images

Selbst die weiche Mischung bereitete dabei schon Probleme. "Es ist so kalt, dass es sogar knifflig ist, die weichen C4-Reifen auf Temperatur zu bekommen. Es wird eine Herausforderung werden, bei diesen Bedingungen auf die Vorderreifen aufzupassen“, sagte Daniel Ricciardo. „Es wird sehr wichtig, die Soft-Reifen zu managen. Die sind besonders wegen des Grainings im Longrun sehr schwierig. Das wird knifflig“, fürchtet auch Leclerc.

Isola gibt zumindest leichte Entwarnung. „Als mehr Gummi auf die Strecke kam und die Autos ihre Setups angepasst hatten, verbesserte sich die Situation bereits", sagte der Italiener. "Auf die Reifen aufzupassen wird trotzdem kritisch sein, in einem wohl unvorhersehbaren Grand Prix mit unsicherem Wetter."

6. - S wie Sensations-Comeback 2.0

Noch eine Unbekannte, aber ganz für sich genommen: Nico Hülkenberg. Mr. Unverhofft kommt oft. Schon zum zweiten Mal in der Saison 2020 springt der Emmericher kurzfristig für einen erkrankten Fahrer von Racing Point ein. War es in Silverstone noch eine Corona-Infektion Sergio Perez’ ist es auf dem Nürburgring diesmal ein nervöser Magen Lance Strolls, der Hülkenberg erneut ein - diesmal noch blitzartigeres - Comeback in der Formel 1 bescherte.

Erst gegen elf Uhr am Samstagvormittag - beim Morgenkaffee mit einem Freund - erfuhr der Emmericher von seinem Glück. Im Porsche ging es daraufhin von Köln zum Nürburgring - und da sofort ins Qualifying. Statt eines Trainings kam Hülkenberg nicht über Trockenübungen am Lenkrad hinaus. Dementsprechend wundert es kaum, dass mehr als der letzte Startplatz nicht dabei heraussprang: Neun Zehntel Rückstand auf Sergio Perez waren zumindest noch vorzeigbar, zumal Hülkenberg den RP20 aus Silverstone kannte. Seitdem hat sich der Bolide allerdings verändert.

Das berichtete nicht nur Hülkenberg, sondern bestätigte auch Teamchef Otmar Szafnauer. „Wir haben einige Änderungen am Auto vorgenommen seit er es letztmals gefahren ist. Er war überrascht davon und meinte, das Auto fühle sich deshalb anders an. Er wird sich schon dran gewöhnen und insgesamt war er sowieso happy, dass die Balance nicht so weit weg war“, sagte Szafnauer.

Im Rennen beginnt das Lernen allerdings erneut fast von Null. „Mit vollem Tank wird es im Renntrimm wieder anders aussehen“, sagt Hülkenberg, bremst gleich einmal die Erwartungen und scherzt: „Alles andere als der Rennsieg wäre eine Enttäuschung.“

Zumindest Punkte traut Teamchef Szfanauer dem Emmericher beim Heimrennen aber zu. Trotz der Spontanität, trotz P20. Szfanauer: „Er hat ein ordentliches Rennauto unter sich. Er hat jetzt einige Runden [zehn] gedreht. Und wenn er einen guten Start erwischt, dann hat er eine Chance auf Punkte.“ Hülkenberg: „Es wird aber eine riesige Herausforderung.“

7. - S wie Sieger

Prognosen zum schnellsten Paket beim Eifel GP sind unmöglich. Keine Longruns, keine Daten, keine Antworten. Wir wissen nicht, wie schnell unsere Konkurrenten auf Longruns sind und wir wissen auch nicht genau, wie sich die Reifen verhalten werden“, sagt Mercedes-Mann Shovlin. Eine Zahl macht Mut, dass die Formel 1 am Sonntag zumindest keine langweilige Mercedes-Spazierfahrt erleben wird: Max Verstappen fehlten im Qualifying keine drei Zehntel zur Pole. Ist Red Bull schon an einem Samstag derart dicht dran, weckt das Hoffnungen für das Rennen.

„Wir kommen Mercedes näher, das ist positiv“, sagt Verstappen. „Und für gewöhnlich sind wir sonntags näher an ihnen dran. Morgen soll es sogar noch kälter werden, es wird also interessant ... Schauen wir einfach, was wir ausrichten können.“

Statistisch darf sich hingegen Hamilton besonders viel ausrechnen. Vier der letzten fünf Rennen auf dem Nürburgring wurden vom zweiten Startplatz gewonnen, darunter eines, 2011, durch ihn selbst. Ob das - oder was sonst- im Rennen den Unterschied machen wird? „Weiß ich nicht“, sagt Hamilton. Das könne Vieles sein: „Graining, wie die Reifen sich Verhalten, ein oder zwei Stopps, alle mit Soft am Start und ein Safety Car, das es besonders hart machen würde - morgen spielt da viel hinein.“

Jede Menge Parameter also - und keiner davon ist sicher. „Der Ausgang des Rennens ist ungewisser denn je“, resümiert Ferrari-Sportdirektor Laurent Mekies. Mit Vettel außerhalb und Leclerc innerhalb der Top-10 verfügt Ferrari zumindest über taktische Variabiltät. „Wir können mit unseren Fahrern so auf unterschiedliche Strategien gehen und versuchen, das Maximum aus jeder Gelegenheit zu machen.“ Zum Siegkandidaten dürfte es allerdings selbst für Leclerc - trotz Startplatz vier - bei nur halbwegs normalem Rennverlauf kaum reichen.


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