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Formel 1 Favoritencheck China: Mercedes mit Super-Partymode?

Mercedes fuhr der Konkurrenz im China-Qualifying davon. Doch im Rennen könnten die Karten neu gemischt werden - auch wegen der Motor-Modi.
von Christian Menath

Das China-Qualifying war eine kleine Überraschung. Die dritte Überraschung im dritten Rennen der Formel-1-Saison 2019. Für die meisten ging Ferrari als Favorit in das Wochenende. Doch Mercedes brummte Ferrari satte drei Zehntelsekunden auf. Valtteri Bottas startet morgen (Rennstart um 08:10 Uhr deutscher Zeit, RTL und Sky übertragen live) von Pole ins Rennen, Lewis Hamilton von Rang zwei und dahinter erst Sebastian Vettel im besten Ferrari.

"Bei diesem hohen Performance-Level sollten wir nicht überrascht sein, dass ein Auto bei einem Rennen vorne ist und das andere Auto beim nächsten Rennen", wirft Ferrari-Teamchef Mattia Binotto ein.

Dabei sollte der Shanghai International Circuit dem Ferrari mit seiner langen Geraden doch entgegenkommen. Doch Shanghai ist nicht Bahrain. Während in der Wüste eine starke Hinterachse gefragt ist, geht China vor allem auf die Vorderräder. In den Kurven verliert Ferrari zu viel Zeit.

Mercedes holt im Qualifying mit Motor auf Ferrari auf

"Sie sind verdammt schnell in den Kurven", sagt Vettel über Mercedes. Bottas sieht es ähnlich: "Ich glaube, dass wir auf der Geraden im Vergleich zu Ferrari noch immer ein wenig zurückgelegen haben, aber wir waren in den Kurven stärker und konnten so alles in allem mehr Zeit gutmachen als wir auf den Geraden auf sie verloren haben."

Während Ferrari am Freitag den Nachteil in den Kurven noch auf den Geraden wettmachen konnte, gelang es im Qualifying nicht mehr. Red Bulls Motorsportberater Dr. Helmut Marko hat eine Erklärung für die Qualifying-Performance der Silberpfeile. "Das ist Super Party-Modus", sagte der Doktor im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com.

Toto Wolff gibt seinem Erzrivalen im Grunde recht, drückt es aber anders aus: "Ferrari fährt den Motor am Freitag und Samstagmorgen härter als wir. Das liegt nicht daran, dass wir uns zurückhalten, sondern daran, dass unsere Power Unit anders kalibriert ist."

"Mercedes kann nicht lange mit dieser Power fahren", freut sich Marko. Heißt im Klartext: Der extreme Qualifikationsmodus steht Mercedes nur für einen sehr kurzen Zeitraum zur Verfügung, ohne dass der Motor Schaden nimmt. Im Rennen könnte Ferraris Vorteil auf den Geraden dann wieder zunehmen.

Beim Topspeed waren die roten Boliden schon im Qualifying einsame Spitze. Vettel führt die Rangliste mit 327,1 Stundenkilometer vor Teamkollege Charles Leclerc an. Daniel Ricciardo fehlen als Drittem bereits mehr als drei km/h. Valtteri Bottas war als bester Werks-Mercedes bereits über fünf Stundenkilometer langsamer, Max Verstappen im schnellsten Red Bull fehlten 8,8 km/h.

POS Fahrer Team Motor Speed
1 Vettel Ferrari Ferrari 327,1
2 Leclerc Ferrari Ferrari 326,1
3 Ricciardo Renault Renault 323,9
4 Magnussen Haas Ferrari 322,8
5 Kvyat Toro Rosso Honda 322,1
6 Perez Racig Point Mercedes 322
7 Bottas Mercedes Mercedes 322
8 Grosjean Haas Ferrari 322
9 Räikkönen Alfa Ferrari 321,7
10 Hülkenberg Renault Renault 321
11 Norris McLaren Renault 320,7
12 Stroll Racing Point Mercedes 319,5
13 Sainz McLaren Renault 319,3
14 Hamilton Mercedes Mercedes 319,3
15 Verstappen Red Bull Honda 318,3
16 Russell Williams Mercedes 317,2
17 Gasly Red Bull Honda 315,5
18 Kubica Williams Mercedes 313,6
19 Giovinazzi Alfa Ferrari 146,1

Bei den anderen Messwerten in Shanghai war der Abstand deutlich geringer. Das deutet nicht nur auf gute Motorleistung, sondern vor allem auf wenig Luftwiderstand hin. Ferrari ist diesbezüglich gut aufgestellt für das Rennen.

Top-Piloten starten morgen auf Medium ins 1000. Formel-1-Rennen

Mit Bottas, Hamilton, Vettel, Leclerc und Verstappen qualifizierten sich die ersten fünf im Q2 allesamt auf den Medium-Reifen für das 1000. Rennen der Formel-1-Geschichte. Den Reifen-Vorteil haben somit alle Top-Piloten. Den Soft-Reifen will bei normalem Rennverlauf eigentlich niemand. Auch bei einer Zweistopp-Strategie kommt der rote Reifen eher nicht zum Einsatz.

Auch wenn die Ausgangslage für alle gleich ist, so ändert sie dennoch etwas. Denn der Unterschied zwischen Soft und den beiden härteren Mischungen ist in China groß. Während es bei den Softs darum geht, die Hinterreifen am Leben zu halten, geht es bei den härteren darum, die Vorderreifen zu schonen.

Im Q2 setzte Hamilton zwar auf den Medium-Reifen die deutliche Bestzeit und lag mehr als die drei Zehntel von Q3 vor den Ferrari, doch am Freitag bei den Longruns machte Vettel einen stärkeren Eindruck auf den härteren Reifen. Schon bei den vergangenen Rennen schien es so, als wäre Ferrari auf den härteren Reifen konkurrenzfähiger. "Es ist immer ein wenig überraschend für uns, wenn wir auf den harten Reifen viel näher dran sind als auf dem weichsten", meint Vettel selbst.

Formel 1 China GP 2019: Trainings-Longruns auf Soft

Fahrer Gefahren gegen Reifen-Alter Stint-Länge Durchschntl. Zeit
Hamilton Ende 12 7 1:38,645
Bottas Anfang 15 9 1:39,093
Verstappen Anfang 14 9 1:39,823
Vettel Anfang 20 13 1:40,190

Formel 1 China GP 2019: Trainings-Longruns auf Hard

Fahrer Gefahren gegen Reifen-Alter Stint-Länge Durchschntl. Zeit
Vettel Ende 13 4 1:38,117
Bottas Ende 22 12 1:39,022

Dass der Soft womöglich gar nicht gefahren wird, könnte Ferrari also entgegenkommen. Red Bull ist das inzwischen offenbar egal. "Das war nur in Bahrain so, weil wir einen gravierenden Fehler im Setup hatten", erklärt Verstappen. Der RB15 kann nun wieder aus allen Reifen das Maximum herausholen.

Deshalb ärgert man sich bei Red Bull besonders über das verpatzte Qualifying, in dem Verstappen keinen Angriff mehr auf die Ferrari machen konnte, weil er nicht rechtzeitig über die Linie kam. "Wir hätten vor Ferrari landen können", meint Marko und fügt an: "Das müssen wir im Rennen wettmachen, da ist noch nicht alles vorbei."

Im Longrun lagen ohnehin alle drei Topteams extrem eng zusammen. "Unsere Konkurrenz hatte mehr Pace über eine Runde, aber wir sollten morgen ein gutes Auto haben", glaubt Vettel. "Ich erwarte ein enges Rennen." Und auch Hamilton ist heiß: "Auf dieser Strecke kann man überholen, entsprechend sollte es ein spannendes Rennen werden. Ich bin überzeugt, dass sich morgen ein paar Gelegenheiten ergeben werden und ich werde versuchen, mich in die bestmögliche Position zu bringen, um mitzukämpfen."

Hamilton stellt Fahrstil im Qualifying um

Hamilton hinkte das gesamte Wochenende etwas hinter Bottas her, doch rechtzeitig zum Qualifying schaffte er es, seinen Fahrstil etwas umzustellen. Am Ende trennten ihn nur wenige Tausendstel von Bottas. Bei einem Punkt Rückstand in der WM will Hamilton sicher nicht brav Platz zwei nach Hause fahren. Außerdem machte Hamilton auf dem Soft-Reifen den besseren Eindruck. Mercedes muss auch das Teamduell fürchten.

Das Teamduell hatte Ferrari schon in Bahrain. In Bahrain lagen Vettel und Leclerc nah zusammen. Ins Rennen geht der Monegasse aber mit einem kleinen Nachteil: Im Fehlen die Longruns komplett, weil er am Freitag mit Kühlproblemen an der Box stand. Im 3. Training verhinderte die Rote Flagge einen kleinen Longrun. "Dehalb wird es etwas schwieriger als erwartet", fürchtet Leclerc. "Ich fische etwas im Dunklen."

Fazit: Es wäre die nächste kleine Überraschung, wenn Mercedes die Pace 1:1 auch so im Rennen morgen umsetzen könnte. Ferrari sollte die Silberpfeile stärker fordern können als noch im Qualifying. Verstappen ist ebenfalls zu beachten. Für Ferrari lauert allerdings bei der Strategie wieder die Gefahr, sich möglicherweise nach hinten absichern zu müssen, statt nach vorne anzugreifen. Dieses Rennen hat ausgesprochen viele Variablen.


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