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Formel 1, Bottas-Fiasko in Silverstone: Musste Druck machen

Für Valtteri Bottas endet das Formel-1-Rennen in Silverstone mit einem herben Rückschlag im WM-Kampf gegen Lewis Hamilton. Nullnummer durch Reifenschaden.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - 49 Runden lang sah im Formel-1-Rennen in Silverstone 2020 alles nach einem weiteren Mercedes-Doppelsieg aus. Dann nahm das Drama rasant seinen Lauf. Erst zerfetzte es Valtteri Bottas den linken Vorderreifen, noch in der Schlussrunde ereilte Lewis Hamilton dasselbe Schicksal.

Während der Weltmeister den Sieg noch auf der Rasierklinge ins Ziel rettete, traf es Bottas mit maximaler Härte - der Finne fiel weit zurück, rehabilitierte sich nach seinem Notstopp nur noch auf Platz elf. Keine Punkte. Ein empfindlicher Rückschlag im WM-Kampf gegen seinen Mercedes-Teamkollegen.

Bottas im Pech: Ganze Runde mit Reifenschaden

Nicht nur der frühere Zeitpunkt des Reifenschadens sorgte für das komplette Fiasko, sondern auch, wo Bottas der Defekt ereilte. „Das Timing hätte nicht schlechter sein können, da er gerade Kurve 16 angebremst hatte“, schilderte Mercedes’ leitender Ingenieur an der Strecke, Andrew Shovlin. Also direkt nach dem Boxeneingang. „Dadurch musste er eine komplette Runde auf drei Rädern zurücklegen und fiel somit aus den Punkterängen heraus.“

Formel 1: Was löste das Reifen-Drama in Silverstone aus?: (22:56 Min.)

Doch wieso versagte Bottas der Reifen? Gänzlich unangekündigt kam das zumindest nicht. Bereits einige Runden zuvor hatte der Finnen via Boxenfunk Vibrationen gemeldet. „Ich konnte keine Trümmerteile sehen, meldete die Vibrationen und begann damit, auf die Reifen zu achten. Gegen Ende nahmen die Vibrationen am linken Vorderreifen immer stärker zu. Dann hatte ich plötzlich auf der Start-/Zielgeraden einen Reifenschaden“, schilderte Bottas.

Bottas: Hamilton-Jagd beschleunigte Reifen-Tod

„Valtteri beschwerte sich über heftige Vibrationen, die fast soweit gingen, dass seine Sicht drastisch beeinflusst wurde“, bestätigte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. Hätte Mercedes deshalb nicht mit einem Stopp reagieren müssen? Offenbar spielte hier die in den letzten Runden erstmals größerer werdende Lücke zwischen Hamilton und Bottas eine Rolle, das nicht zu tun. Das gesamte Rennen über folgte Bottas dem Briten mit rund 1,5 Sekunden Abstand, in den letzten zehn Runden verdoppelte sich dieser Abstand. „Es ist unglücklich, denn gerade als wir entspannt nach Hause cruisen wollten, hat sich Drama entfaltet“, sagte Wolff. Noch dazu war Max Verstappen zu dicht dran, um ohne Positionsverlust an die Box kommen zu können.

Doch wieso versagte Bottas’ Reifen drei Runden vor Hamilton? Trümmerteile wollte der Finne, wie gesagt, keine überfahren haben. Hat Bottas die Pirelli-Walzen also zu hart rangenommen? „Es gibt bei solchen Defekten immer viele Faktoren“, sagte Bottas. „Eine Kleinigkeit kann das auslösen wenn du am Limit bist. Unsere Pace war ähnlich. Aber wenn du hinter anderem Auto bist, verlierst du Abtrieb und rutschst etwas mehr. Das kann sich auf die Lebensdauer der Reifen auswirken.“

Warnzeichen Vibration?

So geht es gegangen sei, habe er seine Reifen gemanagt, so Bottas. „Aber ich musste auch Druck auf Lewis machen, denn sonst hätte ich keine Chance gehabt, das Rennen zu gewinnen“, verteidigte sich der Finne. Die Vibrationen als Warnung? „Ja, die waren da und wurden schlimmer, aber nicht in großen Schritten“, sagte Bottas.

Nicht geholfen hätte zudem der extrem lange zweite Stint. „Ideal wäre der Stopp später gewesen, auch damit sowas nicht passieren kann. Aber das Safety Car ließ uns da keine Wahl“, kommentierte Bottas den Reifenwechsel in Runde 13. Das galt allerdings für alle anderen genauso.

Toto Wolff wollte Hamilton & Bottas kämpfen lassen

Was bleibt ist ein harter Rückschlag. Für Bottas und auch Mercedes. „Es tat mir sehr leid für ihn und das Team, denn es wären 18 Punkte mehr in der Konstrukteurs-WM und 18 mehr für ihn in der Fahrer-WM gewesen“, sagte Wolff. Dass das gegenseitige Dauerpushen seiner Piloten eine Rolle gespielt haben könnte, wies der Mercedes-Motorsportchef nicht von der Hand.

„Klar haben sie sich gepusht, vielleicht auch etwas über das hinaus, was wir als Team gerne gehabt hätten“, bestätigte der Wiener. „Aber du musst sie auch Rennen fahren lassen.“ Das sei zudem unter einer klaren Ansage geschehen. Wolff: „Wir haben sie gewarnt, dass die Reifen bis zum Ende halten müssen. Und ihnen war ohnehin beiden bewusst, dass sie P1 oder P2 durch einen Schaden verlieren können, denn sie sind erfahren. Dann war es ihre Entscheidung. Ich will da nicht ins Racing eingreifen. Wir können Valtteri nicht anweisen, zurückzustecken und nach Hause zu cruisen - und das haben wir auch nicht.“

Bottas wurmt WM-Rückschlag: Lewis ist davongekommen …

Die Rechnung bezahlte am Ende nur Bottas. Hamilton kam mit einem großen Schrecken - und am Ende sogar einem Big Point im WM-Rennen - davon. Das ärgert Bottas umso mehr. „Lewis hatte ein gutes Rennen, aber er ist auch irgendwie davongekommen“, sagte Bottas, nun mit 30 Punkten Rückstand auf dem Konto, bei aktuell nur noch neun ausstehenden Rennen durch den 2020 verkürzten Formel1-Kalender.

„So einen großen Punktverlust kannst du dir da nicht leisten. Aber es ist passiert. Was soll ich tun? Was soll ich sagen? Es ist nicht ideal“, haderte Bottas. „Aber ich kann es nicht ändern und muss weitermachen und aus diesem Wochenende lernen und positiv bleiben. Es wäre nicht gut, wenn ich mir jetzt selbst sage, dass es vorbei ist. Ich muss weiter an ich glauben.“


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