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Formel 1

Formel 1 Sotschi 2020: 7 Schlüsselfaktoren zum Rennen heute

Mercedes-Selbstläufer beim Formel-1-Rennen in Russland? Darauf deutet heute nicht mehr alles hin. Start, Startaufstellung und Hamilton-Reifen bringen Würze.
von Jonas Fehling

1. - S wie Startaufstellung

Mercedes gesprengt! Die Startaufstellung beim Formel-1-Rennen in Russland (Start in Sotschi, heute 13:10 Uhr, live im TV auf RTL, Sky und im Livestream F1 TV) liefert ein in der F1-Saison 2020 ungewohntes Bild. Lewis Hamilton startet zwar regulär (zum siebten Mal) von der Pole Position, neben ihm schlägt allerdings nicht Valtteri Bottas, sondern Max Verstappen auf - nach einem bis dato schwierigen Wochenende für Red Bull mehr als nur überraschend.

Erst auf dem dritten Rang folgt der Finne in Mercedes-Diensten, der sich die zweite Startreihe mit Sergio Perez im Racing Point teilt. In Reihe drei folgen der Renault von Daniel Ricciardo und der McLaren von Carlos Sainz. Die Top-10 komplettieren Esteban Ocon, Lando Norris, Pierre Gasly und Alexander Albon.

Erneut von außerhalb der Top-10 der Startaufstellung nehmen die beiden Ferrari das Rennen auf. Im Vorjahr beim Großen Preis von Russland noch gemeinsam in Reihe eins, muss Charles Leclerc diesmal von P11 sein Glück versuchen, Sebastian Vettel startet nach seinem Crash im Q2 sogar nur von P15. Vorausgesetzt, Ferrari muss wegen beschädigter Updates nicht auf eine ältere Spezifikation zurückrüsten. Das wäre ein Verstoß gegen die Parce-fermé-Regeln, Vettel müsste dem Feld aus der Boxengassen hinterherjagen.

2. - S wie Start

Damit würde der Deutsche zumindest der in Sotschi alles andere als ungefährlichen Startphase ausweichen. Von 2015 bis 2017 knallte es nach dem langen Startsprint bis zum ersten Bremspunkt in Kurve zwei oder drei durchgängig. Schon dieses hohe Unfallrisiko liefert Grund genug, den Start in Russland auf keinen Fall zu verpassen. Die wahre Würze bringen jedoch die 890 Meter von Pole bis Kurve zwei. Windschattenduelle sind programmiert.

Im Vorjahr wehrten Vettel und Leclerc die Verfolger mit cleverem Teamplay ab, 2020 kann Mercedes dieses Spiel nicht wiederholen, Bottas startet nur als Dritter. Somit sind vorne alle auf sich allein gestellt. Das freut mehr als alle anderen ausgerechnet den großen Verlierer des Qualifyings - Bottas. Der Finne könnte sich am Start als großer Profiteur erweisen, im Idealfall dank doppelten Windschattens von Verstappen und Hamilton.

Zumindest am Start glänzten Vettel und Leclerc 2019 in Russland mit Teamplay - Foto: LAT Images

„Platz drei ist auf dieser Strecke aber kein schlechter Startplatz und ich glaube auch, dass ich die richtige Reifenstrategie habe“, sagt Bottas. Wie man sich beim Start in Russland von P3 auf P1 katapultiert, weiß Bottas ganz genau. „Ich bin hier schon mal von P3 ins Rennen gegangen und ihr erinnert euch sicher noch daran, wie das ausgegangen ist. Jetzt werde ich versuchen, das zu wiederholen“, erinnert der WM-Zweite an den Auftakt jenes Rennens, das ihm 2017 seinen ersten Formel-1-Sieg überhaupt bescherte.

Weit besser im Qualifying, dennoch weit weniger glücklich mit dem Ergebnis - Pole - gibt sich Hamilton. Der Brite weiß genau, wie schwer es ist, die Pole in Sotschi über den ersten Kilometer zu retten. „Die Pole ist schön, aber das hier ist vielleicht der schlechteste Ort, um auf der Pole zu stehen, zumal die Autos in diesem Jahr noch einmal mehr Luftwiderstand bieten“, erklärt Hamilton, in Furcht vor dem mächtigen Windschatten seiner Jäger. „Deshalb erwarte ich einen harten Kampf bis zur zweiten Kurve.“

Im Kopf sofort nach dem Qualifying angenommen hat diesen Kampf Verstappen. Der Niederländer kündigt volle Attacke an. „Wenn wir einen brauchbaren Start haben, ist der Windschatten so stark, dass man dann nicht wissen kann, was in Kurve zwei passiert“, sagt Verstappen. Einen Trumpf hält Hamilton jedoch in Händen. Anders als Verstappen und Bottas startet der Brite auf den weichen statt mittelharten Reifen, verfügt also über bessere Traktion.

Noch dazu scheint Hamilton auch in Sachen Griplevel auf der besseren Seite zu stehen. Zumindest sieht Daniel Ricciardo im Ärger über den verpassten vierten Startplatz im Duell mit Sergio Perez genau diesen Vorteil. "Ich habe mich absichtlich für die Außenseite qualifiziert. Im Formel-2-Rennen heute Morgen sah die Außenbahn wie die bessere Linie aus“, sagt der Australier.

Formel 1, Russland GP: Wie entging Hamilton einer Strafe?: (10:34 Min.)

3. - S wie Strategie

"Ich starte auf dem schlimmsten Reifen", ärgert sich Hamilton trotz seines Traktionsvorteils. Den würde der Brite gerne gegen längere Haltbarkeit eintauschen. "Am Start selbst ist er gut, aber er baut am stärksten ab - zehn Mal mehr als die anderen Reifen“, erklärt der Mercedes-Pilot. „Das wird ein Problem." Ein selbstgemachtes Problem, hatte Hamilton im Q2 vor dem Vettel-Crash auf Medium-Pneus keine gültige Rundenzeit gesetzt und musste im einzigen Versuch in den beiden Schlussminuten mit Soft auf Nummer sicher gehen.

"Ich weiß nicht, ob ich dadurch zwei Stopps einlegen muss - hoffentlich nicht, denn die Boxengasse ist hier sehr langsam", fürchtet Hamilton. Das Tempolimit liegt in Russland bei 60 statt 80 Stundenkilometern. Noch dazu zählt die Boxengasse in Sotschi mit 427 Metern zu den längeren im Formel-1-Kalender. Zusammengenommen ergibt das eine Durchfahrtszeit von 25,6 Sekunden - ohne Standzeit. Ein gigantischer Zeitverlust, den man unbedingt nur einmal in Kauf nehmen möchte.

Keinen Mut macht Hamilton Pirelli. „Wir haben einen erheblichen Verschleiß festgestellt. Nach 15 Runden war der C5 komplett verschlissen“, bestätigt Mario Isola Hamiltons schlimmste Ängste. „Wenn sich jemand damit qualifiziert und darauf startet, dann kann ich mir vorstellen, dass er entweder zwei Stopps einplanen muss oder extrem haushalten muss, selbst wenn man dann im zweiten Stint mit dem Hard plant.“

Kurios: Gleichzeitig hält Pirelli einen Start auf Soft unter Laborbedingungen sogar für ideal. Rund zwölf Runden auf dieser Mischung, gefolgt von einem langen Schlussstint auf Hard nennen die Italiener für die schnellste Variante, die 53 Runden von Sotschi zu bewältigen. Etwas langsamer seien 22 Medium, dann 31 Hard. Von zwei Stopps hält Pirelli aus genannten Gründen eher ab, hinzukomme, dass sich in Russland nicht allzu leicht überholen lasse. Aber wie gesagt - Laborbedingungen. Der nächste Faktor zeigt, warum die Realität in Sotschi gerne einmal anders aussieht.

4. - S wie Safety Car

Ein weiterer Vorteil eines Start-Stints auf härteren Reifen ist, wie immer in der Formel 1, ein mögliches Safety Car. Grundregel: Wer länger fährt, hat länger die Chance, im Fall einer solchen Neutralisierung des Rennens Zeit sparend Reifen zu wechseln. In Sotschi gilt das aus gleich zwei Gründen ganz besonders. Zum einen liegt die statistische Wahrscheinlichkeit für einen Einsatz Bernd Mayländers im Sochi Autodrom mit 80 Prozent besonders hoch. Zum anderen spart man nirgendwo anders so gerne Zeit beim Boxenstopp wie in Sotschi. Grund dafür ist - genau - die bereits genannte lange Durchfahrtszeit durch das auf 60 km/h herabgesetzte Speedlimit in der Boxengasse.

5. - S wie Strafen

Kevin Magnussen, Romain Grosjean, Nicholas Latifi und allen voran Lewis Hamilton kamen im Qualifying nach Untersuchungen der Stewards um Strafen herum. Sie alle hatten sich desselben Vergehens schuldig gemacht und waren in Kurve zwei, nach Verpassen der Kurve, nicht dem seitens Rennleiter Michael Masi vor dem Rennwochenende angewiesenen Weg durch die Auslaufzone gefolgt, einem Umweg um Styroporblöcke herum, gefolgt.

Das verschaffte ihnen im Zeittraining keinen Vorteil, die dazugehörigen Rundenzeiten wurden ohnehin annulliert. Im Rennen würde das anders aussehen. Im Wiederholungsfall drohen für dieses Vergehen Zeitstrafen, den Stewards zufolge wohl in Höhe von fünf Sekunden. Damit nicht genug: Auch in der letzten Kurve müssen die Piloten besonders darauf achten, nicht zu oft gegen die Track Limits zu verstoßen. Gerade hier zählt jeder Stundenkilometer, folgt doch die lange Start-Ziel-Gerade.

Deshalb sind die Fahrer geneigt, sich aus der letzten Ecke so weit wie möglich heraustragen zu lassen. Auch hier wurde Hamilton schon im Qualifying eine Runde gestrichen. Im Rennen müssen sich die Fahrer in Sotschi durch die drohenden Strafen mehr zusammenreißen.

6. - Sommerbrise

Traumhafte Bedingungen für Motorsport liefert der russische Vorzeigebadeort Sotschi nach unerwarteten Wolken am Samstag heute wieder. 29 Grad Celsius und strahlender Sonnenschein werden über dem Sochi Autodrom erwartet. Eine Regenwahrscheinlichkeit besteht praktisch nicht. Dafür eine hohe Wahrscheinlichkeit für etwas kräftigeren Wind. Mit zumindest 16 km/h soll der im Rennen wehen und damit einen nicht zu verachtenden Faktor bilden. Je nach Windrichtung ändern sich die Bremspunkte. Die Auswirkungen spüren die sensiblen Formel-1-Boliden in Sotschi ganz besonders, zählt der 5,848 Kilometer lange Kurs zu den flachsten Strecken im Kalender.

7. - S wie Sieger

Noch am Freitag sprach alles für Mercedes. Nicht nur die Statistik - Mercedes ist im Sochi Autodrom noch ungeschlagen -, sondern auch die Ergebnisse der ersten beiden Trainings. Auf eine Runde flog Mercedes schon am Freitag ungewohnt weit auf und davon, auch auf den Longruns waren Hamilton und Bottas in einer eigenen Liga unterwegs. Mit Bottas nur auf P3 - trotz Windschatten-Hoffnung - und Hamilton im Reifen-Nachteil sieht die Welt nach dem Qualifying plötzlich ganz anders aus.

“Beide Autos hinter mir starten auf dem Medium, das wird es auf jeden Fall schwer machen, das Rennen zu gewinnen“, fürchtet Hamilton. Verstappen weiß allerdings genau: „In Sachen Rennpace sind die Mercedes-Jungs etwas schneller.“ Deshalb könne er nur versuchen, so gut wie möglich dranzubleiben und abzuwarten, was geschehe.

Dennoch: Zumindest an einen Kampf mit Mercedes denken kann Verstappen wieder – statt, wie noch am Freitag, sogar Renault fürchten zu müssen. Im Duell mit Hamilton macht dem Red-Bull-Piloten die Reifenwahl jedenfalls sehr viel Hoffnung. „Für uns ist das auf jeden Fall der ideale Weg, um das Rennen zu beginnen“, sagt Verstappen.

„Ich muss aber erst einmal einen guten Start haben. „Und mit einem guten Start meine ich, dass ich auch volle Power habe, wenn ich voll aufs Gas steige“, erinnert Verstappen an die technischen Probleme des vergangenen Rennens. Probleme, die Honda ausgeräumt haben will.


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