Formel 1 / Hintergrund

Die sieben S - Wenn es Nacht wird in Indy

Reifen hier, Peus dort und an der nächsten Ecke wird über das schwarze Gold diskutiert. Wir beleuchten stattdessen die Schlüsselfaktoren des US Grand Prix.
von Stephan Heublein

Motorsport-Magazin.com - Auf und um den legendären Brickyard dreht sich momentan alles nur um ein Thema: Das angeblich schwarze Gold, welches seinen französischen Besitzern an diesem Wochenende bislang noch keine Freude gemacht hat.

S wie Sicherheit

Der große Oberbegriff hinter den Reifendiskussionen ist jedoch der Schlüsselfaktor Sicherheit. Denn diese sieht Michelin derzeit nicht gewährleistet, so lange man nicht die Ursachen für die beiden Toyota-Reifenschäden vom Freitag gefunden hat.

Eine Entscheidung ob und wenn ja wie die Michelin-Teams an den Start gehen, welche Strafen für einen eventuellen Reifenwechsel anstehen und wie es überhaupt mit der Reifenaffäre von Indy zu Ende geht, erwartet Ron Dennis erst zwei Stunden vor Rennbeginn.

Wir konzentrieren uns nun auf alle Fälle erst einmal auf eben jenes Rennen und analysieren, was die Teilnehmer des Großen Preises der USA - unter normalen Bedingungen - erwartet und lassen das allgegenwärtige Reifendilemma für die nächsten paar Zeilen einmal außen vor.

S wie Startaufstellung

Eine Startaufstellung der etwas anderen Art... - Foto: Sutton

Zwanzig Autos haben sich gestern für den neunten Saisonlauf qualifiziert und trotz aller Boykott- und Absage-Gerüchte lässt die Startaufstellung auf ein packendes Duell bis zur engen ersten Kurve schließen, in welcher es durchaus gleich zu Beginn krachen könnte.

Die erfreulich gute Mischung Fahrer verschiedener Teams auf den ersten Startplätzen lässt Renault-Motorenmann Denis Chevrier einige strategische Überlegungen anstellen. "Der Grid ist extrem eng und es gibt nur sehr geringe Zeitabstände zwischen den meisten Fahrern", analysiert der Franzose die Qualifyingzeiten. "Nur die beiden Autos vorne sind weiter weg, was möglicherweise durch eine andere Rennstrategie zu erklären ist."

S wie Start

Während McLaren und Kimi Räikkönen beim Start in Richtung der ersten Rechtskurve aus Sicherheitsgründen auf ihre zuletzt "starken" Starts setzen, welche den Finnen bereits beim Erlöschen der Lichter an Jarno Trulli vorbei spülen und einen Crash verhindern sollen, muss auch bedacht werden, dass der Italiener in diesem Jahr nicht nur im Qualifying, sondern auch bei den Starts zu überzeugen wusste.

Noch stärkere Starter sind aber auch weiterhin die beiden Gelb-Blauen auf den Startplätzen vier und sechs. "Ja, der Start in Kanada war großartig", erinnert sich Giancarlo Fisichella zurück. "Ich hatte eine gute Reaktionszeit und das Auto arbeitete gut. Ich glaube, dass es schwierig wird an diesem Wochenende von vier auf eins vor zu fahren, aber vielleicht kann ich dennoch ein paar Autos überholen." Denis Chevrier hofft dies jedenfalls sehr. "Wir möchten beim Start einige Plätze gutmachen", kündigt er an.

S wie Setup

Indy verlangt nach dem berüchtigten Setup-Kompromiss. - Foto: Sutton

Der Indianapolis Motor Speedway wird gerne als eine Strecke mit einer gespaltenen Persönlichkeit bezeichnet. Der Grund hierfür liegt in der High-Speed-Natur seines Ovalstücks, welches samt der langen Start- und Zielgeraden ganze 24 Sekunden Vollgas ermöglicht, sowie der Micky Mouse artigen Streckencharakteristik im Infield.

"Ideal ist ein Setup, das in den langsameren Streckenabschnitten sowohl gute Bremsstabilität und gute Traktion, als auch hohe Spitzengeschwindigkeiten und geringen Widerstand für die lange Gerade bietet", fasst Sauber-Technikchef Willy Rampf den berüchtigten Indy-Setup-Kompromiss zusammen.

Etwas ausführlicher geht Alan Permane, seines Zeichens Renningenieur von Giancarlo Fisichella, ins Detail. "In puncto Flügelstellung müssen wir eine guten Kompromiss finden", erklärt Permane. "Hoher Abtrieb verschafft uns zwar im Infield Vorteile. Wir können aber nicht riskieren, durch die entsprechend verringerte Endgeschwindigkeit auf der langen Geraden zur leichten Beute unserer Gegner zu werden. Und in dem winkligen Bereich der Strecke kannst du einmal verlorene Positionen nur sehr schwer wieder gutmachen. Somit tendieren wir eher zu einem niedrigen Downforce-Niveau, weil du damit im Endeffekt mehr Zeit gewinnst als mit hohem Abtrieb."

In den vergangenen Jahren entschieden sich viele Teams genau für den entgegen gesetzten Weg: Fuhren also mit viel Downforce, um so im Infield schnellere Rundenzeiten zu ermöglichen. "Die Aufgabe der Ingenieure lautet daher, eine Abstimmung zu finden, die ein hohes Maß an mechanischem Grip bei niedrigen Geschwindigkeiten bietet", spricht Permane das geringe Grip-Niveau der Strecke an. "Dabei kommt uns zugute, dass das Streckenlayout keine Hochgeschwindigkeits-Kurven enthält. Du brauchst eine stabile Fahrzeugbalance in den langsamen Ecken, damit die Fahrer eine gute Zeit fahren können."

Im Infield ist Traktion gefragt. - Foto: Sutton

Das Infield des Indianapolis Motor Speedway mag auf den ersten Blick nicht sonderlich anspruchsvoll erscheinen – doch die Kombination der langsamen Ecken hält einige Herausforderungen bereit. Die Fahrer müssen in diesem Bereich ausgesprochen präzise agieren. Zudem brauchen sie ein sehr gut ausbalanciertes Auto, da sie sehr oft in einer Kurve bremsen müssen.

"Es gibt nur eine Passage, in der die Fahrer aus sehr hohen Geschwindigkeiten hart verzögern müssen – und zwar am Ende der Start-Ziel-Gerade beim Anbremsen der ersten Kurve", sagt Permane. "Dafür kommt es im Infield zu zahlreichen Bremsmanövern, die es in sich haben. Beim Anbremsen von Kurve 4 lenkt der Pilot zum Beispiel gleichzeitig ein. Für derartige Situationen brauchst du eine sehr gute Aerodynamik und ein stabiles Fahrverhalten beim Bremsen."

S wie Strategie

Auch wenn wir uns in dieser Betrachtung ausschließlich auf einen normalen Rennverlauf konzentrieren wollten, so stehen die Reifen natürlich im Mittelpunkt der Strategieentscheidung. Zwar dürfen diese während eines Rennens nicht mehr gewechselt werden, doch wurde genau dies als eine Möglichkeit das Reifenproblem zu lösen oder die Gefahr zu minimieren in Betracht gezogen.

Vor dem Rennwochenende vermutete Sam Michael: "Was die Rennstrategie in Indy angeht, so ist es normalerweise ein Zweistopprennen, aber wir müssen abwarten wie sich die Situation beim Reifenabrieb und bei der Spritmenge nach dem Training auswirken." Wie Recht er mit der Reifensituation haben sollte, konnte er zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wissen.

Einen Regenschirm werden die Zuschauer nicht benötigen. - Foto: Sutton

Ein Blick auf die Rundenzeiten im Qualifying lässt zudem einige Spekulationen über die Spritmenge zu. Denn während Patrick Friesacher beispielsweise offen eingestand schwerer als sein Teamkollege Christjan Albers unterwegs zu sein, kann dies bei Nick Heidfeld nur vermutet werden.

"Ich glaube, dass Trulli und vielleicht sogar Button auf anderen Strategien unterwegs sind als die anderen Autos im Vorderfeld", spekuliert Giancarlo Fisichella über die Spritmengen. "Aber Räikkönen sieht sehr schnell aus und auch die Ferrari sind viel stärker", rechnet er nicht damit, dass die Roten ähnlich wie in Montreal wieder mit leerem Tank gefahren sind.

Michael Schumacher hofft dies ebenso: "Ich denke, oder besser: Ich hoffe, dass ich vielleicht im Vergleich zu einigen anderen Fahrern relativ viel Benzin an Bord habe. Also wie gesagt, das sieht ganz gut aus für uns. Mal schauen, welche Situation wir morgen haben."

S wie Speed

Wie Alan Permane bereits erläutert hat, stellt der Top-Speed der einzelnen Piloten einen wichtigen Faktor auf dem Weg zu erfolgreichen Überholmanövern dar: Denn nur wer am Ende der langen Start- und Zielgeraden genügend Überschuss hat, kann auch an seinem Vordermann vorbei gehen.

Scott Speed fehlt in den Top-Speed-Listen des Samstags. - Foto: Sutton

Die besten Top-Speed-Werte des ausschlaggebenden Qualifying erzielten hierbei die beiden Toyota von Jarno Trulli und Ricardo Zonta. Erst dahinter rangierte sich Fernando Alonso vor Felipe Massa und Kimi Räikkönen in der Top-Speed-Liste ein.

Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang die eher mäßigen Geschwindigkeitswerte der beiden Ferrari, die sich im Mittelfeld ansiedeln und wohl auf sehr hoch eingestellte Flügel hindeuten, sowie der mit noch mehr Abtrieb fahrenden British American Racer, die sich sogar im Bereich der Minardi und Jordan aufhalten.

Platz Fahrer Top-Speed
1. Jarno Trulli / Toyota 342.2
2. Ricardo Zonta / Toyota 340.3
3. Fernando Alonso / Renault 338.1
4. Felipe Massa / Sauber 335.9
5. Kimi Räikkönen / McLaren 334.5
6. Jacques Villeneuve / Sauber 333.3
7. Giancarlo Fisichella / Renault 333.0
8. David Coulthard / Red Bull 332.5
9. Christian Klien / Red Bull 330.9
10. Juan Pablo Montoya / McLaren 330.7
11. Rubens Barrichello / Ferrari 330.1
12. Michael Schumacher / Ferrari 328.2
13. Mark Webber / Williams 328.1
14. Nick Heidfeld / Williams 326.7
15. Jenson Button / B·A·R 325.0
16. Christijan Albers / Minardi 323.7
17. Takuma Sato / B·A·R 323.4
18. Patrick Friesacher / Minardi 323.1
19. Narain Karthikeyan / Jordan 321.8
20. Tiago Monteiro / Jordan 321.4

S wie Spannung

Obwohl uns die unklare Reifensituation auf dem Indianapolis Grand Prix bereits vor dem Start mehr Spannung als den meisten Teams lieb ist beschert, verspricht auch das Rennen jede Menge packende Szenen, welche hoffentlich nicht wie im Vorjahr durch Unfälle heraufbeschworen werden.

Denn mit den in der Startaufstellung voneinander getrennten Titelkandidaten Kimi Räikkönen und Fernando Alonso, den starken Auftritten von Toyota, Ferrari und British American Racing sowie einigen Überraschungen, welche der Grand Prix sicherlich noch mit sich bringen wird, verspricht der neunte Saisonlauf auch ohne weitere Reifensorgen jede Menge Action.


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