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Formel 1

Formel 1: Bye Bye Mister Hockenheim

Unser Rückblick auf die Highlights unserer Printausgabe 2019. Heute: Das Interview mit Georg Seiler am letzten Wochenende als Hockenheim-Geschäftsführer.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Georg Seiler arbeitete seit 1979 am Hockenheimring, seit 1991 als Geschäftsführer. 2019 unterschrieb er seine letzten Verträge für die deutsche Traditionsrennstrecke. Motorsport-Magazin.com sprach mit ihm über die Meilensteine seiner Amtszeit.

Motorsport-Magazin.com: Herr Seiler, 41 Jahre waren Sie am Hockenheimring tätig, die meisten davon als Geschäftsführer. Mit dem diesjährigen Deutschland GP ging eine Ära zu Ende. Wie geht es Ihnen?
Georg Seiler: Ich bin froh, dass die Ära abgeschlossen ist. Ich bin am 01. September um 11:00 statt 07:00 Uhr aufgewacht, aber natürlich ging der erste Gedanken an den Ring und die Erinnerungen kommen nach und nach hoch. Ich denke gerne zurück.

Sie waren bei 36 von 37 Formel-1-Rennen am Hockenheimring, an 33 haben Sie aktiv mitgewirkt. Woran denken Sie besonders gerne zurück?
Georg Seiler: Es gibt zu viele Highlights, sodass ich gar nicht das eine hervorheben kann. Als ich damals 1979 angefangen habe, gab es noch keine Computer, keine Handys und wir waren nur sechs Leute im Büro. Wir waren Vermieter unserer Strecke und trotzdem fanden im ersten Jahr gleich ein Formel 1 Grand Prix und ein Motorrad Grand Prix statt - und es wurde schon daran gedacht, ob man nicht auch noch eine Open Air Veranstaltung macht.

Da wir Vermieter unserer eigenen Anlagen waren, waren wir ohne jegliches Risiko und konnten das Ganze mit wenigen Leuten bewältigen. Natürlich gelang das nur mit vielen Aushilfen aus Vereinen und aus der Stadt Hockenheim selbst. Es war eine andere Zeit.

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Sie haben es angesprochen: Früher war der Hockenheimring Vermieter der eigenen Strecke. Heute funktioniert das Geschäftsmodell anders. Wie kam es dazu?
Georg Seiler: Wir waren bis zum Umbau 2001 Vermieter. Dann haben wir mit Bernie Ecclestone einen Promotervertrag geschlossen. Mercedes hatte die Strecke damals unter der Woche ganzjährig für Testfahrten angemietet - bis dann Papenburg, ein Nachbau unseres Motodroms, gebaut wurde. Der Weggang von Mercedes hat nicht geschadet, weil dann auch unter der Woche hochkarätigere Veranstaltungen stattfinden konnten. Die Strecke wurde für Hospitality-Veranstaltungen und zusätzliche Rennen, die bislang nur am Wochenende möglich waren, angemietet. Es war eine Entscheidung, die gepasst hat.

Der Umbau, ein großer Einschnitt in die Geschichte des Hockenheimrings. Hand aufs Herz, vermissen Sie die alte Strecke?
Georg Seiler: Der Umbau am Hockenheimring im Jahr 2001 war schon gewaltig. Die alte Strecke war eine Traditionsstrecke, charakteristisch für Hockenheim. Natürlich habe ich es bedauert, dass die Strecke verkürzt wurde. Ich vermisse ihn. Aber man muss mit der Zeit gehen. Es ging auch darum, den Besuchern im Motodrom mehr Runden anzubieten. Und man darf nicht vergessen: Wir waren damals fast immer ausverkauft und wir brauchten eine Strecke, an der noch mehr Zuschauer Platz fanden, was sich im ersten Jahr nach dem Umbau auch als richtig erwies.

Bernie Ecclestone war für uns schon ein Freund, das Verhältnis war partnerschaftlich und vertrauensvoll
Georg Seiler

Wir hatten mitten im Schumacher-Boom 95.000 tatsächliche Besucher am Rennsonntag. Dazu kamen die Sicherheitsvorkehrungen, die damals noch ganz anders waren. Es gab nur Fangzäune und doppelte Leitplanken. Es gab nicht die Absicherungen wie heute. 4,5 Kilometer sind einfacher zu handeln als 7,2 Kilometer. Ohne Umbau wäre die Formel 1 vielleicht nicht mehr in Hockenheim gefahren. Der Hockenheimring ist heute eine international konkurrenzfähige und publikumsfreundliche Rennstrecke.

Besonderes Verhältnis zu Bernie Ecclestone

Die meisten Ihrer Formel-1-Verträge haben Sie mit Bernie Ecclestone geschlossen. Wie war das?
Georg Seiler: Bernie Ecclestone war für uns schon ein Freund, das Verhältnis war partnerschaftlich und vertrauensvoll. Natürlich hat er mit uns Verträge geschlossen, die ganz klar das Niveau der Formel 1 hatten. Aber als er gemerkt hat, dass wir hier Verluste einfahren, hat er uns auch geholfen.

Georg Seiler hat mit Bernie Ecclestone einige Verträge ausgehandelt - Foto: Sutton

Wenn man bei ihm auf die Tränendrüse gedrückt hat, weil es nicht mehr anders ging, dann hat er auf die Schulter geklopft und gesagt: Georg, mach dir keine Sorgen. Und dann hat man eine Lösung gefunden. Das habe ich an ihm geschätzt. Er war keiner, der über mir stand - das ging von der Größe auch gar nicht. Er war in allen Bereichen fair, er ist ein feiner Mensch.

Seiler trieb selbst die Werbeerlöse ein

Und ein Handschlag hat bei ihm tatsächlich gereicht?
Georg Seiler: So war es. Ich glaube nicht, dass wir einen Vertrag hätten schließen müssen. Natürlich verlangen es die Vorschriften, das bedarf dann auch einer korrekten Vertragsform, aber der Handschlag hätte genügt, um die Formel 1 hier letztendlich zu festigen. Die Vertragsgespräche waren ganz anders als heute, alles fand in London statt. Manchmal hatte er einen kleinen Zettel Papier dabei, hat seine Zahl draufgeschrieben und anschließend ging es bei ihm in die Rechtsabteilung. Er hat als Einzelperson entschieden.

Es ist heute schon etwas komplizierter. Auch vor Ecclestones Zeiten war das noch ganz anders, als der Ring noch vom AvD angemietet wurde. Da hatten wir selbst noch die Werberechte in der Hand. Ich habe noch Verträge mit Firmen für Werbebanden geschlossen, die dann mit Koffern voll Kleingeld kamen.

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