Formel 1 / Kommentar

Formel-1-Kommentar: Sebastian Vettel tickt anders

Sebastian Vettel hat den Formel-1-WM-Titel 2017 nicht in Mexiko verloren. Dennoch war es für ihn die bitterste Niederlage. Kommentar zum Menschen Vettel.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Es waren chaotische Szenen, die sich nach der verlorenen Formel-1-Weltmeisterschaft 2017 bei Ferrari abspielten. Mit Platz vier beim Mexiko GP verlor Sebastian Vettel auch die theoretische Chance auf den Titel. Man könnte meinen, es war ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis sich Lewis Hamilton zum Weltmeister krönen würde. So sah es die gesamte Welt, außer Sebastian Vettel.

Medientermine gehören auch an guten Tagen nicht unbedingt zu Vettels Lieblingsbeschäftigung. Doch am Sonntagnachmittag wollte Vettel nur noch weg. Weil er nicht unter die ersten Drei des Rennens kam, musste er nicht zur offiziellen Pressekonferenz. Doch das bedeutet gleichzeitig, dass er sich in der Ferrari-Hospitality noch einer kleineren Journalistenrunde stellen muss.

Nachdem es bei Ferrari zu chaotischen Szenen in der Vorbereitung zur Medienrunde kam, schleppte sich Vettel 25 Minuten später als eigentlich geplant auf den heißen Stuhl. Leiser als sonst antwortete er auf die Fragen. Schnell war klar, dass das keine normale Pressekonferenz werden würde.

Vettel im Tunnel: Floskeln keine Floskeln

So niedergeschlagen hatte man Vettel noch nie gesehen. Nicht nach dem Startunfall in Singapur, nicht nach dem bitteren Ausfall beim Japan GP. Doch warum überkamen Vettel die Emotionen ausgerechnet in Mexiko? Die WM hatte er da realistisch schon längst verloren.

Doch Vettel pflegte stets eine andere Sicht auf die Dinge. Bis zur letzten Runde des Mexiko GP hatte er den Titel noch nicht aufgegeben. "Auch wenn es schon zuvor nicht großartig ausgesehen hat, man glaub immer daran. Bis zur letzten Runde habe ich an nichts anderes gedacht, ich habe alles gegeben. Ich habe gehofft, dass irgendwas passiert. Dann irgendwann wird man damit konfrontiert, dass es zu Ende ist."

Völlig niedergeschlagen: Sebastian Vettel realisierte die Niederlage erst in Mexiko - Foto: Sutton

Man könnte meinen, Vettel sei realitätsfremd. Wer bitte kann ernsthaft glauben, dass Hamilton in den letzten drei Rennen nicht mehr als acht Punkte holt, während Vettel alle Rennen gewinnt? Das kann niemand glauben. Vettel tat es trotzdem.

Es zeigt die die Einstellung, die der viermalige Formel-1-Weltmeister zum Wettkampf hat. Es gibt viele Floskeln. Die Briten sagen gerne "it ain't over till it's over" oder "it’s not over till the fat lady sings". Vettel griff nach den Rückschlägen in Asien gerne zu diesen Phrasen. Doch bei Vettel waren es offenbar tatsächlich keine leeren Floskeln, Vettel tickt so.

Formel 1 Mexiko 2017: Die Highlights in 60 Sekunden: (01:05 Min.)

Auch die Reaktion auf den Rammstoß von Baku zeigt, in welchem Tunnel sich Vettel befindet. Dass er den Fehler macht, ist eine Sache. Dass er den Fehler nicht einsieht, eine andere. Darüber kann auch die Gehirnwäsche der FIA mit drohenden Strafen nicht hinwegtäuschen. Vettel ist ein Ausnahme-Sportler - und die sind auch Ausnahme-Charaktere. Das zeigt sich im Moment der Niederlage oftmals mehr als im Moment des Triumphs.


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