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Formel 1

Analyse der Trainings für den Österreich GP: Mercedes-Bluff mit wenig Sprit?

Hamilton fährt neue Rundenrekorde und hängt Vettel ab. Macht Mercedes am Red Bull Ring dort weiter, wo sie in Baku aufgehört haben? Die Trainings-Analyse.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Mercedes machte beim Trainingsauftakt für das neunte Rennen der Formel-1-Saison 2017 in Spielberg gleich dort weiter, wo sie vor zwei Wochen in Baku aufgehört hatten: Mit zwei Trainingsbestzeiten und einem neuen Rundenrekord auf dem Micky-Maus-Kurs in der Steiermark zeigte Lewis Hamilton seinem WM-Rivalen Sebastian Vettel am Freitag gleich einmal, wo der Hammer hängt. Doch nicht nur auf einer Runde waren die Silberpfeile wieder obenauf.

"Mercedes ist der Favorit. Sie schienen wirklich sehr schnell zu sein, egal wann sie heute auf der Strecke waren", stellte Vettel nach den ersten beiden Trainings in Österreich fest. Und sein Bauchgefühl täuschte ihn nicht: Nicht nur, dass er auf einer fliegenden Runde auf dem nur 4,326 km langen Red Bull Ring immerhin anderthalb Zehntel auf Hamilton verlor - auch bei den Longruns konnte die Scuderia mit den Silberpfeilen nicht wirklich schritthalten. Auf allen drei von Pirelli nominierten Reifenmischungen markierten Hamilton und sein Teamkollege Valtteri Bottas die schnellsten Zeiten.

Wir zeigten eine gute Pace sowohl mit wenig als auch mehr Benzin im Tank.
James Allison

Auf dem zu Beginn der Saison bei Mercedes so verhassten Ultrasoft-Pneu war Hamilton mit 1:08,807 Minuten im Durchschnitt vier Zehntel schneller unterwegs als Vettel, der immerhin Bottas um eine Hundertstel hinter sich lassen konnte. Dicht dahinter folgte Kimi Räikkönen mit einem Rückstand von 0,476 Sekunden. Gut möglich, dass Hamilton bei seiner Simulation etwas leichter unterwegs war und sich so vom Dreierpack hinter ihm absetzen konnte. "Wir zeigten eine gute Pace sowohl mit wenig als auch mehr Benzin im Tank", gab Mercedes-Technikchef James Allison zu Protokoll.

Auf dem Papier nicht mithalten konnte Red Bull: Max Verstappen war mit 16 Runden am Stück zwar am fleißigsten, ließ im Mittelwert aber über eine Sekunde auf Hamilton liegen. Sein Teamkollege Daniel Ricciardo musste im 2. Freien Training aufgrund eines Problems an der MGU-H auf seinen ausgiebigen Test mit den Ultrasoft-Reifen komplett verzichten: "Einen vollständigen Longrun haben wir deswegen nicht ganz hinbekommen", erklärte der Australier.

Longruns auf Ultrasoft-Reifen

Fahrer Durchschnittliche Rundenzeit Abstand Session
Lewis Hamilton 1:08,807 Minuten FP2
Sebastian Vettel 1:09,221 Minuten + 0,404 Sekunden FP2
Valtteri Bottas 1:09,211 Minuten + 0,414 Sekunden FP2
Kimi Räikkönen 1:09,283 Minuten + 0,476 Sekunden FP2
Max Verstappen 1:10,026 Minuten + 1,219 Sekunden FP2

Auf dem Supersoft-Reifen markierte Bottas den schnellsten Longrun. Der Finne war dabei mit 1:08,638 Minuten sogar fast zwei Zehntel schneller unterwegs als Hamilton auf dem Ultrasoft. Auch hier kann es sein, dass unterschiedliche Spritmengen dafür sorgten, dass Bottas auf dem härteren Reifen auf dem Papier schneller war. Andererseits kam das Fahrerlager auf dem Red Bull Ring auch schnell zu einer sehr ungewöhnlichen Erkenntnis, die hierfür verantwortlich zeichnen könnte. "Wir haben alle drei Reifenmischungen ausprobiert und ihre Performance lag auf dieser Strecke ungewöhnlich eng zusammen", so Allison.

Ich denke, wir können alle drei Mischungen einsetzen. Alle scheinen zu funktionieren.
Sebastian Vettel

Auch Vettel, der im Schnitt eine halbe Sekunde auf Bottas verlor, dafür jedoch schneller als auf dem Ultrasoft war, bestätigte diesen Eindruck. "Ich denke, wir können alle drei Mischungen einsetzen. Alle scheinen zu funktionieren", so der Ferrari-Pilot, der als einziger Pilot der Scuderia einen Longrun auf dem Supersoft-Reifen absolvierte. Wie Räikkönen war auch Hamilton nicht auf dem zweitweichsten für Spielberg nominierten Pneu unterwegs - möglicherweise bedingt durch den Zündkerzen-Defekt am Nachmittag.

Erneut weit abgeschlagen zeigte sich Red Bull, für die Ricciardo den Supersoft-Longrun absolvierte. Der 28-Jährige machte sich schon im 1. Freien Training ans Werk und spulte am Ende der Session elf Runden ab, verlor jedoch wie Verstappen auf dem Ultrasoft über eine Sekunde auf Bottas' Bestwert. Einigermaßen konkurrenzfähig sahen die Bullen bei ihrem Heimspiel bisher nur auf einer Reifenmischung aus: Soft.

Longruns auf Supersoft-Reifen

Fahrer Durchschnittliche Rundenzeit Abstand Session
Valtteri Bottas 1:08,638 Minuten FP2
Sebastian Vettel 1:09,180 Minuten + 0,542 Sekunden FP2
Daniel Ricciardo 1:09,842 Minuten + 1,204 Sekunden FP1

Am Vomittag markierte Hamilton auf dem Soft-Reifen nicht nur die schnellste Rundenzeit, sondern legte auch gleich einen Longrun hin. Mit 1:09,377 Minuten lag er erneut deutlich an der Spitze. "In der ersten Session war Lewis auf dem weichen Reifen am schnellsten unterwegs. Klar, sie haben das beste Auto. Aber es zeigt auch, dass der Reifen hier lange hält und gut funktioniert", analysierte Ricciardo, der in Relation deutlich näher dran war als auf den anderen beiden Reifenmischungen. Lediglich eine halbe Sekunde verlor der Red-Bull-Pilot bei seinem Longrun im 1. Freien Training auf Hamiltons Wert. "Der Soft-Reifen sieht hier nicht schlecht aus", fügte er an.

Das Fazit von James Allison fiel angesichts der Silberpfeil-Performance auf allen drei Pirelli-Pneus durchweg positiv aus: "Es war ersichtlich, dass unser Auto auf allen drei Mischungen eine ordentliche Balance aufwies." Der Abstand zum Zweitplatzierten Räikkönen war auf dem Soft-Reifen allerdings geringer als auf den anderen Mischungen. Der Iceman, der im Ferrari am Nachmittag 19 Runden auf dem härtesten verfügbaren Reifen abspulte, verlor lediglich zweieinhalb Zehntel. Laut Vettel ist die Scuderia mit ihren Tests aber ebenfalls gut aufgestellt: "Wir haben mit allen Mischungen einen Long Run gemacht und sollten eine gute Antwort haben."

Longruns auf Soft-Reifen

Fahrer Durchschnittliche Rundenzeit Abstand Session
Lewis Hamilton 1:09,377 Minuten FP1
Kimi Räikkönen 1:09,627 Minuten + 0,250 Sekunden FP2
Daniel Ricciardo 1:09,842 Minuten + 0,465 Sekunden FP1

Wie repräsentativ die Zeiten der Mercedes-Longruns wirklich sind, wird sich erst am Sonntag zeigen. Bisher gab es noch kein Rennen, in dem die Silberpfeile Ferrari derart überlegen waren, wie es die Zahlen vom Trainingsfreitag in Österreich vermuten lassen. Abgesehen davon war die Scuderia im Gegensatz zu Baku auf einer Runde bereits deutlich näher dran. Sebastian Vettel ist daher zuversichtlich, dass ein erneutes Qualifying-Debakel wie in Aserbaidschan ausgeschlossen werden kann: "Hier ist es ganz anders. Es ist wärmer, der Asphalt ist heißer und die Reifen sind anders. Das Aufwärmen scheint hier kein Problem für uns zu sein."

Und obwohl Ferrari im Zeittraining zuletzt eine ganze Sekunde auf die Silberpfeile verlor, konnte Vettel im Rennen die Pace von Hamilton scheinbar problemlos mitgehen. Dementsprechend unbesorgt ist der WM-Leader deshalb in Sachen Rennpace. "Im Renntrimm waren wir bis jetzt immer auf Augenhöhe und der Sonntag ist wichtiger", erklärte er. Die Chancen auf das nächste Rad-an-Rad-Duell zwischen ihm und Hamilton stehen am Red Bull Ring nicht schlecht.


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