Formel 1 / Hintergrund

Formel 1 Kanada 2018: Die 7 Schlüsselfaktoren zum Rennen

Sebastian Vettel auf Pole. Superenge Abstände zwischen Ferrari, Mercedes und Red Bull - und auch noch unterschiedliche Taktiken. In Kanada ist Feuer drin.
von Jonas Fehling

1. - S wie Startaufstellung

Sebastian Vettel erzielte im Qualifying zum Kanada GP 2018 seine 54. Pole Position in der Formel 1. Doch es war knapp - um keine Zehntel schlug der Ferrari-Pilot Valtteri Bottas, der sich mit Vettel die erste Reihe teilt. Erst in der zweiten Startreihe nimmt Lewis Hamilton der Platz. Der Mercedes-Star startet nach einer von Schnitzern gespickten Qualifikation sogar noch einen Platz hinter Max Verstappen, der sein Talent mit P3 dieses Mal wieder unter Beweis stellte.

Kimi Räikkönen und Daniel Ricciardo beginnen das Rennen in Montreal heute aus Reihe drei. Mit Nico Hülkenberg, Esteban Ocon, Carlos Sainz und Sergio Perez komplettieren einzig Renault und Force India in schöner Abwechslung die Top-10 während Charles Leclerc den Sauber sensationell zum vierten Mal in Folge ins Q2 brachte, dort als 13. abschnitt und somit noch vor den desaströsen McLaren startet.

Schwächste Kraft in Kanada ist jedoch einmal mehr Williams. Local Hero Lance Stroll und Sergey Sirotkin startet jedoch nur deshalb nicht aus der letzten Reihe, weil Marcus Ericsson crashte bevor er eine gute Rundenzeit erzielt hatte und Romain Grosjean dieses Mal Defektteufel statt Murmeltier den Tag versaute.

2. - S wie Start

Der Start steht beim Kanada GP unter einem im Formel-1-Rennkalender extremen Gesichtspunkt: Der Weg bis zum Bremspunkt für die erste Kurve ist auf dem Circuit Gilles Villeneuve so kurz wie auf keiner anderen Strecke, nur 155 Meter. Entsprechend kommt es anders als etwa in Spanien oder Russland nicht auf Windschatten, sondern eher wie zuletzt in Monaco, auf einen perfekten Launch aus der Startbox an.

Vorteil Red Bull? Anders als Mercedes und Ferrari starten die Bullen mit den weicheren Hypersoft, weil sie mit diesen in Q3 gelangten."Wir haben beim Start weichere Reifen, daher können wir da konkurrenzfähig sein", weiß auch Max Verstappen. "Wenn der Start gut läuft, können wir da ein oder zwei Positionen gutmachen", sagt Ricciardo zu Motorsport-Magazin.com. "Das kann man schwer einschätzen", entgegnet jedoch Kimi Räikkönen. Landsmann Bottas sprach durch die unterschiedlichen Reifen im Grid von möglichen "interessanten" Auswirkungen.

Die könnte es jedoch auch allein schon wegen Max Verstappen ganz vorne drin geben. "Ferrari waren konstant die besten Starter dieses Jahr, Red Bull war nicht so gut. Aber es ist immer ein Vorteil, mit weicheren Reifen zu starten und ich denke, er (Verstappen, Anm. d. Red.) wird alles geben. Ich hoffe, dass er das tut", so Hamilton vielsagend.

Aufgrund des kurzen Weges zu Kurve eins könnte man nun meinen, die Pole sei in Kanada somit auch elementar. Tatsächlich jedoch gewann seit der letzten Layout-Änderung 2002 nur in acht von 15 Fällen auch der Polesetter - zuletzt allerdings drei Mal in Folge durch Lewis Hamilton. Darauf hofft auch Daniel Ricciardo, mit Platz sechs ist der Monaco-Dominator der am schlechtesten platzierte Top-Fahrer. Doch sieht der Australier das mit einem Augenzwinkern anders: "Ich erwarte morgen Chaos am Start bei den Top 5, deshalb hab ich mich ja auf P6 qualifiziert!"

3. - S wie Strategie

Das noch viel größere Thema als der Start ist beim Kanada GP jedoch die Strategie. "Alles in allem scheinen die Abstände zwischen den drei Top-Teams sehr gering zu sein. Entsprechend könnte die Strategie der Schlüssel zum Erfolg sein", meint Valtteri Bottas. Und hier gibt es jede Menge Spannungspotential.

Hintergrund: Im Qualifying sahen wir einmal mehr unterschiedliche Taktiken. Ferrari und Mercedes gelangten mit Ultrasoft in Q3, Red Bull mit Hypersoft, sodass Daniel Ricciardo und Max Verstappen das Rennen mit der weicheren und rund eine Sekunde pro Runde schnelleren Mischung beginnen. Diese bricht dafür jedoch auch schneller ein.

Allerdings erfüllt Red Bull damit als einziges Top-Team die Pirelli-Vorgabe der theoretisch schnellsten Strategie, um die 70 Runden auf der Ile Notre Dame zu bewältigen. Diese sieht einen Start auf Hypersoft mit einem einzigen Reifenwechsel auf Supersoft nach 15 Runden vor. Fast genauso schnell schätzt Pirelli jedoch den Einstopper ein, den Mercedes und Ferrari planen dürften. Der Reifenhersteller empfiehlt hier, den Ultrasoft nach 25 Runden gegen Supersoft einzutauschen.

Sollte der Reifenabbau zunehmen soll laut Pirelli auch eine Zweit-Stopp-Strategie, in Kanada wegen nur 18 Sekunden Boxendurchfahrt auch zu verschmerzen - ins Spiel kommen. Damit ist angesichts immer besserer Gripverhältnisse jedoch kaum zu rechnen. Schon in der Qualifikation erweckte der Hypersoft einen stabileren Eindruck als im Training, sollte also auch als Rennreifen nicht schon nach drei Runden eingehen.

Noch dazu geht der Red Bull RB14 ohnehin sehr schonend mit dem schwarzen Gold um. Ist wirklich ein Einstopper möglich. Versuchen wird es die Truppe aus Milton Keynes jedenfalls. "Das ist der Plan", sagt Daniel Ricciardo. Max Verstappen bestätigt: "Ich denke, das ist für uns ein guter Reifen. Ich habe mich auf dem Longrun gut gefühlt." "Außer wenn wir in Runde zehn stoppen, dann wahrscheinlich nicht", scherzt Ricciardo. "Aber wir werden etwas länger als das versuchen. Wir haben das Gefühl, dass wir auf diesen Reifen besser als die anderen sind."

Genau deshalb rechnete Red Bull auch mit dem Vorgehen bei Ferrari und Mercedes. Verstappen: "Es war keine Überraschung. Wir haben uns schon gedacht, dass sie sich auf Ultrasoft qualifizieren würden." Doch sieht sich die Konkurrenz damit geschlossen im Vorteil, ob man Ferrari oder Mercedes fragt - entsprechend waren diese Lager von Red Bull überrascht.

"Ich denke, der Hypersoft ist kein guter Rennreifen, ich bin überrascht, dass beide Red-Bull-Piloten ihn gewählt haben", sagt Sebastian Vettel. "Wir hätten es nicht so gemacht, wenn wir es nicht für richtig halten würden", meint auch Kimi Räikkönen.

"Wir sind happy damit, dass wir uns im Q2 mit den ultraweichen Reifen qualifiziert haben. Ich glaube, das ist die richtige Wahl für unser Auto", meint Bottas. "Positiv ist, dass beide Autos auf den ultraweichen Reifen ins Rennen gehen. Deshalb hoffen wir, dass wir uns für das Rennen in einer starken Ausgangsposition mit einer Vielzahl an strategischen Optionen befinden", bestätigt Mercedes-Teamchef Toto Wolff.

4. - S wie Safety Car

Alle strategischen Überlegungen über den Haufen werden kann jedoch auch in Kanada mal wieder ein Safety Car oder die virtuelle Variante dessen. 2018 stellte das bereits so einige Formel-1-Rennen auf den Kopf. In Kanada ist die Wahrscheinlichkeit dafür sogar besonders groß. In zwei der letzten fünf Rennen war das Safety Car in Kanada im Einsatz, kurz zuvor, 2011, stellte Montreal mit 30 Runden Safety Car sogar einen neuen F1-Rekord auf.

Erst im Vorjahr entschied zudem ein VSC das Rennen in Kanada, als Ferrari Sebastian Vettel durch eine katastrophale Fehlentscheidung ins Verderben schickte. "Bei diesem Rennen sind Zwischenfälle und Safety-Car-Phasen keine Seltenheit und das wird für uns bestimmt einige Gelegenheiten eröffnen, wenn wir vorne mitfahren und die Autos um uns herum unter Druck setzen können", weiß Mercedes-Performance-Ingenieur Andrew Shovlin deshalb ganz genau, wie wichtig funktionierende Rechenmodelle zu allen Eventualitäten mal wieder sind.

5. - S wie Stresstest

Und zwar für die Bremsen. Die hohen Geschwindigkeiten am Ende der langen Geraden, vor allem der zweitlängsten der ganzen F1-Saison vor dem harten Bremspunkt an der Schikane vor Start/Ziel, sowie der insgesamt klare Stop&Go-Charakter des Circuit Gilles Villeneuve beanspruchen die Bremsen der F1-Boliden wie keine andere Strecke. Die Bremsscheiben erhitzen sich in Kanada mehr als irgendwo sonst, was in Montreal bereits mehrfach Träume durch die Technik platzen ließ. Haushalten ist angesagt.

6. - S wie Superwaffen

Gibt es in Kanada gleich zwei. Erstens den schon angesprochenen Hypersoft. Mit einem Delta von einer Sekunde zur nächsten Mischung bietet der Superkleber von Pirelli in Kanada eine exquisite Überholmöglichkeit. Immerhin lässt sich in Montreal auch überholen, anders als zuletzt in Monaco, als der Delta-Effekt in den engen Straßen völlig verpuffte.

"Ich denke, dass wir zumindest für die ersten drei Runden einen Vorteil haben sollten. Wenn die anderen in der Dirty Air rutschen sollten wir besser dastehen. Das bringt uns in eine Position, aggressiv zu sein und zu attackieren", hofft deshalb Daniel Ricciardo auf einen Sturm nach vorne von P6. Sobald der Hypersoft-Vorteil verpufft, wäre die gesamte Rennstrategie aber in Gefahr: "Dann fallen wir wahrscheinlich nur zurück", fürchtet Ricciardo.

Formel 1 2018: Vorteil durch Motor-Upgrades in Kanada?: (07:06 Min.)

Entscheidend sein wird somit auch, wann Rennleiter Charlie Whiting das DRS freigibt. Und davon gibt es in diesem Jahr in Montreal immerhin gleich drei noch dazu lange Zonen - erstmals wieder seit der Premiere des Triple-DRS in Australien. Das ist die zweite Superwaffe.

Ohnehin hat Red Bull im Renntrimm auf den Gerade keinen so großen Power-Nachteil mehr wie im Qualifying. "Im Rennen rückt alles dichter zusammen", weiß Max Verstappen mit Blick auf die Motor-Modi von Mercedes und Ferrari. "Deshalb sind wir da generell etwas konkurrenzfähiger."

7. - S wie Sieger

Doch wer hält den am Ende noch immer wichtigsten Trumpf in Händen? Pace. "Ich denke, dass wir das Tempo haben um gegen Ferrari und Mercedes zu kämpfen", gibt sich Max Verstappen optimistisch. "Das Auto funktioniert gut, im Quali fehlt uns nur der Topspeed, sodass wir im Rennen wieder einen guten Job machen können", ergänzt der Niederländer, zuvor mit drei Trainingsbestzeit, als die Motoren ebenfalls nicht im Qualifying-Modus unterwegs waren.

Doch die Konkurrenz hat nicht vor, sich Red Bull zu ergeben. Speziell Mercedes lieferte am Freitag exzellente Longruns, auch bei den Bestzeiten waren die Silberpfeile Reifen-bereinigt viel besser als das Ergebnis glauben machte, setzen sich den Hypersoft da immerhin gar nicht erst ein.

"Wir sind in einer guten Position. Der Longrun gestern war wirklich gut", hofft Hamilton deshalb seinen schwachen Samstag am Sonntag ins Gegenteil verkehren zu können. Die Augen vor den starken Gegnern verschließt jedoch niemand. "Red Bull wird ebenfalls eine Gefahr für uns sein, aber es ist cool, dass wieder drei Teams um den Sieg kämpfen können", so Valtteri Bottas.


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