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Formel 1 Analyse: Wie schaffte Ferrari die Singapur-Sensation?

Ferrari hat in Singapur die Sensation geschafft und startet von Pole. Wie konnte es dazu kommen und haben Leclerc und Vettel auch im Rennen eine Chance?
von Christian Menath

Damit hatten wohl selbst die größten Optimisten im Ferrari-Lager nicht gerechnet: Charles Leclerc startet beim Singapur GP von Pole Position. Der Monegasse holte auf dem engen Stadtkurs die dritte Pole Position in Folge und führt mit fünf Poles in der Formel-1-Saison 2019 diese Rangliste sogar an. Sebastian Vettel komplettierte das starke Ferrari-Ergebnis mit Startplatz drei.

Warum das nach zwei Poles und zwei Siegen aus den letzten beiden Rennen eine Überraschung sein soll? Weil Spa und Monza Strecken sind, die dem SF90 auf den Leib geschneidert sind. Singapur hingegen ist in jeder Hinsicht das krasse Gegenteil zum Highspeed-Tempel Monza.

"Die Dinge sind heute besser gelaufen, als wir erhofft hatten", gab sogar Ferrari Teamchef Mattia Binotto zu. Auch die Konkurrenz staunte nicht schlecht. "Wir hatten nicht damit gerechnet, dass Ferrari heute so schnell sein würde", so Lewis Hamilton, der die Pole Position um zwei Zehntel verpasste.

Formel 1 Singapur 2019, Topspeeds im Qualifying

POS Fahrer Team Motor Speed
1 Vettel Ferrari Ferrari 320,8
2 Sainz McLaren Renault 319,9
3 Leclerc Ferrari Ferrari 318,9
4 Ricciardo Renault Renault 318,5
5 Hulkenberg Renault Renault 318,5
6 Stroll Racing Point Mercedes 317,5
7 Norris McLaren Renault 317,3
8 Perez Racing Point Mercedes 317,2
9 Giovinazzi Alfa Ferrari 315,7
10 Hamilton Mercedes Mercedes 315,5
11 Albon Red Bull Honda 315,0
12 Verstappen Red Bull Honda 314,7
13 Bottas Mercedes Mercedes 314,5
14 Raikkonen Alfa Ferrari 314,0
15 Magnussen Haas Ferrari 313,8
16 Grosjean Haas Ferrari 313,7
17 Kvyat Toro Rosso Honda 312,9
18 Gasly Toro Rosso Honda 312,4
19 Russell Williams Mercedes 311,8
20 Kubica Williams Mercedes 308,7

Die Zeit gewann Leclerc vor allem im ersten Sektor, wo es überwiegend geradeaus geht. Zwei Zehntel konnte er Lewis Hamilton hier abknabbern. Vettel wurde an allen Messstellen mit dem höchsten Topspeed gemessen. Am Ende von Sektor eins, der längsten DRS-Zone der Strecke, brachte es der Deutsche auf 320,8 Stundenkilometer. Hamilton fehlten mehr als fünf km/h.

Doch der Vorsprung wurde über die weitere Runde nicht kleiner - und das ist die große Überraschung. "Sie machten wie üblich auf den Geraden Zeit auf uns gut, aber sie waren über die gesamte Runde gesehen auch in den Kurven sehr konkurrenzfähig", analysiert auch Mercedes Teamchef Toto Wolff.

Formel 1 Singapur 2019, Sektorzeiten im Qualifying

Sektor 1 Sektor 2 Sektor 3
Leclerc 26,211 Vettel 37,089 Hamilton 32,834
Vettel 26,334 Leclerc 37,127 Verstappen 32,859
Hamilton 26,442 Hamilton 37,132 Leclerc 32,879
Bottas 26,500 Verstappen 37,174 Bottas 32,988
Verstappen 26,664 Bottas 37,294 Vettel 33,014

Wolffs Technik-Chef an der Strecke, Andrew Shovlin schlussfolgert daraus: "Wir müssen davon ausgehen, dass Ferrari einige seiner Probleme gelöst hat, die sie in diesem Jahr in den Kurven hatten. Ansonsten würden sie hier nicht auf der Pole stehen."

Ferrari brachte neue Teile mit nach Singapur. Die Nase wurde stark umgebaut. Die Kanäle zwischen dem Stummel und den Pylonen werden bei der neuen Version an der Unterseite von Leitblechen abgegrenzt und führen die Luft kontrollierter an die Unterseite der Nase, wo sich gänzlich neue Leitbleche befinden. Dazu gab es Optimierungen am Unterboden.

Ferrari: Neue Teile funktionieren

Schon am Freitag freute sich Vettel: "Die neuen Teile funktionieren." Seine erste Analyse: "In dem Kurventyp, in dem wir in Ungarn noch verloren haben, sind wir nun besser. Wir haben an den richtigen Stellen Performance ans Auto gepackt. Die Balance ist nun besser." Leclerc fügt an: "Und wir haben auch das Verständnis für unser Auto seit Ungarn verbessert."

Die neue Ferrari-Nase scheint zu funktionieren - Foto: LAT Images

Doch am Freitag war Ferrari noch weit weg von Pole Position. Leclerc fuhr im nirgendwo, Vettel fehlten acht Zehntel. Leclerc machte vor allem seine eigene Leistung für den großen Rückstand verantwortlich, Vettel konnte seine erste schnelle Runde wegen Verkehr nicht beenden. Doch auch ohne die Probleme hatte Ferrari niemand realistisch für Pole auf der Rechnung.

"Ich habe im 3. Freien Trainig erstmals ernsthaft daran geglaubt", berichtet Charles Leclerc. Sebastian Vettel war etwas weniger optimistisch: "Mir war erst im Q2 klar, dass Pole in Reichweite ist."

Am neuen Paket änderte Ferrari über Nacht nichts, die neuen Teile blieben am Auto. Doch am Setup wurde wie üblich bis spät in die Nacht im Simulator in Maranello gearbeitet. "Die Vorderachse war gestern zu schwach, da haben wir heute etwas Grip draufgepackt", verrät Vettel. Dadurch stimmte die Balance.

Ferrari im Qualifying im Reifen-Glück?

Doch der größte Faktor scheint der Reifen zu sein. Wolff bestätigt: "Alles dreht sich um den Sweet-Spot der Reifen." Am Freitag hatte die Scuderia noch Probleme damit, die Pneus über eine Runde lang am Leben zu halten. Ein Problem, das man in dieser Saison schon oftmals beobachten konnte. Singapur ist mit seinen 23 Kurven ein schwieriges Pflaster, zumal das sensible schwarze Gold kaum abkühlen kann.

"Aber die sinkenden Temperaturen zur Qualifying-Session sind uns entgegengekommen", glaubt Vettel. Das Problem mit überhitzenden Reifen war wie weggeblasen. Stattdessen hatte die Konkurrenz Probleme damit, die Reifen überhaupt ins Fenster zu bekommen.

"Wir hätten unseren Fahrern heute bessere Outlaps ermöglichen müssen", ärgert sich Mercedes' Shovlin. "Wir scheinen die Runde schneller fahren zu müssen als die anderen Teams, um unsere Reifen richtig aufwärmen zu können. Sobald wir aus der Box gegangen waren, fuhr eine Gruppe vor uns. Dadurch gingen wir mit Reifen auf die schnelle Runde, die sich nicht im optimalen Temperaturfenster befanden."

Mercedes bekam die Reifen nicht auf Temperatur - Foto: LAT Images

Ferraris Problem wurde zum Joker. Doch bei der Reifentemperatur gibt es Unterschiede. Ferrari hat Probleme mit überhitzenden Reifen, dabei handelt es sich aber meist um die Oberflächentemperatur. Durch stärkeres Rutschen erhitzt sich die Oberfläche übermäßig. Strukturell scheint Mercedes die Pneus besser auf Temperatur zu bringen, weil mehr Abtrieb vorhanden ist. Weil es in Singapur aber keine schnellen Kurven gibt, hilft auch der Abtrieb nicht wie üblich.

Ferrari hingegen scheint das besser hinzubekommen. Das hat womöglich mehrere Ursachen. Einerseits kommen die weichsten Reifen zum Einsatz, die Pirelli im Angebot hat. Der C5-Kleber bietet deutlich mehr Grip und operiert in einem niedrigeren Temperaturfenster. Dazu sind Luftdrücke und Sturz-Werte in Singapur deutlich aggressiver gewählt als noch in Monza. Das erhöht den mechanischen Grip, was Ferrari entgegenkommt.

Ferraris Qualifying-Ergebnis in Singapur ist eine der größten Überraschungen der Saison. Doch die Frage ist, wie viel davon auf die neuen Teile und auf Verbesserungen am Fahrzeug zurückzuführen ist und wie viel auf die besonderen Umstände in Singapur. Bei Ferrari freut man sich jedenfalls. "Es zeigt, dass unsere Entwicklung in die richtige Richtung geht", sagt Teamchef Binotto. "Wir haben unsere Schwächen klar identifiziert und wir arbeiten an ihnen. Das ist auch für das nächste Jahr nützlich."

Kann Ferrari auch Rennen?

Doch zunächst gilt es noch eine andere Frage zu klären: Kann der SF90 nur Qualifying, oder auch Rennen? Schon in Spa und Monza war Ferrari auf eine Runde deutlich stärker als im Dauerlauf. In Ungarn, der letzten vergleichbaren Strecke zu Singapur, war der Rückstand im Qualifying auch noch deutlich geringer als dann im Rennen. Auf die Renndistanz bekamen Vettel und Leclerc mehr als eine Minute aufgebrummt.

Deshalb war Vettel am Samstag auch nur vorsichtig optimistisch. Den Qualifying-Vergleich mit Ungarn wollte er nur bedingt gelten lassen. "Wir wissen noch nicht, was morgen passiert", mahnte er. "Wenn das Gefühl im Rennen so gut ist wie im Qualifying, dann wird die Rennpace besser als am Freitag. Das brauchen wir auch, denn wir waren da ziemlich langsam."

Im Rennen gelten bei den Reifen andere Gesetze. Das drückt sogar Chef-Pessimist Toto Wolff recht deutlich aus: "Wenn du auf einer Runde schnell bist, brauchst du Hitze im Auto und in den Reifen. Das kann dich aber über die Renndistanz beißen."

Formel 1 Singapur 2019, Longruns auf Soft

Fahrer Stintlänge Reifenalter Zeit
Hamilton 17 8 1:45,027
Verstappen 12 6 1:45,869
Leclerc 20 8 1:46,519
Vettel 13 3 1:46,582
Albon 22 12 1:47,499

Die Longruns am Freitag waren zweigeteilt. Auf den Soft-Reifen fuhr Lewis Hamilton der Konkurrenz um die Ohren. Sowohl Sebastian Vettel, als auch Charles Leclerc hatten keine Chance gegen die Zeiten des Briten. Auf den Medium-Reifen sah es etwas besser aus, allerdings wurden darauf teilweise zu wenig Runden gefahren, um es als Longrun zu bezeichnen.

Formel 1 Singapur 2019, Longruns auf Medium

Fahrer Stintlänge Reifenalter Zeit
Hamilton 12 2 1:44,187
Leclerc 11 3 1:44,462
Vettel 16 8 1:46,336

Sicherlich hat Ferrari seit Freitag - wie so oft in dieser Saison - Fortschritte erzielt, doch wird es reichen? Die Differenz zwischen Renn- und Qualifying-Pace wird wohl größer sein als zuletzt in Spa oder Monza.

Dafür kommen der Scuderia zwei anderere Faktor entgegen. "Wenn du einmal vorne bist, hast du eine gute Möglichkeit, das Rennen zu managen. Ich wäre lieber mit einem etwas unterlegenen Auto auf Pole, als ein großartiges Rennauto zu haben und nicht auf Pole zu stehen", sagt Toto Wolff.

Frische Luft macht das Reifenmanagement deutlich einfacher. Dazu kommt, dass auf dem engen Stadtkurs in Singapur quasi Überholverbot herrscht. Hamilton kam schon in Monza nicht an Leclerc vorbei, wie soll das dann in Singapur funktionieren? Die Pace-Differenz muss dafür deutlich größer sein.

Red Bull in Singapur wirklich nur dritte Kraft?

Und dann gibt es noch Red Bull. Alle Experten zählten vor dem Wochenende Red Bull und Mercedes zu den größten Favoriten. Max Verstappen qualifizierte sich aber nur auf Rang vier, hatte bereits mehr als eine halbe Sekunde Rückstand auf Pole.

"Vor dem Wochenende hatten wir gehofft, dass wir uns besser als Reihe zwei qualifizieren können", gesteht auch der Niederländer selbst. "Die Balance war gut, aber wir hatten einfach nicht genug Grip", lautet seine Analyse. Ein Indiz dafür, dass auch Red Bull Probleme damit hatte, das Maximum aus den Reifen herauszuholen.

Red Bull entäuscht bislang in Singapur - Foto: Red Bull

Auf die Renndistanz kann sich das freilich alles ändern. Auf den Soft-Reifen war Verstappen am Freitag zwar deutlich schneller als die Ferrari, auf Hamilton fehlten aber trotzdem Welten. Im Gegensatz zur Konkurrenz probierte Red Bull im Training die harten Reifen, weil man nur einen Satz Medium geordert hatte. Deshalb fällt der Vergleich flach.

Im Rennen könnte es aber auch bei der Strategie interessant werden. Alle werden versuchen, nur einmal zum Stopp zu kommen. Da die Top-10 allesamt auf Soft starten, bleibt dann nur die Wahl zwischen Medium und Hard. 2018 entschieden sich die meisten für die harte Variante, Vettel versuchte es auf Medium.

Red Bull hat Erfahrung auf den harten Reifen, Ferrari und Mercedes auf den weichen. Laut Pirelli ist eine Einstopp-Strategie mit Soft und Medium etwas schneller. Allerdings ist die Safety-Car-Wahrscheinlichkeit in Singapur sehr hoch. Mit Medium-Reifen besteht das Risiko, dass man bei einer späten Safety-Car-Phase im Nachteil ist.

Fazit: Die Zweifel an Ferraris Racepace sind groß. Doch Überholen auf der Strecke ist so gut wie unmöglich - außer Ferrari brechen die Reifen völlig ein. Mit Red Bull ist eine dritte Unbekannte im Spiel. Alternative Strategien könnten vor allem bei Safety-Car-Phasen interessant werden.


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