Formel 1 / Hintergrund

Ferrari jetzt wirklich wieder Titelanwärter?

Ferrari wird nach Sebastian Vettels Sieg in Australien als WM-Kandidat gehandelt. Ist die Euphorie berechtigt? Drei Gründe sprechen dafür - und drei dagegen.
von Robert Seiwert
Ist Ferrari jetzt WM-Anwärter?: (02:10 Min.)

Da wehten sie wieder, die roten Ferrari-Fahnen! Sebastian Vettel lässt die Italiener mit seinem Sieg in Australien jubeln, beendet die schier unendliche Durststrecke von 553 sieglosen Tagen. Schon nach dem ersten Rennen der Formel-1-Saison 2017 wird Ferrari als Weltmeisterschafts-Anwärter gehandelt. Ist die Euphorie berechtigt, oder bleibt Mercedes der große Favorit? Einiges spricht für die Wiedergeburt von Ferrari - aber auch einiges dagegen. Motorsport-Magazin.com macht den WM-Check nach Melbourne.

WM-Anwärter? Das spricht für Ferrari

1. - Sieg aus eigener Kraft

Seit dem Singapur Grand Prix 2015 war es Ferrari nicht mehr gelungen, ein Rennen aus eigener Kraft zu gewinnen. In Melbourne musste sich schließlich selbst die Konkurrenz in Form von Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff eingestehen: "Ferrari war hier einfach schneller." Der neue SF70H-Rennwagen kam nicht nur besser mit den Ultrasoft-Reifen zurecht, nein, Ferrari lag mit der Pace von Mercedes mindestens auf Augenhöhe.

Das zeigte sich besonders im Anfangs-Stint, als Vettel den Führenden Hamilton nicht - wie so oft früher - enteilen ließ. "Wir haben für unser Glück gearbeitet", sagte Vettel. "Wenn ich nicht dahinter geblieben wäre, hätte Lewis mit seinem Boxenstopp noch vier, fünf Runden länger gewartet."

Nach einem unterdurchschnittlichen Freitag hatte vieles darauf hingedeutet, dass Ferrari nicht an die starke Form während der Testfahrten anknüpfen kann. Vettel und Kimi Räikkönen haderten vor allem mit der Balance ihrer Autos. Über Nacht gelangen dem Team jedoch deutliche Fortschritte. Vettel konnte die Mercedes im Qualifying trennen, Räikkönen leistete sich in der letzten Runde schlicht einen Fahrfehler.

Schon nach dem Qualifying war Vettel auffällig gut gelaunt. Dabei standen die Chancen auf einen Sieg mit Hamilton auf der Pole nicht gerade rosig. "Wir wollen hier gewinnen", hatte der Ferrari-Star angekündigt und dabei gegen die defensive Medienkommunikation des Teams verstoßen. Statt mit Startplatz zwei zufrieden zu sein, haderte er mit keinen Fahrfehlern im Qualifying. "Aber wir sind nicht weit weg von Mercedes", fügte Vettel ein - und sollte einen Tag später Recht behalten.

2. - Vettel meldet sich zurück

Ein gut gelaunter Sebastian Vettel mit einem starken Auto unter dem Hintern - das führte in der Vergangenheit zu vier Weltmeisterschaften. In Melbourne war der Heppenheimer ausgelassen wie lange nicht mehr nach seinem Sieg. Es war deutlich zu spüren, wie viel Last von seinen Schultern gefallen war. Endlich wieder ein siegfähiges Auto! "Als ich das Auto zum ersten Mal gefahren bin, hatte ich ein gutes Gefühl - und das habe ich jetzt immer noch", sagte Vettel nach seinem 43. Sieg in der Formel 1.

Als ich das Auto zum ersten Mal gefahren bin, hatte ich ein gutes Gefühl - und das habe ich jetzt immer noch.
Sebastian Vettel

Vettel gehört trotz der schwierigen Anfangszeit mit Ferrari weiter zu den am meisten respektierten Piloten im Fahrerlager. Das kann ein psychologischer Vorteil sein, sollte es zum WM-Duell mit Lewis Hamilton kommen. Der Mercedes-Pilot weiß, dass Vettel genauso für den Titel kämpfen würde wie er selbst - ohne Kompromisse. Sollte Kimi Räikkönen nicht schnell zu alter Form finden, fokussiert sich das gesamte Ferrari-Team ohnehin auf Vettel. Wie heiß der vierfache Champion ist, ließ er schon in Australien aufblitzen, als er Hamilton trotz Dirty Air im Nacken hing.

"Sebastian ist großartig gefahren", sagte Motorsport-Magazin.com-Experte Christian Danner. "Besonders gut gefallen hat mir, dass er nicht locker gelassen hat, als Hamilton vor ihm fuhr. Danach hat Seb dann auch nicht lockergelassen. Der hat echt gebissen!"

Vettel ist zurück - das ist auch bei Mercedes angekommen. Der eigentliche Titelfavorit Hamilton stellte sich auf einen harten Kampf ein. "Dieses Jahr fahren die Besten gegeneinander", sagte Hamilton am Sonntagabend und versetzte Ex-Teamkollege Nico Rosberg gleichzeitig einen Seitenhieb. "Sebastian bleibt eine Macht, und das wird noch einige Jahre so weitergehen. Ich bin bereit für diesen Kampf mit ihm und Ferrari, dem besten Team nach uns. Dass auch der Top-Fahrer dort ist, ist toll."

Fahrer Sebastian Vettel Lewis Hamilton
Siege 43 53
Podestplätze 87 105
Pole Positions 46 62
Erste Startreihe 71 106
Schnellste Runden 28 31
Punkte 2133 2265
Führungs-Kilometer 14.392 15.074
Grands Prix angeführt 79 100

3. - Kein Druck von innen

Sergio Marchionne hatte im vergangenen Winter aus seinen Fehlern gelernt. Kein Wort des Ferrari-Präsidenten mehr von Sieg oder gar WM-Titel - er hatte sich mit seinen Forderungen oft genug verbrannt. Diesmal die komplette Kehrtwende bei Ferrari, es herrschte fast schon Totenstille. Nur die nötigste Medienarbeit wurde abgehandelt - sehr zum Unmut der weltweiten Presse. Die italienischen Medien fragten zwischenzeitlich sogar, ob der neue Ferrari so schlecht sei, dass bloß kein Wort darüber verloren werden soll...

Ferrari zog seinen neuen Medien-Kurs auch in Australien durch. Das passte überhaupt nicht zu den Ansätzen der neuen F1-Besitzer von Liberty Media, zahlte sich letztendlich aber aus. Erst nach Vettels Sieg brachen alle Dämme. "Solche Momente lassen es erahnen, von außen ist es aber schwierig zu beurteilen, wie intensiv die letzten Monate und Wochen waren", gab Vettel einen kleinen Einblick ins Team.

Ich hatte gehofft, die Italiener würden mehr Emotionen zeigen, wenn sie wieder gewinnen.
Niki Lauda

Doch weiter gilt die Devise: Bloß keinen unnötigen Druck aufbauen - der ist sowieso groß genug, wenn man Ferrari heißt. Selbst der sonst gern überschwängliche Teamchef Maurizio Arrivabene hielt sich daran und blieb zugeknöpft. "Ich scheine mich mehr zu freuen als er", scherzte Niki Lauda am RTL-Mikro. "Ich hatte gehofft, die Italiener würden mehr Emotionen zeigen, wenn sie wieder gewinnen."

43. Sieg für Sebastian Vettel in der Formel 1 - Foto: Pirelli

WM-Anwärter? Das spricht gegen Ferrari

1. - Mercedes tatsächlich schneller

Vettel ging im Rennen als Sieger hervor, doch am restlichen Wochenende war Mercedes durchweg das schnellere Team. Nach dem Qualifying waren die meisten Beobachter sicher, dass es ein Spaziergang für Hamilton werden würde. Am Samstag brummte der Brite Vettel ganze 0,268 Sekunden auf. Der Ferrari-Pilot hatte sich sowieso nur hauchdünn zwischen die Silberpfeile gedrängelt, mit einem Vorsprung von knapp drei Hundertsteln auf Bottas. Im Fall einer silbernen Startreihe 1 wären Vettels Chancen auf den Sieg dramatisch gesunken.

Auch in den Trainings präsentierte sich Mercedes stärker als Ferrari. Mit seinem schlecht ausbalancierten Ferrari verlor Vettel im 2. Training mehr als eine halbe Sekunde auf Spitzenreiter Hamilton. Auch die Longrun-Zeiten von Hamilton und Bottas waren durchweg konstanter als die der roten Konkurrenz. Nach dem Freitag deutete nichts darauf hin, dass Ferrari ansatzweise mithalten kann.

Der Sieg ging verloren, doch Hamilton ließ keinen Zweifel daran, dass der Silberpfeil auch 2017 das beste Auto im Feld bleibt. "Du kannst nicht immer gewinnen", sagte er. "Aber ich glaube wirklich daran, dass wir sie schlagen können. Schön, dass wir so einen engen Kampf da oben haben. Aber jetzt geht's auf zum nächsten Rennen..."

Vettel gegen Hamilton: Es könnte ein episches Duell werden - Foto: Ferrari

2. - Strategie überdeckt tatsächliche Stärke

Freitag hui, Sonntag pfui: Mercedes kam beim Rennen im so wichtigen ersten Stint nicht gut mit den Ultrasoft-Reifen zurecht. Das Team führte den stärkeren Verschleiß unter anderem auf die höheren Streckentemperaturen zurück. Ob Mercedes bei Hamiltons Boxenstopp wirklich ein Fehler unterlaufen war oder das Team zu dieser Strategie gezwungen wurde, lässt sich rückblickend schwer sagen.

Wäre Hamilton aber vor Verstappen auf die Strecke zurückgekehrt und auch vor Vettel geblieben, hätte dieser kaum um den Sieg kämpfen können. Und die aktuell herrschende Vettel-Mania wäre für die Tonne gewesen. Doch dank einer extrem knappen Entscheidung reist Ferrari als Favorit zum nächsten Rennen nach China. Das Shanghai-Rennen wird vielmehr Gradmesser sein als Melbourne. Der temporäre Kurs im Albert Park spiegelt nur sehr bedingt die Charakteristiken der meisten anderen Strecken im Kalender wider.

"Der Albert Park ist eine sehr spezielle Strecke", erklärte Christian Danner. "Warten wir mal ab, was in China oder Bahrain passiert. Ich sehe Ferrari jetzt nicht groß im Vorteil. Sie können mithalten, das ist schon mal gut. Und: Sie müssen jetzt nicht mehr so eklatant auf einen Fehler der Konkurrenz hoffen wie früher in Malaysia. Sie sind näher dran und können Mercedes unter Druck setzen."

War der Sieg in Australien nur eine Momentaufnahme? - Foto: Sutton

3. - Fragezeichen hinter Entwicklungsschlacht

Ein guter Saisonstart ist wichtig - viel entscheidender ist aber die Entwicklungsrate. 2017 kommt es dank der komplett neuen Autos zur wahren Materialschlacht. Bei jedem Rennen werden neue Teile an den Boliden erwartet, das erste große Update-Paket beim Spanien Grand Prix in Barcelona. "Wir haben noch 19 Rennen vor uns und müssen bei jedem Grand Prix die Konzentration hoch- und Ablenkungen fernhalten", mahnte Maurizio Arrivabene.

Finanziell kann es Ferrari mit Mercedes aufnehmen. Die vergangenen Jahre haben aber gezeigt, dass Updates während der Saison nicht zu Maranellos Stärken gehörten. Eine deutliche Weiterentwicklung blieb aus - im Gegensatz zu Mercedes. Nicht umsonst sagte Vettel kurz nach dem Sieg im Albert Park: "Das war jetzt die Spitze des Eisbergs. Die Basis liegt in Maranello und bei all den Leuten, die dort verantwortlich sind."


Weitere Inhalte:
Motorsport-Magazin.com fragt
Wir suchen Mitarbeiter