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Formel 1: Wie viel bringt Mercedes' Qualifying-Modus wirklich?

In Australien waren Sebastian Vettel und Co. geschockt vom großen Rückstand auf Mercedes im Qualifying. Doch wie viel macht der Motor-Modus wirklich aus?
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Nach dem ersten Qualifying der Formel-1-Saison 2018 gab es lange Gesichter bei der Mercedes-Konkurrenz. Lewis Hamilton holte sich in Australien mit satten sieben Zehntelsekunden Vorsprung die Pole Position. "Das ist ein Schlag in die Magengrube für alle anderen", zeigte sich Red-Bull-Pilot Daniel Ricciardo anschließend desillusioniert. "Das ist, als ob sie im letzten Qualifying-Abschnitt allen den Mittelfinger zeigen..."

Besonders frustriert ist die Konkurrenz, weil Lewis Hamilton erst im letzten Versuch allen meilenweit davonfuhr. Zuvor sah es noch so aus, als könnten Ferrari und Red Bull mit den Silberpfeilen mithalten. Der Verdacht der Konkurrenz ist deshalb naheliegend: Mercedes dreht erst am Ende des Qualifyings den Motor richtig auf.

Dabei legten viele ihre Hoffnungen in die neuen Motorenregeln. Die FIA hat über den Winter viele Lücken bei der Ölverbrennung geschlossen. Nur noch eine Ölspezifikation pro Team darf an einem Wochenende eingesetzt werden, dazu wurde auch die Zusammensetzung dieses Öls beschränkt. Additive, die die Verbrennung verbessern, sind nun verboten.

Kein Ende des Qualifying-Modus trotz neuer Motoren-Regeln?

Auch an der Hardware haben die Regeln Änderungen hervorgerufen. Die Kurbelwellenentlüftung darf nun nicht mehr mit dem Ansaugtrakt verbunden sein. Und der Ölverbrauch wurde weiter eingeschränkt. Nur noch 0,6 Liter dürfen auf 100 Kilometer konsumiert werden. Überprüft wird das mittels Live-Telemetrie und Messungen.

Und trotzdem scheint Mercedes nach wie vor im Qualifying etwas zu haben, das die Konkurrenz nicht hat. "Wir kennen das ganze jetzt schon seit ein paar Jahren", wiegelt Max Verstappen die Sache schnell ab. Und auch Sebastian Vettel äußerte sich in der Pressekonferenz nach dem Qualifying gegenüber Motorsport-Magazin.com ähnlich: "Das haben wir jetzt schon viele Male gesehen. 2014, 2015, 2016, 2017 wurde es dann normalerweise am Sonntag wieder etwas enger."

Lewis Hamilton, der ausnahmsweise Frage und Antwort interessiert mitverfolgte, obwohl er nicht adressiert war, richtete sich anschließend an Motorsport-Magazin.com: "Ich kann dir versichern, wir haben keinen 'Party Mode'. Ich nutze den gleichen Modus von Q2 bis zum Ende von Q3. Es gibt keinen extra Knopf, den ich dann drücke."

Qualifying-Zeiten der Top-Teams

Q1 Q2 Q3
Hamilton 1:22,824 1:22,051 1:21,164
Vettel 1:23,348 1:21,944 1:21,838
Räikkönen 1:23,096 1:22,507 1:21,828
Verstappen 1:23,483 1:22,416* 1:21,879
Ricciardo 1:23,494 1:22,897* 1:22,152

* Zeiten wurden auf Supersoft, nicht auf Ultrasoft gefahren

Nun wollte es auch Vettel wissen: "Was hast du dann zuvor gemacht?" Hamilton unbeeindruckt: "Ich habe damit gewartet, eine gute Runde zu fahren, um dir dann das Lächeln aus dem Gesicht zu zaubern." Der mögliche Qualifikationsmodus sorgte an diesem Tag noch für viel Gesprächsstoff.

Hamilton bestreitet Party Mode, Mercedes bestätigt Quali-Modus

Hamilton, der erst wenige Tage vor dem Saisonauftakt von diesem ominösen 'Party Mode' gesprochen hatte, wollte das Wort auf einmal noch nie gehört haben. "Aber das hört sich ziemlich cool an", meinte er lediglich. Mercedes Motorsportchef Toto Wolff hingegen bestätigte den Qualifying-Modus im Q3.

Doch was sagen die Zahlen? Wie konnte Hamilton von seinem ersten Versuch in Q3 auf seinen zweiten Anlauf neun Zehntelsekunden finden? Tatsächlich täuschte der letzte Qualifikationsabschnitt gleich doppelt. Zum einen war der Abstand zwischen Hamilton und Ferrari und Red Bull zu groß. Im Gegensatz zu Sebastian Vettel und Max Verstappen erwischte Hamilton aber eine fabelhafte Runde, machte keine Fehler. Sowohl Vettel, als auch Verstappen gaben später zu, Fehler eingebaut zu haben.

Dazu hat sich Hamilton in seinem zweiten Versuch vor allem im ersten Sektor verbessert, dort fuhr er mehr als eine halbe Sekunde schneller als im Umlauf zuvor. Der Grund: Teamkollege Valtteri Bottas hatte dort seinen Boliden verloren. Mercedes warnte Hamilton vor möglichen Flüssigkeiten und Karbonteilen am Ausgang von Kurve zwei. Hamilton ging zunächst einmal auf Nummer Sicher.

Verbesserungen in Relation zur jeweiligen Q1-Zeit

Q2 absolut [s] Q2 relativ [%] Q3 absolut [s] Q3 relativ [%]
Hamilton 0,773 0,93 1,660 2
Vettel 1,404 1,68 1,510 1,81
Räikkönen 0,589 0,71 1,268 1,53
Verstappen 1,067 1,28 1,604 1,92
Ricciardo 0,597 0,72 1,342 1,61

Und auch die Vergleiche mit Q1 und Q2 wirken angesichts der Zahlen weniger spektakulär als nach dem Qualifying empfunden. Von Q1 zu Q3 verbesserte sich Hamilton um 1,660 Sekunden. Das entspricht einer relativen Verbesserung seiner Rundenzeit von 2,00 Prozent. Das ist viel, aber nicht so extrem, wie es scheint. Vettel verbesserte sich um 1,81 Prozent oder 1,510 Sekunden. Verstappen konnte sich um 1,92 Prozent steigern.

Vettel gibt zu: War Hamiltons Runde, nicht Mercedes' Motor

Am Sonntag musste auch Vettel zugeben, dass er Mercedes und Hamilton nach dem Qualifying etwas unrecht tat: "Ich glaube, Lewis hatte gestern recht. Wir bekommen ja auch GPS-Daten und so weiter. Sie haben in Q3 etwas aufgedreht, aber nicht um sieben Zehntel. Wenn man sich das Qualifying etwas genauer ansieht - und das habe ich letzte Nacht getan -, dann muss man sagen, dass sie auch in Q1 schnell waren."

"Das, was er am Ende rausgeholt hat, lag nicht nur am Motor. Vielleicht war es eine Zehntel oder ein bisschen mehr, aber keine sieben Zehntel", so Vettel rückblickend. "Also geht das Lob für die Runde an ihn und nicht an den Motor. Was sie machen, ist völlig okay, sie machen nichts Spezielles. Vielleicht ist es sogar etwas weniger als letztes Jahr."

Tatsächlich verbesserte sich Hamilton von Q1 auf Q3 um lediglich 0,150 Sekunden mehr als Vettel. Im Vergleich zur gesamten Ferrari- und Red-Bull-Konkurrenz konnte Hamilton im Q3 durchschnittlich gut zwei Zehntel mehr rausholen. Dass Hamilton im Q2 nicht dominierte, mag auch daran liegen, dass der Q2-Reifensatz bereits jener ist, auf dem die Top-10 das Rennen starten müssen.

Mercedes Qualifying-Modus bringt zwei Zehntel

Genau diesen Wert von ein bis zwei Zehntelsekunden nennen uns übrigens auch die Mercedes-Kundenteams. Nur dass Williams und Force India schon von Q1 an ums Überleben kämpfen und deshalb den Modus schon dort einlegen.

Der erste Schock nach dem Australien-Qualifying war also übertrieben. Dennoch können ein bis zwei Zehntelsekunden viel ausmachen. Vor allem, wenn Überholen so schwierig ist wie in Melbourne. Da bringt es dann ohne Strategieglück auch nicht viel, wenn man im Rennen tatsächlich schneller ist.

Formel 1 2018: Rennanalyse Australien GP: (43:28 Min.)


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