Formel 1

Formel-1-Trainings-Analyse Spanien: Wer hat die besten Updates?

In Barcelona bringen fast alle Formel-1-Teams große Updates. Ferrari, Mercedes oder Red Bull: Wer konnte schon im Training überzeugen? Die Spanien-Analyse.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Der Spanien GP wird von vielen in der Formel 1 besonders herbeigesehnt. Nicht nur, weil die weiten Reisen vorerst ein Ende haben, vor allem, weil fast alle Teams große Upgrades an ihre Boliden bringen. Barcelona ist nicht nur logistisch ein guter Ort dafür, auch die Streckencharakteristik ist perfekt für Tests.

Von den Top-Teams brachte Red Bull das - zumindest visuell - mit Abstand größte Paket. Bei den Österreichern erhofft man sich viel. Alle wissen, dass jeder sein Auto schneller macht. Entsprechend muss man sein Auto nicht schneller machen, sondern noch schneller machen als die Konkurrenten. Bei Red Bull glaubt man: "Wir haben das effektivste Paket."

Red Bull schon im Short Run auf Tuchfühlung

Schon bei den letzten Rennen war Red Bull teilweise in Schlagweite - doch ein wenig Glück gehörte beim Sieg in China dazu. Durch das Upgrade soll vor allem die Qualifying-Schwäche behoben werden. Bei den Rundenzeiten am Freitag sah es schon gut aus: Rund zwei Zehntelsekunden landete Daniel Ricciardo hinter der Bestzeit von Valtteri Bottas.

"Und das auf einer Strecke, die Mercedes auf den Leib geschneidert ist", freut sich Dr. Helmut Marko. Aber auch Ferrari machte einen starken Eindruck. Die Italiener decken am Freitag die Karten noch längst nicht auf, so viel haben wir in den ersten vier Rennen schon gelernt. Insofern sollten die vier Zehntelsekunden Rückstand von Vettel nicht allzu sehr beunruhigend.

Reifen-Mysterium in Barcelona

Das Zünglein an der Waage werden am Wochenende die Reifen. Am Freitag zeigte sich ein eigenartiges Phänomen. Viele konnten sich auf den Supersoft-Reifen nicht wesentlich verbessern. Bei Mercedes ist das ein bekanntes Problem, doch alle Teams hatten Probleme damit, einen Sprung von Soft auf Supersoft zu machen.

Durchschnittliche Delta-Zeiten

  • Supersoft auf Soft: 0,4 Sekunden
  • Soft auf Medium: 0,7 Sekunden

Bei Pirelli rechnet man damit, dass sich das über das Wochenende ändern wird. Zum einen soll es kühler werden. Das kommt den Supersofts entgegen, weil ihr Temperaturfenster niedriger ist. Außerdem baut die Strecke Grip auf, auch das sollte den roten Pirelli-Pneus helfen. Gut möglich also, dass das Kräfteverhältnis dadurch noch ein ganzes Stück verrückt.

Red Bull hatte neben den Reifen noch ein weiteres Problem. Durch das Upgrade, so vermutete das Team, war die Balance des Autos nicht so optimal. Bei Daniel Ricciardo resultierte das in einem Unfall im 1. Freien Training.

Doch tatsächlich konnte man bei allen Teams erstaunlich viele Fehler sehen. Auch die Mercedes- und Ferrari-Piloten zeigten Dreher. Neben den starken Winden hat das möglicherweise auch etwas mit dem neuen Asphalt zu tun: Bei den Messungen vor dem Wochenende fand Pirelli heraus, dass der Asphalt an verschiedenen Stellen unterschiedlich alterte.

Longruns: Kaum Erkenntnisse wegen Asphalt - kein Abbau

In den Bremszonen, in denen die Kräfte besonders hoch sind, ist der Bitumen-Gehalt stärker zurückgegangen als am Kurvenscheitelpunkt. Dadurch ändert sich das Griplevel beim Einlenken plötzlich. Ein Effekt, der übrigens das ganze Wochenende so bleiben wird. Der Alterungsprozess wird laut Experten Monate, wenn nicht sogar Jahre brauchen, bis sich die Stellen angleichen. Durch die unterschiedliche Nutzung wie beispielsweise durch Rallyecross wird der Effekt verstärkt.

Der neue Asphalt hat aber noch weitere Auswirkungen: Obwohl Pirelli bei der Reifenwahl zwei Stufen weicher im Vergleich zum Vorjahr ging - der diesjährige Medium-Reifen entspricht den letztjährigen Softs -, ist der Reifenabbau gleich Null.

Longruns auf Supersoft:

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Durchschntl. Zeit
Verstappen 20 13 1:22,666
Vettel 20 11 1:22,920
Bottas 15 7 1:22,952
Ricciardo 17 8 1:23,124
Hamilton 13 7 1:23,366

Entsprechend sind auch die Longruns vom Freitag relativ spannungsarm. Selbst der Supersoft-Reifen zeigte praktisch keinen Abbau. Durch die extra 0,4 Millimeter dünnere Lauffläche, die speziell an diesem Wochenende zum Einsatz kommt, wurden auch Graining und Blistering so gut wie ausgelöscht.

Longruns auf Soft:

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Durchschntl. Zeit
Vettel 14 3 1:21,342
Verstappen 19 12 1:21,399
Ricciardo 24 11 1:21,429
Hamilton 25 17 1:21,827

In Barcelona nur Verschleiß, nicht Abbau im Fokus

Aus Reifensicht dreht sich an diesem Wochenende alles um den Verschleiß. Wie lange können die Teams fahren, bis die Lauffläche runter ist? Erst dann zeigt sich auch ein Rundenzeitverlust, der sich dann allerdings drastisch auswirkt, wenn quasi keine Lauffläche mehr auf den Gummis ist.

Genau diese Frage wird darüber entscheiden, ob sich die Teams trauen, im Rennen auf einen Stopp zu gehen. Laut Pirelli wird es schwierig, mit einem Stopp durchzufahren. Weil Überholen in Barcelona aber extrem schwierig ist, könnten es einige Teams probieren. Viele testeten dazu schon am Freitagnachmittag Soft und Medium auf dem Longrun.

Als einziges Topteam probierte Mercedes diese Kombination. Wie immer teilten sich Hamilton und Bottas die Arbeit. Ferrari verlor durch die Technik-Probleme bei Kimi Räikkönen einen Piloten, der Daten sammeln konnte.

Verzichtet Mercedes auf den Supersoft?

Mercedes könnte genau diese Strategie auch am meisten schmecken. Dann könnte man sich auf den Softs qualifizieren und den Supersoft im Rennen umgehen. Damit käme man einer Einstopp-Strategie noch ein wenig näher.

Das wäre aus zwei Gründen gut: Zum einen müsste man dann den ungeliebten Supersoft nicht fahren. Zum anderen kann man die Konkurrenz damit strategisch mehr unter Druck setzen. Eine Sache, mit der Mercedes inzwischen kalkulieren muss. Aus einem bestimmten Grund, wie selbst Mercedes-Motorenchef Andy Cowell zugeben muss: "Im Qualifying hat Ferrari inzwischen einen Vorteil gegenüber uns."

Eine abschließende Beurteilung über das Kräfteverhältnis in Barcelona traute sich nach dem Freitag übrigens niemand zu. "Ich kann wirklich nicht sagen, wer im Moment am schnellsten ist", meinte Weltmeister Lewis Hamilton. Und das ist eine gute Nachricht: Es ist so eng, dass Nuancen entscheiden.

Eine abschließende Beurteilung über das Kräfteverhältnis in Barcelona traute sich nach dem Freitag übrigens niemand zu. "Ich kann wirklich nicht sagen, wer im Moment am schnellsten ist", meinte Weltmeister Lewis Hamilton. Und das ist eine gute Nachricht: Es ist so eng, dass Nuancen entscheiden. Nur Marko gab sich gewohnt angriffslustig: "Im Longrun sind wir die Schnellsten."


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