Formel 1 - Unter dem Radar: Das Fragezeichen Red Bull

Zurückhaltung auf Österreichisch

Während Mercedes und Ferrari in Barcelona glänzten, lief Red Bull unter dem Radar. Worin liegen die Gründe? Das sagen die Beteiligten zum ersten Test.
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Motorsport-Magazin.com - Mercedes läuft wie ein Uhrwerk, Ferrari glänzt mit tollen Zeiten - und Red Bull? Vom ambitionierten Team aus Milton Keynes war in der ersten Woche in Barcelona nicht viel zu sehen. Die amtierenden Vizeweltmeister, dank der neuen Regeln und der starken Fahrerpaarung als härtester Mercedes-Verfolger gesehen, liefen bislang komplett unter dem Radar.

Gleich der Auftakt ging in die Hose. Am Montag rollte Daniel Ricciardo mit einem Sensorenproblem aus, am Nachmittag reichte es immerhin noch für 50 Runden. Mercedes schaffte am gleichen Tag aber schon dreimal so viele Umläufe. In seiner Medienrunde danach war Ricciardo dennoch tiefenentspannt. "Ich denke, heute haben wir nur an Oberfläche gekratzt. In den paar Runden habe ich schon gesehen, dass noch viel mehr drin ist", sagte der Australier.

Den Beobachtern fiel schon da neben der Quantität der Runden auch die Qualität des Flügelwerkes am Red Bull auf. Denn während bei Mercedes und Ferrari der sprichwörtliche Flügelsalat extrem ausgeprägt ist, kommt der RB13 fast schon jungfräulich daher. Darauf angesprochen, entgegnete Ricciardo: "Das ist interessant! Die Leute erwarten, dass wir das Auto mit den meisten Details haben, mit vielen kleinen Flügeln überall. Es scheint, als ob andere Teams etwas abenteuerlichere Sachen ausprobiert hätten."

Der Red Bull hat deutlich weniger Flügel als die Konkurrenz - Foto: Sutton

Verleiht Red Bull keine Flügel mehr?

Was an anderen Autos funktioniert, muss nicht an unserem funktionieren.
Adrian Newey

Sachen, die auch Technikchef Adrian Newey aufgefallen sind. "Es gibt offensichtlich ein paar unterschiedliche Interpretationen der Regeln. Vor allem der Mercedes sieht nach einem recht komplizierten Auto aus. Der hat viele Teile drum herum gebaut, die Einfluss nehmen sollen auf den Luftfluss entlang des Autos", beobachtete er. Am Red Bull sucht man so etwas vergebens. Doch der Design-Guru macht sich keine Sorgen. "Was an anderen Autos funktioniert, muss nicht an unserem funktionieren. In den kommenden Wochen werden wir uns die Autos der anderen Teams anschauen und entscheiden, was wir interessant finden und untersuchen", kündigte er an.

Hat Red Bull bei der Entwicklung des neuen Autos also zu konservativ agiert? In Anbetracht der Tatsache, wie sehr gerade die Österreicher vom neuen Reglement hätten profitieren sollen, wäre das ein schwerer Fehler gewesen, der daher auch eher unwahrscheinlich ist. Zu stark waren die Chassis der letzten Jahre, die Boliden standen den Mercedes-Autos - von den Power Units abgesehen - in nichts nach.

Mit den neuen Aerodynamik-Regeln beginnen die Teams jedoch fast bei null. Bei der letzten großen Anpassung der Chassis-Regeln 2009 wurde aus dem Mittelfeld-Team Red Bull mit Adrian Newey ein Spitzenteam. Und es bleibt immer noch diese ominöse Öffnung an der Nase des Boliden, die keiner zu erklären vermag.

Fazit der ersten F1-Testwoche in Barcelona: (05:24 Min.)

Marko: Hätte Angst im Ferrari

Ohnehin dürfe man sich nicht zu sehr an den Flügeln aufhalten, meint Motorsportberater Dr. Helmut Marko im Interview mit Motorsport-Magazin.com. "Ich finde das Auto sehr schön und schöne Autos sind im Normalfall auch schnell", so Marko. Bei Ferrari sieht er das etwas anders. "Wenn ich im Ferrari sitzen würde, hätte ich Angst vor jeder ersten Kurve, weil wenn der nur leicht berührt wird fehlt ja schon das halbe Flügelwerk."

Es ist wichtig, dass wir Kilometer sammeln um zu sehen, ob alle Teile auch funktionieren.
Max Verstappen

Die Konkurrenz in Angst und Schrecken versetzte Red Bull bei den Testfahrten bislang aber nicht. Das war auch gar nicht der Plan, wie Max Verstappen am Dienstag erklärte. "Für uns geht es jetzt noch nicht darum, zu zeigen, wie schnell wir sein können", so der Niederländer. "Es ist wichtig, dass wir Kilometer sammeln um zu sehen, ob alle Teile auch funktionieren. In den folgenden Tagen werden wir dann sehen, wie schnell wir sind."

Doch das Kilometersammeln hätte auch deutlich umfangreicher ausfallen können. 294 Umläufe bedeuten Rang fünf von zehn Teams. An keinem der ersten vier Testtage legte Red Bull 100 Runden zurück. Zum Vergleich: Mercedes und Ferrari blieben jeweils nur einmal unter dieser Marke, und das am Donnerstag, als der Regentest absolviert wurde.

Natürlich werden sie zu Saisonbeginn einen Vorteil uns gegenüber haben, was die Power betrifft.
Max Verstappen über Mercedes

Und an jenem Donnerstag hörte man von Red Bull, beziehungsweise von Max Verstappen, erstmals eine kurze Einschätzung zum Kräfteverhältnis. Und der 19-Jährige sieht Mercedes vorne. "Natürlich werden sie zu Saisonbeginn einen Vorteil uns gegenüber haben, was die Power betrifft", verwies er auf den Nachteil Red Bulls im Bereich der Motoren. Aber: "Ich denke, wir holen immer weiter auf."

Zuversicht also beim Youngster, der aus der ersten Testwoche viele positive Aspekte mitnimmt. "Alles läuft bis hierhin gut. Wir konnten einige Kilometer zurücklegen, was sowohl für mich gut war, um mich an das Auto zu gewöhnen, als auch für das Team, um das neue Auto zu verstehen. Ich denke, wir haben einen guten Job gemacht."

Doch wie gut war der Job tatsächlich? Die Rundenzeiten geben wenig Aufschluss darüber. Die beste Zeit eines Red-Bull-Piloten fuhr bislang Ricciardo am Mittwoch. Seine 1:21.153 fuhr er auf Softs. Damit war er etwa 1,2 Sekunden langsamer als Sebastian Vettel am selben Tag mit der gleichen Reifenmischung. Doch ist weder bekannt, welche Benzinmenge die Autos auf dieser jeweiligen Runde fuhren, noch mit welcher Motoreneinstellung und so weiter.

Als kleine Referenz dient nur Valtteri Bottas, der ebenfalls am Mittwoch mit Ultrasofts nur zwei Zehntel schneller war als Vettel. Tendenziell war der Ferrari also in einem aggressiveren Modus unterwegs. Eine Antwort über das wahre Kräfteverhältnis der Formel 1 wird man wohl ohnehin erst in Melbourne beim Saisonauftakt bekommen. Die kommende Testwoche in Barcelona kann nicht viel mehr als gewisse Tendenzen offenbaren.

Besonders Sebastian Vettel war schnell unterwegs - Foto: Sutton

Horner: Keine Punkte für Testfahrten

Entsprechend sieht auch Teamchef Christian Horner aktuell keinerlei Veranlassung für irgendwelche Unruhe. "Für die Winter-Testfahrten gibt es keine Punkte. Es ist nicht ungewöhnlich für uns, dass wir nicht die meisten Runden fahren", merkt er an.

Dabei erinnert er sich auch gerne an die vergangene Saison zurück, als Mercedes bei den Testfahrten ähnlich glänzte, im Laufe der Saison aber wiederholt mit technischen Problemen zu kämpfen hatte. "Mercedes ist letztes Jahr hier fehlerfrei gefahren, hat viele Kilometer gesammelt und hat dann während der Saison Probleme bekommen. Ich verstehe lieber jetzt unsere Fehler, damit man sie bis Melbourne beheben kann", so Horner.


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