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Formel 1, Frankreich Trainingsanalyse: Hitzeschlacht extrem

Mercedes deklassiert in Le Castellet die Konkurrenz. Vettel unzufrieden, Ferrari droht die nächste Klatsche von Red Bull. Hitze verspricht Reifen-Poker.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Mercedes ließ in den Trainings der Formel 1 für das achte Saisonrennen 2019 in Frankreich nicht den geringsten Zweifel an seiner Vormachtstellung aufkommen. Valtteri Bottas und Lewis Hamilton hatten Ferrari und Red Bull in beiden Sessions fest im Griff. Die Longruns zeigen Sebastian Vettel und Charles Leclerc klar im Hintertreffen. Max Verstappen hingegen kristallisierte sich als einziger potentieller Gegner für die Silbernen heraus.

"Trotz der Probleme mit der Balance war das Auto auf Anhieb schnell - das ist immer ein gutes Zeichen", sagt Bottas, der im 2. Freien Training mit 1:30.937 Minuten die schnellste Zeit des Tages fuhr. Nachdem die Strecke im FP1 noch überraschend grün war, purzelten die Zeiten am Nachmittag nur so.

Hinter Hamilton auf Position zwei war Leclerc mit sechseinhalb Zehnteln Rückstand der erste Verfolger der Silberpfeile. Vettel büßte als Vierter weitere acht Hundertstel ein. "Es wird sicher kein einfaches Wochenende. Mercedes scheint bärenstark zu sein", sieht der Heppenheimer sein Team und sich nach dem Montreal-Aufschwung wieder mit der üblichen Ausgangslage konfrontiert.

Noch düsterer sah der Zeitenmonitor für Red Bull aus. Max Verstappen musste sich als Sechster sogar hinter McLaren-Rookie Lando Norris einreihen. Rückstand auf Bottas: 1,1 Sekunden. Doch repräsentativ soll der nicht sein, wie Dr. Helmut Marko gegenüber Motorsport-Magazin.com erklärte: "Im Shortrun waren noch ein paar Ungereimtheiten."

Mercedes verliert Soft-Longrun durch Hamilton-Defekt

Ungereimtheiten gab es aber nicht nur für Red Bull. Der Circuit Paul Ricard stellte sich für die Teams am Vormittag als besonders schwierig heraus. Das Griplevel war extrem niedrig, die Erkenntnisse aus dem FP1 schnell überholt. "Die Kurvenbereiche der Strecke wurden kürzlich alle neu asphaltiert", erklärt Mercedes-Ingenieur Andrew Shovlin. Ein Umstand, der sich vor allem für den weichen Reifen als Problem erwies: "Es war klar, dass der Soft-Reifen auf dem neuen Asphalt ziemlich stark leiden würde."

Seinem Team entging der Longrun auf Pirellis weichster Reifenmischung am Nachmittag dann auch noch. Ursprünglich sollte Hamilton dem Soft-Compound auf den Zahn fühlen, doch dazu kam es nicht. "Er machte einen Fehler auf seinem Versuch mit den weichen Reifen. Wir wären auf diesem Reifen weitergefahren, aber kurz darauf stellten wir eine Fehlzündung fest und riefen das Auto zur Untersuchung herein", sagt Shovlin.

Ferrari schickte Leclerc auf einen Soft-Longrun, doch die Rundenzeiten waren ernüchternd. Im Durchschnitt umrundete der Monegasse den 5,842 km Kurs in 1:38.571 Minuten. Damit war er um Welten langsamer als Red Bull, wo beide Piloten Longruns auf dem weichen Reifen absolvierten.

Zwar waren die Reifensätze von Verstappen und Gasly etwas jünger als der von Leclerc, doch ihr Mittelwert war mit 1:37.2 Minuten deutlich schneller. Die beiden Teamkollegen lagen dabei extrem dicht zusammen. Nur zwei Tausendstel trennten sie.

Formel 1, Frankreich-Training: Longruns auf Soft-Reifen

Fahrer Ø Rundenzeit Rückstand Reifenalter Session
Max Verstappen 1:37.219 13 Runden FP2
Pierre Gasly 1:37.221 + 0.002 12 Runden FP2
Charles Leclerc 1:38.571 + 1.352 18 Runden FP2

Unter dem Strich erwies sich der Soft-Reifen auf dem Longrun bei extrem heißen Asphalttemperaturen von bis zu 60 Grad Celsius aber als mehr oder weniger unbrauchbar. "Der fühlt sich ziemlich hässlich an", sagt Renault-Pilot Daniel Ricciardo. "Der Soft war klebrig. Wenn es heiß ist, ist er als ob er in die Strecke schmilzt und du gar nicht mehr vorwärts kommst. Er ist wie geschmolzene Schokolade."

"Ich glaube, dass wir uns alle schwer damit tun", bestätigt Vettel, der auch ohne Longrun die schwache Performance des Soft-Compounds zu spüren bekam. "Das ist nicht das erste Mal. Aber wir haben nichts anderes und müssen damit zurechtkommen."

Mercedes kämpft mit der Balance

Zurechtkommen müssen wird er wohl auch damit, dass Ferrari auch im Longrun auf Medium-Reifen keine gute Figur abgibt. Die beiden Mercedes-Piloten zeigten hier klar die schnellsten Zeiten. Hamilton lag mit einem Schnitt von 1.35.543 Minuten dabei deutlich vor Bottas, dem fast vier Zehntel fehlten.

"Unsere Pace sah gut aus, aber die Balance fiel aufgrund des schwachen Grips von den Hinterreifen richtig schlecht aus", so Shovlin. Dass auch die Silberpfeile nicht wie auf Schienen fuhren, zeigte Hamiltons beinahe-Dreher in Turn 3 sowie ein Ausritt von Bottas in Kurve zwölf. "Auf die gesamte Runde gesehen haben wir noch mit der Balance zu kämpfen", erklärt der Finne.

Verstappen schneller als Ferrari

Deutlich stärker als auf einer Runde präsentierte sich Red Bull auf dem Longrun mit dem Medium-Compound. Verstappen verlor im Mittelwert weniger als zwei Zehntel auf Bottas und distanzierte Ferrari um fast eine halbe Sekunde deutlich. "Wir sahen gegen Ferrari einigermaßen konkurrenzfähig aus", so der Niederländer.

Marko ist überzeugt, dass zumindest sein Teamleader es im weiteren Verlauf des Wochenendes mit der Scuderia aufnehmen kann. "Ich glaube, wir können mit Ferrari mithalten - zumindest mit Max", so der Österreicher. Anhand der Longrun-Zeiten von Pierre Gasly lässt sich diese Prognose bestätigen.

Der Franzose liegt auf dem Medium-Reifen im Longrun deutlich hinter dem Teamkollegen zurück. Fast eine Sekunde fehlt. Zwischen den beiden Red-Bull-Kollegen reiht sich das Ferrari-Duo ein.

Ferrari fehlt eine Sekunde auf Mercedes

Neun Zehntel büßten Leclerc und Vettel auf den Bestwert von Hamilton ein. Der Monegasse war dabei um knapp drei Hundertstel schneller als der viermalige Weltmeister. Eine beinahe nicht nennenswerte Differenz. Ganz im Gegensatz zum Abstand auf Mercedes.

"Wir tun uns noch schwer", sagt Vettel, der mit dem SF90 alles andere als glücklich war. "Wir sind noch nicht ganz zufrieden und noch nicht ganz da. Wir können uns noch steigern, es hat nicht so ganz funktioniert wie wir es uns gewünscht und erwartet haben."

Formel 1, Frankreich-Training: Longruns auf Medium-Reifen

Fahrer Rundenzeit Rückstand Reifenalter Session
Lewis Hamilton 1:35,543 17 Runden FP2
Valtteri Bottas 1:35,919 + 0.375 22 Runden FP2
Max Verstappen 1:36.092 + 0.548 15 Runden FP2
Charles Leclerc 1:36.479 + 0.936 12 Runden FP2
Sebastian Vettel 1:36.505 + 0.961 17 Runden FP2
Pierre Gasly 1:36.871 + 1.327 16 Runden FP2

Mit der vorhergesagten Hitzeschlacht steht an diesem Wochenende ein echter Reifen-Poker bevor. Bei Renault war selbst der Hard-Compound auf dem Niveau des vermeintlich schnellsten Reifens. "Am Nachmittag sind wir auf Hard gefahren und waren damit recht konkurrenzfähig. Und auf dem Soft wurden wir dann nicht schneller", sagt Ricciardo. "Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass wir den Medium-Reifen im Q2 sehen werden. Ein paar Fahrer werden damit ins Rennen gehen wollen", prognostiziert Pirelli-Manager Mario Isola.

Fazit: Mercedes ist in Le Castellet die klare Nummer eins. Für Ferrari droht hingegen die nächste Klatsche gegen Red Bull. Max Verstappen ist nach den Trainings klar der erste Verfolger der Silberpfeile und darf bei der Hitzeschlacht am Sonntag auf keinen Fall unterschätzt werden - denn wenn einer Reifenflüstern kann, dann der Niederländer. Die in Südfrankreich herrschenden Temperaturen sorgen für eine interessante Ausgangslage. Kaum jemand wird auf dem Soft-Reifen ins Rennen gehen wollen. Das Q2 und die Strategien versprechen Spannung.


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