Formel 1

Formel 1, McLaren im Design-Nirvana? Sportdirektor wehrt sich

Der Renault-Motor beförderte McLaren 2018 auf den harten Boden der Realität. Kann Woking kein Top-Auto mehr bauen? Gil de Ferran streitet Probleme ab.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Ursprünglich hatte sich McLaren mit Renault als Motorenpartner für 2018 hohe Ziele gesteckt. Der harte Boden der Realität hatte mit Podestplatzierungen und dem Kampf an der Spitze des Mittelfeldes wenig zu tun. Trotz der Fahrkünste Fernando Alonsos stürzte das legendäre Team in den vergangenen zwölf Monaten endgültig ab. Sportdirektor Gil de Ferran hingegen bestreitet die grundlegenden Probleme in der Fahrzeugentwicklung.

"Ich glaube nicht, dass etwas Fundamentales falsch läuft", erklärt der Brasilianer gegenüber Motorsport-Magazin.com. Ein etwas überraschendes Statement, hatte das Team doch im Sommer noch gestanden, dass das Chassis des Jahrgangs 2018 weit weniger konkurrenzfähig als das des Vorgängers ist. Als Grund hatte Zak Brown die Korrelation mit dem Windkanal angegeben.

Trotz Nutzung des eigenen Windkanals in Woking und der Anlage von Toyota in Köln ließen sich die Probleme auf der Rennstrecke in der Simulation nicht identifizieren. Als Konsequenz funktionierte McLaren das 1. Freie Training an den Rennwochenenden zum Testlabor um und ließ Alonso und Vandoorne mit Aero-Rakes fahren. De Ferran sieht darin allerdings kein grundlegendes Problem.

"Wie mit jeder Simulation ist es so, dass sie nur versucht, die Realität zu imitieren", sagt er. "Der Windkanal ist auch nur eine Simulation der realen Welt. Unsere Jungs versuchen immer, die Korrelation von dem was in der echten Welt passiert mit dem was in unseren technischen Modulen, also auch dem Windkanal, passiert, zu verbessern."

Honda-Misere behinderte McLarens Entwicklung für 2018

Nach einer definitiven Lösung der Probleme klingt das nicht. Laut Brown wäre es allerdings auch zu einfach, den Windkanal für die desaströse Saison 2018 verantwortlich zu machen. "Was uns in diese Position gebracht hat, begann vor fünf Jahren", so der US-Amerikaner, der Ende 2016 zunächst als Executive Director bei McLaren einstieg und seit diesem Jahr den Posten des CEO bekleidet.

Für 2017 beschränkte sich sein Einfluss auf einen neuen Anstrich in Orange und die Umbenennung des Chassis. Die vergangene Saison hingegen wurde im ersten Jahr unter Führung Browns vorbereitet. Ein tragender Bestandteil des anvisierten Umschwungs war der Wechsel des Motorenpartners. Nach drei erfolglosen Jahren schoss man Honda in den Wind, um stattdessen mit Renault anzubandeln.

Zwischen 2015 und 2017 musste Honda stets als Sündenbock für schwache Performance herhalten. Etwas, das durchaus seinen Teil zum schwachen Abschneiden 2018 beitrug. "Es war definitiv schwieriger, da wir in den drei Jahren eine große Herausforderung hatten. Wenn es mehrere Variablen gibt, die unterschiedlich performen, ist es schwieriger zu verstehen", glaubt Brown, dass die Entwicklung des MCL33 durch die Honda-Baustelle negativ beeinflusst wurde.

Alonso und Johnson tauschen Autos - Showrun Formel 1 vs. NASCAR: (00:52 Min.)

Brown: McLarens alte Teamstrukturen für schlechtes Auto verantwortlich

Zwar holte das Team in dieser Saison mit 63 Punkten ganze 33 mehr als im Vorjahr, doch diese Ausbeute war mehr den Fähigkeiten Fernando Alonsos als denen des Autos zuzuschreiben. Schlussendlich reichte es selbst für den spanischen Superstar in diesem Jahr nur zwei Mal für das Q3. Im Vorjahr war er im Qualifying noch sieben Mal in die Top-10 gefahren.

"Unsere Performance war dieses Jahr etwas unbeständig", findet de Ferran beschönigende Worte für das schwache Abschneiden. "Manche Kurse und Bedingungen haben unserem Auto mehr gelegen als andere." Richtig nachvollziehen lässt sich diese Aussage nicht. Letztendlich holte Alonso 32 Punkte in den ersten fünf Rennen, als Force India noch flügellahm war und Haas patzte.

Im Entwicklungsrennen fiel das Team kurz nach dem Beginn der Europa-Saison gnadenlos zurück. Die zu Beginn angekündigte Update-Offensive blieb ohne Erfolg. Im Frühjahr wurde Technikchef Tim Goss vor die Tür gesetzt, wenige Monate später musste Renndirektor Eric Boullier seinen Hut nehmen. "Ich will auf niemanden mit dem Finger zeigen, aber uns fehlte eine beständige Führung", sieht Brown die Ursache nicht bei den beiden genannten Individuen, sondern bei der lange vor seiner Zeit durch Ron Dennis & Co. etablierten Teamstruktur.

"Aufgrund all der Aktivitäten die von der Vorstandsebene abwärts stattfanden, fehlte der Fokus. Firmenkäufe, die Fusionierung von Firmen, Teamchefs die kamen und gingen, genau wie CEOs. Es gab diese ständige Rotation und dadurch fehlte der Fokus. Ich denke, das hat für die Probleme gesorgt. Die Mitarbeiter hatten keine klaren Ziele und Verantwortungen mehr. Das hat letztendlich dazu geführt, dass wir für dieses Jahr ein schlechtes Rennauto gebaut haben. Es war die Organisation und die Struktur", so Brown.

Statt Red Bull jagte McLaren 2018 zeitweise sogar Williams hinterher - Foto: Sutton

Standortbestimmung dank Red Bull und Renault - 2019 alle besser?

McLarens ursprüngliche Renault-Messlatte machte es 2018 mit vier Siegen deutlich besser. Ein solcher Anhaltspunkt fehlte laut Brown bei der Entwicklung des Boliden im Vorjahr gänzlich: "Wenn du in einer Position bist, in der du eine klare Referenz hast, so wie Red Bull, kannst du das [Honda-Motor] aus der Gleichung herausnehmen. Und dann gibt es weniger Baustellen, die man sich anschauen muss."

Nachdem das Scheitern mit dem MCL33 früh in der Saison klar war, wanderte der Fokus dementsprechend schnell auf die Entwicklung des Nachfolgers. Gleichzeitig, beteuert de Ferran, wurde 2018 trotzdem weiter alles versucht: "Wir hatten nicht komplett damit aufgegeben, dieses Jahr in jedem einzelnen Rennen unser Bestmögliches zu geben. Wir versuchten das Auto zu verstehen und zu entwickeln, besonders um zu verstehen, was zu den Problemen dieses Jahr geführt hat, damit wir etwas für das nächstjährige Auto lernen."

Ob es 2019 zu mehr als hochgesteckten Ambitionen reicht, wird sich spätestens in Melbourne zeigen. Die ernüchternde Saison 2018 hat für die Zukunft letztendlich einen großen Wert, wie Brown glaubt: "So gesehen hat es uns geholfen, dass es zwei Teams gab, an denen wir uns direkt messen konnten. Es war uns nicht möglich, gegen sie zu kämpfen. Das hat uns weitergebracht."


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