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Formel 1 Japan-Analyse: Strategie-Ärger bei Mercedes

Hat Mercedes Lewis Hamilton beim Japan GP nur an die Box geholt, um Valtteri Bottas den Sieg zu schenken? Die Strategie der Silberpfeile wirft Fragen auf.
von Christian Menath

Mercedes sicherte sich beim Japan GP 2019 den sechsten Formel-1-Konstrukteurstitel in Folge. Nur ein Teammitglied war nach dem Titelgewinn nicht so richtig in Feierlaune: Lewis Hamilton. Ausgerechnet der bestbezahlte Angestellte machte nach Rang drei nicht den glücklichsten Eindruck.

Teamkollege Valtteri Bottas hingegen konnte nach seinem Sieg ausgelassen feiern. In der Fahrer-WM war das aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein - früher oder später wird Hamilton seinen persönlich sechsten Titel einfahren, theoretisch könnte er schon in Mexiko alles klarmachen.

Aber warum war Hamilton in Japan nicht zu Feiern zumute? Es ist der Rennverlauf und die Strategie, die dem Briten im Magen lagen. Bis Runde 41 hatte er noch geführt, lag rund neun Sekunden vor Teamkollege Bottas und knapp 20 Sekunden vor Sebastian Vettel, die schließlich beide vor ihm ins Ziel kamen.

Vettel der perfekte Hamilton-Block für Bottas

In erster Linie verlor Hamilton den Sieg am Start. Während Bottas am besten von der Linie wegkam und von Startplatz drei aus die Führung übernahm, konnte Hamilton die schlechten Ferrari-Starts nicht nutzen. Im Gegenteil, wären Charles Leclerc und Max Verstappen nicht miteinander kollidiert, wäre er nur auf Rang fünf aus der ersten Runde zurückgekommen.

So lag er immerhin auf Rang drei, aber eben hinter Vettel. Ferrari war zwar auf eine Runde schneller als die Silberpfeile, nicht aber im Renntrimm. Die ersten Runden machte sich der übermäßige Reifenverschleiß des SF90 noch nicht bemerkbar, ab Runde zehn etwa wurde das Problem offensichtlich. Vettels Rückstand auf Bottas vergrößerte sich von 3,0 Sekunden in Runde 10 auf 6,7 Sekunden in Runde 15.

Vettel fungierte für Bottas wie der perfekte Hamilton-Block. Der fünffache Formel-1-Weltmeister hätte offenbar schneller gekonnte, wurde aber vom Ferrari vor ihm ausgebremst. Als Vettel in die Box abbog, lag Hamilton nicht einmal eine Sekunde hinter ihm.

Und genau hier begann für Hamilton das Strategieproblem. "Im Nachhinein wäre es besser gewesen, wenn sie mich vor Sebastian reingeholt hätten, damit ich den Undercut machen kann", ärgerte sich Hamilton. Wäre Hamilton eine Runde vor Vettel zum Stopp gekommen, wäre er mit großer Wahrscheinlichkeit vor Vettel rausgekommen, wenn Ferrari bei der gleichen Strategie geblieben wäre. Zwar wäre Hamilton wahrscheinlich hinter Carlos Sainz rausgekommen, für den McLaren-Piloten gab es aber keinen Grund zu kämpfen.

"Wir hätten es heute besser machen können", meint Hamilton und fügt an: "Es gab in diesem Jahr schon mehrere Szenarien, in denen das der Fall war, aber Valtteri hat den Job gemacht." Nach Singapur war es bereits das zweite Mal in drei Rennen, dass Mercedes die Chance zum Undercut nicht nutzte.

Hamilton schimpft: Verdammte lange Stints

Dann machte Mercedes den nächsten Fehler. Während Bottas eine Runde nach Vettel zum Stopp geholt wurde, blieb Hamilton weiter draußen. Der Brite durfte erst fünf Runden nach Vettel auf frische Pneus wechseln.

Der Gedankengang war klar: Indem Bottas nachzog, behielt Mercedes die Netto-Führung, weil er vor Vettel wieder rauskam. Doch warum musste Hamilton noch fünf Runden ausharren? Das ist die entscheidende Frage.

Denn in diesen fünf Runden verlor Hamilton neun Sekunden auf Vettel, der auf frischen Soft-Pneus angaste. Für Hamilton ein wahres Ärgernis: "Jedes Mal, wenn du einen langen Stint fährst, kommst du verdammt nochmal doppelt so weit dahinter raus, wie du zuvor warst. Das ist doppelt frustrierend."

"Im Auto weiß ich das nicht", erklärt Hamilton, "aber wenn ich dann zehn Sekunden dahinter rauskomme, dann frage ich mich: 'Warum? Das hättet ihr mir sagen können.' Wenn sie mir gesagt hätten, dass ich zehn Sekunden dahinter rauskomme - und ich war 22 Sekunden hinter Valtteri - dann hätte ich nein gesagt, ich will früher kommen."

Der längere Stint bringt aber auch Möglichkeiten: Wäre ein Safety-Car gekommen, hätte Hamilton viel weniger Zeit bei seinem Stopp verloren. So siegte Mercedes in Russland. Oder eine andere Möglichkeit: Hamilton trifft später mit einem größeren Reifen-Vorteil auf Vettel und hat so eine bessere Chance, zu überholen.

Aber der Reifenverschleiß war in Suzuka deutlich höher. Deshalb verlor Hamilton in den Runden, die er länger draußen blieb, überproportional viel Zeit. Der Plan ging also nicht auf. Der längere erste Stint hätte noch Sinn gemacht, wäre Hamilton auf eine andere Strategie gegangen. Doch Hamilton ging ebenfalls auf zwei Stopps.

War Hamiltons zweiter Stopp wirklich nötig?

Vor allem sein zweiter Stopp sorgte anschließend für Diskussionen. Denn Hamilton hätte theoretisch durchfahren können. Im Gegensatz zu Vettel zog der Brite nicht die Softs, sondern die Mediums auf. Dem Reglement war damit Genüge getan.

Als Hamilton dann elf Runden vor dem eigentlichen (zehn vor dem tatsächlichen) Rennende noch einmal zum Stopp kam, lag er immerhin noch rund neun Sekunden vor Teamkollege Bottas und knapp 20 Sekunden vor Sebastian Vettel. War der Stopp tatsächlich nötig?

Die Frage erhält durch die Funksprüche von Valtteri Bottas zusätzliche Brisanz. Der Finne vergewisserte sich bei seinem Team, dass sein Teamkollege tatsächlich noch einmal zum Reifenwechsel kommt. Er wollte auf keinen Fall Reifen und Motor schonen und dann am Ende zweiter werden. Wäre Hamilton draußen geblieben, hätte es zwischen den Mercedes-Piloten heiß hergehen können.

"Als Sebastian seinen zweiten Stopp gemacht hatte, hat Valtteri Tempo rausgenommen. Es war immer klar, dass es in Valtteris Richtung gehen würde. Wir spielen Teamkollegen nicht strategisch gegeneinander aus", stellte Mercedes Motorsportchef Toto Wolff klar. Die Frage ist: Hätten Hamiltons Reifen durchgehalten?

Carlos Sainz kam in Runde 26, also fünf Runden nach Hamilton zum Stopp. Der McLaren-Pilot fuhr durch, seine Reifen gingen nicht ein. Nico Hülkenberg kam in Runde 19, zwei Runden vor Hamilton, durfte aber wegen einer Überrundung eine Runde weniger als Hamilton fahren. Er fuhr auf dem Reifensatz zu Ende, sein Stint war also eine Runde länger, als Hamiltons Stint gewesen wäre. Pierre Gasly und Lance Stroll fuhren sogar noch eine Runde länger.

Hülkenberg fährt länger als Hamilton

Die Rundenzeiten von Hülkenberg fielen drei Runden vor Rennende um etwa zwei Sekunden ab. Allerdings hat Renault deutlich mehr Probleme mit dem Reifenverschleiß als Mercedes, außerdem fuhr Hülkenberg das ganze Rennen im Verkehr. Hamilton fuhr seinen gesamten zweiten Stint alleine.

Tatsächlich zeigen Hamiltons Rundenzeiten kein Drop. Die Zeiten bleiben bis zu seinem Stopp konstant. "Die Reifen waren ziemlich robust, aber von einer auf die anderen Runde hatten die Fahrer keinen Grip mehr", schränkt Toto Wolff ein. "Als wir Lewis zum zweiten Stopp geholt haben, war sein Feedback, dass er Grip verloren hat."

Hamilton selbst stimmt bedingt zu: "Mir wurde [im zweiten Stint] gesagt, dass ich den Abstand auf Sebastian zufahren soll. Dabei habe ich die Riefen ziemlich rangenommen. So wie ich sie genutzt habe, gab es keine Chance, dass ich es bis zum Ende geschafft hätte. Wenn ich von Anfang an darauf gesetzt hätte, wäre ich anders gefahren, dann hätten sie womöglich bis zum Ende gehalten."

Gegen Bottas hätte Hamilton wohl keine Chance gehabt - aber gegen Vettel? "Es war ein 50:50 Call", gestand Wolff. "Wir hätten ihn draußen lassen können, unsere Fahrer um einen Positionstausch bitten können und so versuchen, uns gegen Sebastian zu verteidigen."

Mercedes aber holte Hamilton rein, der dadurch wieder hinter Vettel zurückfiel. Die Schlussattacke verlief im Sand, Vettel konnten den Topspeed-Vorteil seines Ferrari nutzen. Hamilton konnte so keinen einzigen ernsthaften Angriff auf Vettel starten und musste sich mit Rang drei begnügen.

Weil Vettel schon in Runde 31 zu seinem zweiten Stopp gekommen war, hätte Mercedes das Risiko wohl eingehen können. Ferrari hatte deutlich größere Schwierigkeiten mit dem Reifenverschleiß als Mercedes. Hamilton hatte die zehn Runden älteren Reifen, dafür aber auch fast 20 Sekunden Vorsprung.

Mercedes liegt zweimal falsch, einmal nicht richitg

Rückblickend kann man sagen, dass Mercedes bei Hamilton gleich mehrfach falsch lag. Zuerst verpasste man den Undercut gegen Vettel, dann ließ man ihn viel zu lange draußen. Ob Hamilton ohne den zweiten Stopp Platz zwei geholt hätte? Man weiß es nicht, aber schlechter wäre es nicht geworden. Schließlich rollte Alexander Albon auf Rang vier mehr als 45 Sekunden hinter Hamilton über die Ziellinie.

"Wir hätten heute zumindest einen Doppelsieg holen sollen, aber meine Strategie war nicht perfekt", glaubt Hamilton und kündigt an: "Es wird sicherlich ein paar Diskussionen geben, wenn wir wieder zurück sind. Wir können als Team einen besseren Job machen, um sicherzustellen, dass wir mehr Doppelsiege holen. Daran müssen wir arbeiten."


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