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Formel 1 Favoriten-Check: Crasht Red Bull Hamiltons WM-Party?

Red Bull startet beim Formel-1-Rennen in Mexiko von 1 und 2. Können Lewis Hamilton und Sebastian Vettel da überhaupt noch etwas anrichten?
von Christian Menath

Die Erleichterung war den Red-Bull-Verantwortlichen nach dem Qualifying zum Mexiko GP 2018 anzusehen. Daniel Ricciardo und Max Verstappen gehen heute (Rennstart 20:10 Uhr, RTL überträgt live) von Pole Position und Startplatz zwei aus ins Rennen. Zuletzt gab es dieses Traumergebnis für die Bullen vor über fünf Jahren beim USA GP 2013.

Hinter den beiden Red-Bull-Piloten starten die WM-Kontrahenten Lewis Hamilton und Sebastian Vettel. Eine gute Ausgangsposition für ein spannendes Rennen oder vielleicht genau das Gegenteil? Motorsport-Magazin.com macht den Favoriten-Check zum 19. Lauf zur Formel-1-Saison 2018.

Auf dem Papier sollte es eine klare Sache sein: Wenn Red Bull schon im Training vorne ist, warum sollten sie dann im Rennen Probleme bekommen? Der große Motoren-Nachteil ist im Rennen weg, dazu geht der RB14 meist besser mit den Reifen um als die Konkurrenz. Der Mexiko GP droht eine regelrechte Reifenschlacht zu werden.

Red Bull beim Formel-1-Rennen in Mexiko Top-Favorit?

Also wird es ein reiner Zweikampf zwischen Ricciardo und Verstappen? "Ja, wir sind in einer guten Position", meinte ein von der teaminternen Niederlage noch immer angefressene Max Verstappen nur.

Daniel Ricciardo sieht es noch nicht ganz so klar: "Es ist zu früh, um zu sagen, dass es nur ein Rennen zwischen uns ist - so schön es auch wäre. Es ist ein langer Weg bis Kurve eins und auch der Reifenabbau ist hier ziemlich signifikant. Deshalb kann man überholen, wenn man im schnelleren Auto ist. Hoffentlich haben wir den ganzen Tag dieses schnellere Auto."

Tatsächlich gehört der Weg bis Kurve eins mit zu den längsten der gesamten Saison. 890 Meter sind es von Pole Position bis zum Scheitelpunkt. Die erste große Windschattenschlacht gibt es daher direkt nach dem Start. Aufgrund der dünneren Luft in 2.200 Meter Höhe ist der Windschatten-Effekt allerdings geringer.

Ferrari in Mexiko schnell: Vettel mit 354,2 km/h

Trotzdem kann es zu spektakulären Szenen kommen: Denn der Red Bull zählte auch in Mexiko zu einem der langsamsten Autos im Feld. Mercedes hatte zwar keinen allzu großen Geschwindigkeitsüberschuss, dafür aber Ferrari. Die Ferraris waren im Qualifying über zehn Stundenkilometer schneller als die Red Bull.

1 Räikkönen Ferrari Ferrari 356,4
2 Ericsson Sauber Ferrari 354,2
3 Vettel Ferrari Ferrari 354,2
4 Leclerc Sauber Ferrari 352,1
5 Ocon Force India Mercedes 350,3
6 Stroll Williams Mercedes 350,0
7 Magnussen Haas Ferrari 349,6
8 Perez Force India Mercedes 349,4
9 Hamilton Mercedes Mercedes 348,0
10 Grosjean Haas Ferrari 347,8
11 Sirotkin Williams Mercedes 347,2
12 Bottas Mercedes Mercedes 347,2
13 Verstappen Red Bull Renault 346,5
14 Hartley Toro Rosso Honda 345,9
15 Gasly Toro Rosso Honda 345,7
16 Hülkenberg Renault Renault 343,0
17 Ricciardo Red Bull Renault 341,9
18 Sainz Renault Renault 341,6
19 Alonso McLaren Renault 339,3
20 Vandoorne McLaren Renault 335,7

Angesichts der Werte muss sich auch Lewis Hamilton fürchten. Mercedes verlor auf den Geraden wieder deutlich Zeit auf Ferrari. Vettel war am Ende der langen Geraden mit 354,2 km/h immerhin satte 6,2 km/h schneller als Hamilton.

Die lange Gerade, die enge Dreifach-Kurvenkombination danach und die Ausgangslage versprechen heute am Start ein regelrechtes Spektakel. "Der Start hat Potential für ein Gemetzel", meint Mercedes Motorsportchef Toto Wolff. "Ich bin froh, wenn wir überhaupt mit zwei Autos aus der ersten Kurve herauskommen."

Verstappen vs. Ricciardo: Angst vor dem Red-Bull-Crash

Besonders pikant ist die Ausgangslage auch wegen der beiden Red Bulls. Max Verstappen war nach der Qualifying-Niederlage extrem angefressen. Bis zum Zeittraining hatte er in allen Sessions die Bestzeit gesetzt. Gleichzeitig verpasste er es, Vettel als jüngsten Pole-Setter der Geschichte abzulösen. Er machte ein Fahrbarkeitsproblem dafür verantwortlich, die Hinterachse überbremste im gesamten Qualifying.

In Baku crashte Daniel Ricciardo in Max Verstappen - Foto: Sutton

Der Niederländer geht mit einer ordentlichen Portion Wut im Bauch ins Rennen. Dazu gibt es eine Vorgeschichte zwischen Verstappen und Ricciardo: In Baku kämpften die Teamkollegen extrem hart gegeneinander, was schlussendlich in einem Crash endete. Doch Verstappen beschwichtigt: "Ich denke gar nicht mehr an Baku."

Und auch Ricciardo versucht seinen Chefs die Angst vor dem Start zu nehmen: "Niemand will wie in Baku kämpfen, also wird es morgen hoffentlich keine Herzattacken geben." Doch vor dem Rennen sagt sich das leicht. Dass Ricciardo im nächsten Jahr zu Renault wechselt, dürfte die beiden Streithähne nicht unbedingt einbremsen.

Aber auch nach dem Start gibt es reichlich Stoff für ein gutes Rennen. Wer hat das schnellste Rennauto? Trotz Pole verlor Red Bull über Nacht eine Sekunde Vorsprung auf Ferrari und Mercedes. Das ist nur Teilweise den Power-Modi der Konkurrenz zuzuschreiben. Ferrari und Mercedes bekamen plötzlich die Reifen viel besser zum Arbeiten. Dazu waren die Bedingungen komplett anders. Nach dem extrem heißen Freitag war es am Samstag stark bewölkt, Regen drohte sogar. Die Faktoren haben sich addiert.

Dazu wird der Reifenabbau ein zentrales Thema über die 71 Runden. Kleiner Wermutstropfen: Leider haben sich alle Piloten der Top-Teams im Q2 auf den Ultrasofts qualifiziert. Deshalb wird es wohl keine große Variabilität mehr bei der Strategie geben.

Der Fahrplan ist klar: So lange wie möglich den ersten Stint auf Ultrasoft fahren und dann zum ersten und einzigen Stopp kommen. Die Wahl dürfte klar sein: Supersoft. Den Hypersoft will im Rennen niemand freiwillig fahren. Laut Pirelli soll jedoch eine Zweistopp-Strategie schneller sein. In der Vergangenheit hat sich allerdings oftmals gezeigt, dass die Teams lieber auf einen Stopp weniger setzten und den Reifenabbau stärker managten.

Ferrari und Mercedes bei Mexiko-Longruns gleichauf

Am Freitag war Red Bull auch beim Reifenmanagement unantastbar. Allerdings fehlen Red Bull Erfahrungswerte auf dem Supersoft. Die starken Zeiten auf dem Hypersoft sind nichts wert, weil er aller Voraussicht nach nicht zum Einsatz kommen wird. Ricciardo konzentrierte sich nach dem Hypersoft auf Ultrasoft, Verstappen konnte den Soft nicht austesten, weil die Hydraulik an seinem RB14 versagte.

Mexiko GP 2018: Trainings-Longruns auf Hypersoft

Fahrer Gefahren gegen Reifen-Alter Stint-Länge Durchschntl. Rundenzeit
Verstappen Anfang 13 6 1:23,126
Ricciardo Anfang 14 9 1:23,391
Räikkönen Ende 10 3 1:24,002
Vettel Anfang 15 5 1:24,068
Bottas Ende 15 5 1:24,221
Hülkenberg Anfang 12 6 1:24,299
Hamilton Anfang 14 5 1:24,722
Sainz Anfang 11 5 1:24,760

Auch hier spielt das Wetter wieder eine Rolle: Die Reifen verhalten sich bei 45 Grad Asphalttemperatur gänzlich anders als bei 25 Grad. Für das Rennen heute (Rennstart 20:10 Uhr, RTL überträgt live) sind erneut niedrige Temperaturen vorhergesagt, möglicherweise sogar Regen.

Mexiko GP 2018: Trainings-Longruns auf Ultrasoft

Fahrer Gefahren gegen Reifen-Alter Stint-Länge Durchschntl. Rundenzeit
Ricciardo Ende 18 10 1:22,708
Bottas Anfang 25 10 1:23,947
Hülkenberg Ende 24 16 1:24,489

Trotzdem ist Red Bull auch bei der Rennpace Top-Favorit - egal ob bei kühlen, heißen oder regnerischen Bedingungen. Sollte es tatsächlich nass werden, kommt der Abtriebs-Vorteil erst recht zu tragen. So ist es kein Wunder, dass die Bullen im ersten Sektor, der vor allem aus Gerade besteht, deutlich Zeit verloren. Im zweiten und dritten Sektor hingegen waren Ricciardo und Verstappen unschlagbar.

Mexiko GP 2018: Trainings-Longruns auf Supersoft

Fahrer Gefahren gegen Reifen-Alter Stint-Länge Durchschntl. Rundenzeit
Vettel Ende 27 17 1:22,950
Hamilton Ende 26 14 1:22,961
Räikkönen Anfang 28 18 1:23,393
Sainz Ende 24 14 1:23,539

Mercedes und Ferrari befanden sich im direkten Vergleich am Freitag bei den Longruns auf Augenhöhe, genau wie im Qualifying. Hier einen Favoriten auszumachen, fällt schwer. Im Regen ist allerdings Mercedes der klare Favorit im Duell: Ferrari verlor vor allem in den Kurven auf die Silberpfeile, weil schlicht Abtrieb fehlte.

Und dann gibt es noch einen weiteren wichtigen Faktor für das Rennen: Die Zuverlässigkeit. Die Höhenlage setzt den Autos enorm zu. Allen voran die Bremsen leiden darunter, aber auch die Power Unit hat ihre Schwierigkeiten. Renault erlebte in Mexiko im vergangenen Jahr ein Motoren-Debakel. Auch 2018 gab es schon einige Probleme: Bei Red Bull und Mercedes versagte jeweils einmal die Hydraulik.

Motorsport-Magazin.com Rennprognose: Red Bull bleib Favorit, selbst wenn Verstappen und Ricciardo am Start Plätze verlieren sollten. Der bessere Umgang mit den Reifen könnte dann zum Trumpf werden. Bleib es trocken, sind Ferrari und Mercedes dahinter auf Augenhöhe.


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