Motorsport-Magzain.com Plus
Formel 1

Formel 1 Spa 2020: So erklärt Ferrari die Belgien-Blamage

Sebastian Vettel und Charles Leclerc erlebten in Belgien ein wahres Debakel. Wie Ferrari die Blamage von Spa erklärt und was Mut macht für Monza.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Vor einem Jahr starteten Charles Leclerc und Sebastian Vettel mit ihren Ferrari in Spa aus der ersten Startreihe. Der Monegasse gewann anschließend sogar sein erstes Formel-1-Rennen. 2020 sieht die rote Welt gänzlich anders aus: Platz 13 für Sebastian Vettel, Platz 14 für Charles Leclerc.

Damit kamen die beiden Ferrari-Piloten in umgekehrter Reihenfolge ihrer Startpositionen ins Ziel. Einen Platz bekamen beide sogar noch am Start geschenkt, weil Carlos Sainz erst gar nicht am Belgien GP teilnehmen konnte.

Leclerc stürzt nach Raketenstart ab

Während Vettel auf den Medium-Reifen ins Rennen ging und einen unspektakulären Auftakt erlebte, konnte Leclerc auf den Soft-Reifen gleich mehrere Plätze gutmachen. Schnell fand sich der Monegasse auf Rang acht wieder. Doch dann gingt es nur noch rückwärts.

"Es ist eine andere Geschichte, wenn man auf einem falschen Startplatz ins Rennen geht und dann durchs Feld pflügt", erklärte Vettel das schwache Rennen von der schwachen Startposition. "Die Kombination aus zu wenig Leistung und zu wenig Grip macht es nicht einfach, wenn man eine ähnliche Pace fährt."

Als das Safety Car nach zehn Rennrunden ausrücken musste, lag Leclerc wieder direkt vor Vettel. Lange konnte er die am Start gewonnen Positionen nicht halten. "Die Autos hinter mir waren einfach schneller", bilanzierte er.

Leclerc wechselt auf zwei Stopps

Ein Problem kostete Leclerc zusätzliche Zeit: Offenbar verlor sein SF1000 Druckluft, die benötigt wird, um die pneumatischen Ventile zu steuern. Beim Boxenstopp mussten die Mechaniker den Tank deshalb nachfüllen. Dadurch fiel Leclerc hinter Vettel zurück.

Nach dem Restart entschied sich Ferrari - obwohl beide Piloten auf die Hard-Reifen gewechselt waren - für unterschiedliche Strategien. Leclerc ging auf zwei Stopps. "Weil ich eine ähnliche Pace wie Sebastian hatte und nicht an ihm vorbeigekommen wäre", erklärt er.

Tatsächlich kamen sich beide im Zweikampf wieder sehr nah. Doch durch den zusätzlichen Stopp bei Leclerc wurde die Situation aufgelöst. Auch der zweite Stopp dauerte etwas länger, weil die Mechaniker erneut Druckluft nachfüllten.

Musste Leclerc also ohnehin zweimal kommen, um den Tank zu füllen? "Nein, es war mehr eine strategische Entscheidung", erklärt Teamchef Binotto. Auf den frischen Medium-Reifen fuhr Leclerc zwar deutlich schneller, konnte aber nicht gerade durchs Feld pflügen. Am Ende landete er direkt hinter Sebastian Vettel.

Nicht nur der Motor: Alfa schlägt Ferrari

Doch warum war Ferrari so extrem langsam? Natürlich ist Spa eine Power-Strecke und natürlich fehlt Ferrari seit dieser Saison Leistung aus dem V6-Aggregat. Fünf Ferrari-befeuerte Boliden landeten unter den letzten sechs des Belgien GP. Nur Nicholas Latifi durchbrach die Ferrari-Blamage.

Aber Leistung allein war nicht das Problem, das zeigt die ultimative Demütigung: Kimi Räikkönen konnte Vettel auf der Strecke überholen und landete mit dem Alfa - einem Ferrari-Kunden - auf Rang zwölf. Das Problem des SF1000 sitzt also nicht nur zwischen Monocoque und Getriebe.

Da stellt sich die Frage, warum Ferrari den SF1000 nicht zum Großteil auf den Vorgänger umrüstet. Schließlich blieb das Reglement stabil und im vergangenen Jahr fuhr man den Kundenteams noch komplett um die Ohren. Motorsport-Magazin.com fragte beim Ferrari Teamchef nach.

Binotto: Ferrari kann nicht einfach mit altem Auto fahren

"Spa ist eine Strecke, auf der Leistung genauso wichtig ist wie aerodynamische Effizienz", erklärt Binotto. "Das Auto, das wir dieses Jahr entwickelt haben, hat sicherlich mehr Luftwiderstand und ist weniger effizient [als der Vorgänger]. Auf Strecken, auf denen Abtrieb wichtig ist, hat das seine Vorzüge. Aber können wir das letztjährige Auto bringen? Das Auto ist ziemlich anders. Es ist kein Plug and Play, man kann die Teile nicht vom einen Auto ans andere schrauben. Das ist nicht möglich."

In Monza erwartet Ferrari der nächste Gang nach Canossa. Einen Hoffnungsschimmer gibt es aber für Binotto: "Die Technische Direktive für die Motoren tritt in Kraft. Das wird einige Teams treffen, ich bin sehr gespannt, wie stark es welche Teams trifft. Die Strecke erfordert sehr viel Leistung und das wird die Konkurrenzfähigkeit im Qualifying beeinflussen."

Ferraris Hoffnungen ruhen nun schon auf dem Einbremsen der Konkurrenz. Realistisch betrachtet wird aber auch das erste von drei Heimspielen trotz neuen Motor-Regeln extrem schwierig für die Scuderia.

Woher zieht Vettel da überhaupt noch Motivation? Schließlich fährt der viermalige Formel-1-Weltmeister mit einem Team, das er am Ende der Saison verlassen muss, um die goldene Ananas. "Natürlich wäre es für uns alle einfacher, weiter vorne zu fahren. Aber ich fühle mich als Teil des Teams - nicht nur durch einen Vertrag, sondern auch durch den Spirit", stellt Vettel klar.


Weitere Inhalte:
Motorsport-Magzain.com Plus