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Formel 1

125 Jahre Motorsport - Die Silberpfeile von damals bis heute

Unser Rückblick auf die Highlights unserer Printausgabe 2019. Heute: Motorsport-Magazin.com schaut auf Wandel Silberpfeile in 125 Jahren Motorsport.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - "Anstatt an Rennen teilzunehmen, die keinen Gewinn an Erfahrung bringen, sondern vielmehr nur Schäden anrichten, werden wir weiterhin Wert legen auf die Herstellung solider und zuverlässiger Tourenwagen", sagte kein geringerer als der Erfinder des Automobils, Carl Benz, im Jahre 1901. Mehr als ein Jahrhundert später klingt dieses Zitat geradezu grotesk. 2019 ist Mercedes-Benz wohl die wichtigste Marke im weltweiten Motorsport. Das war nicht immer so, aber über weite Strecken der Firmengeschichte. Die Aussage von Carl Benz erscheint umso kurioser, wenn man bedenkt, dass das erste Autorennen überhaupt, mit einem Daimler-Motor gewonnen wurde.

Im Juli 1894, vor ziemlich genau 125 Jahren, fand das erste Autorennen der Geschichte statt. Wie später in den Geburtsstunden des Motorsports üblich, fand das Rennen zwischen zwei Städten statt. 126 Kilometer mussten die Teilnehmer zwischen Paris und Rouen in Frankreich zurücklegen. Als siegende Konstrukteure trugen sich zwar Peugeot und Panhard & Levassor ein, doch die Franzosen bauten Gottlieb Daimlers 3,75 PS starken Zweizylinder V-Motor unter Lizenz. Zu Benz' Entschuldigung sei gesagt, dass die Daimler-Motoren-Gesellschaft und Benz & Cie zu diesem Zeitpunkt noch zwei verschiedene Unternehmen waren. Zur Fusion zwischen Daimler und Benz kam es erst 1926. Tatsächlich sind sich Daimler und Benz nie persönlich begegnet.

Zwischen der Abneigung für den Motorsport, der "nur Schäden anrichtet", und dem wichtigsten Konzern im Motorsport liegt eine bewegte Geschichte - ein Achtel Millennium, 125 Jahre. Dagegen wirken 69 Jahre Formel-1-Geschichte ähnlich blass wie die Feier zum 1000. Grand Prix gegen die Feierlichkeiten, die Mercedes anlässlich des 125er Jubiläums veranstaltete. Die Stuttgarter scheuten weder Kosten noch Mühen, fuhren in Silverstone, der Geburtsstätte der Königsklasse, alles auf, was Klassik- und Motorsport-Abteilung zu bieten haben. Motorsport-Magazin.com durfte bei den Feierlichkeiten mit Mercedes-Legenden wie Hans Hermann, Bernd Schneider, Lewis Hamilton und Co. live dabei sein. Das Home of British Motorsport war dabei nicht nur ein Eldorado für jeden Motorsportfan, sondern auch eine Reise durch 125 Jahre Mercedes-Motorsport.

Mercedes 35 PS war das erste richtige Auto

Während Carl Benz den Motorsport verpönte, feierte die Daimler-Motoren-Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts schon ihre ersten Erfolge. Damals war es Emil Jellinek, der die Daimler-Automobile vertrieb, der den Motorsport als Marketing-Instrument entdeckte und die Fahrzeuge bei Rennen einsetzte. Jellinek war dadurch so eng mit Daimler verbunden, dass der Name seiner Tochter Mercedes Einzug in den Namen hielt. Der Mercedes 35 PS war nicht nur der erste Mercedes, sondern wohl auch das erste 'richtige' Auto, das sich schon stärker von den motorisierten Kutschen abgrenzte. Wegweisend waren damals ein tief im Rahmen eingebauter Motor und der in die Front integrierte Bienenwabenkühler.

Wenn Mercedes-Legende Roland Asch im Nachfolger, dem Mercedes-Simplex 28/32 PS von 1904, um den Silverstone Circuit chauffiert, erscheinen die blanken Daten in einem anderen Licht. Schon bei niedrigen Geschwindigkeiten wirkt die Fahrt abenteuerlich, die LKW-ähnliche Sitzposition lässt erahnen, was man damals noch als 'niedrigen Schwerpunkt' bezeichnete. Die etwas stärkere Version erreichte schon damals über 100 Stundenkilometer.

Auch der Deutschland GP auf dem Hockenheimring stand im Zeichen des Mercedes-Jubiläums - Foto: LAT Images

Wenige Jahre später konnte man über diese Marke nur müde lächeln. In Silverstone vergeht einem in Anbetracht des brachialen Klangs des Benz 200 PS Rekordwagens, genannt Blitzen Benz, das Lachen. 21,5 Liter Hubraum auf lediglich vier Zylinder verteilt ergibt Zylinder so groß wie Wassereimer. Auf 228 Stundenkilometer brachte man es damit schon 1911. Es war die Pionierzeit im Motorsport, alles was schnell war, war erlaubt. Durch den ersten Weltkrieg geriet der Sport jedoch in den Hintergrund. In den 1920er Jahren macht das Automobil dann weiter große technische Fortschritte.

Rennauto mit Haltebügel für den Beifahrer

Auto ist nicht mehr gleich Rennauto. 1927 führte Mercedes die S-Reihe der Hochleistungssportwagen ein. Die gipfelte im Super-Sport-Kurz-Leicht, kurz SSKL und 300 PS. Schon in der Serienversion des Super-Sport-Kurz (SSK) leistete der 7,1 Liter große Reihensechszylinder dank Kompressoraufladung 225 PS. Der Haltebügel für den Beifahrer direkt hinter dem Fahrersitz hatte seine Berechtigung. Schon die Mitfahrt bei Bernd Schneider im für zwei Personen viel zu eng geratenen Cockpit verlangt nach Extra-Halt. Das unbeschreibliche Aufheulen des Kompressors lässt den Griff fester und fester werden. Neben Erfolgen bei Bergrennen sticht vor allem Rudolf Caracciolas Sieg bei der Mille Miglia 1931 heraus.

Mit der Machtergreifung Hitlers startete 1933 eine neue Ära für den Motorsport in Deutschland. Auch dank finanzkräftiger Unterstützung des Regimes entsteht der Mythos der Silberpfeile. Als 1934 der Grand-Prix-Sport mit der 750-Kilo-Formel aufkommt, wird mit dem Mercedes W 25 eine Legende geboren. Nach nur zwei Jahren hatte der legendäre Konstrukteur Rudolf Uhlenhaut bereits den Nachfolger, den W 125 entwickelt. Neben dem besseren Chassis steigt auch die Leistung um knapp 100 PS auf sagenhafte 592 PS. In Zeiten der schier unendlichen Ressourcen wird auf dessen Basis ein Rekordwagen gebaut, der 1983 unfassbare 432,7 Stundenkilometer erreichte - ein Rekord, der fast 80 Jahre nicht gebrochen wurde.

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Der zweite Weltkrieg war für Mercedes und den Motorsport eine erneute Zäsur. Erst 1951 kam es wieder zu ersten Renneinsätzen - allerdings mit dem W154, der bereits 1938 sein Debüt gefeiert hatte. Ganz hatte sich Mercedes dem Motorsport aufgrund der beschränkten Ressourcen noch nicht wieder verschrieben. Der 300 SL sollte ein Anfang sein. Neben dem Doppelsieg bei den 24 Stunden von Le Mans 1952 schießt beim Einsteigen über die hohen Seitenschweller des Flügeltürers vor allem der Sieg bei der Carrera Panamericana in den Kopf. Dort trat Mercedes mit einer speziellen Ausführung an, deren Kühlergrillform noch in heutigen Mercedes-Fahrzeugen zu erkennen ist.

Mit dem W 196 R bekannte sich Mercedes dann endgültig wieder zum Motorsport. Der W 196 in seinen verschiedenen Ausführungen ist der Silberpfeil schlechthin. Als Stromlinie, Formel-Fahrzeuge oder als 300 SLR in der Sportwagenweltmeisterschaft: 1954 und 1955 räumte Mercedes damit alles ab, was es abzuräumen gab. Besonders gingen die beiden Formel-1-Titel mit Juan Manuel Fangio in die Annalen ein. Der Über-Pfeil sollte aber für lange Zeit die letzte Motorsport-Ikone aus Stuttgart sein. Schon vor dem katastrophalen Le-Mans-Unfall 1955 traf die Konzernleitung die Entscheidung, aus dem Grand-Prix-Sport auszusteigen.

Rallye-Projekt mit Walter Röhrl scheitert

Fast drei Jahrzehnte wurde der Motorsport bei Mercedes stiefmütterlich behandelt. Die 'Rote Sau', der 300 SEL 6.8 war zwar 1971 in Spa die Geburtsstunde von AMG, ein ernsthaftes Motorsportengagement steckte aber nicht dahinter. Der große Coup in der Rallye-Weltmeisterschaft war zu Ende, bevor er überhaupt begonnen hatte. Mercedes hatte mit dem 500 SL nicht nur ein Auto entwickelt, sondern mit Walter Röhrl auch schon einen Fahrer verpflichtet. Nach einem heftigen Testunfall und der prognostizierten Chancenlosigkeit stellte Mercedes das Projekt noch vor dem ersten Rennen wieder ein. Heute ist der 500 SL ein kleiner Star: Der langjährige Motorsportchef Norbert Haug liebte den Rallye-Boliden und fuhr bei jeder Gelegenheit damit, auch Valtteri Bottas kann sich bei den Feierlichkeiten kaum zurückhalten, den 500 SL quer zu bewegen.

Erst 1987 machte Mercedes wieder ernst und startete in eine Ära, die bis heute anhält. Das Engagement bei Sauber in der Langstreckenweltmeisterschaft gipfelte nicht nur in wunderschönen Gruppe-C-Boliden und zahlreichen Erfolgen, sondern auch in einem eigenen Juniorteam, dem auch Michael Schumacher angehörte. In den 90er Jahren scheiterten die Pläne, ein eigenes Werksteam in der Formel 1 an den Start zu bringen. Doch als Motorenpartner von McLaren feierte Mercedes Ende des Jahrzehnts große Erfolge.

Mercedes feiert Formel-1-Comeback mit Michael Schumacher

Als 2010 der Traum vom Werksteam wahr wurde und auch Michael Schumacher zu einem Comeback bewogen werden konnte, blieben die Erfolge zunächst aus. Doch nach umfassenden Regeländerungen und einer Neuaufstellung des Teams 2014 startete Mercedes eine beispiellose Siegesserie in der Formel 1 und schreibt mit Lewis Hamilton bis heute Geschichte. Zehn Silberpfeile der Moderne haben sich inzwischen angesammelt. Die Zeiten, als Autos mehrere Jahre ihren Dienst erfüllten, sind längst vorbei.

2010 kehrte Mercedes mit einem Werksteam zurück in die Formel 1 - Foto: Sutton

Die Königsklasse ist seit dem Motorsport-Comeback von Mercedes nicht das einzige Betätigungsfeld. Der 190 E 2.5-16 Evolution und dessen Nachfolger EVO II sorgten Anfang der 1990er in der DTM für Furore. Bis einschließlich 2018 war die C-Klasse das Gesicht der DTM. Dann zog der Konzern den Stecker. Aber die nächste Ära steht bereits in den Startlöchern: Ende 2019 steigt Mercedes in die Formel E ein. Damit startet die Marke in das nächste Motorsport-Zeitalter.

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