Formel 1

Hamilton braucht Runden, Rosberg Sekunden - Verwirrung um Mercedes-Problem: Rosberg schlauer?

Die Probleme bei Mercedes geben Rätsel auf: Warum kann Nico Rosberg das gleiche Problem in Sekunden lösen, während Lewis Hamilton das ganze Rennen braucht?
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Der erste Europa GP auf den Straßen Bakus war kein Kracher auf der Strecke. Am Mercedes-Kommandostand und in den Cockpits war aber trotzdem jede Menge los. Beide Piloten hatten mit technischen Problemen zu kämpfen. Der Motor sammelte am Ende der Geraden zu früh elektrische Leistung, also rekuperierte zu früh.

Während der Zuschauer von den Problemen bei Nico Rosberg gar nichts mitbekam, wurde es bei Lewis Hamilton offensichtlich. Nicht nur, dass sich der Mercedes-Pilot schwer dabei tat, die Konkurrenz zu überholen und die Pace von Sergio Perez nicht einmal mitgehen konnte, auch am Funk ging es heiß her.

Hamilton wollte von seinem Renningenieur Peter Bonnington wissen, wo das Problem liegt. Wegen der Einschränkungen beim Funk, die seit Beginn der Saison gelten, durfte Mercedes Hamilton aber nicht ausreichend auf die Sprünge helfen. Mercedes musste zunächst bei der FIA erfragen, welche Nachrichten an Hamilton erlaubt sind und welche nicht.

Ich habe etwas ausgeschaltet, aber es hat nichts geändert. Dann habe ich es wieder zurückgestellt, das hat aber auch nichts geändert
Lewis Hamilton

Die FIA gab den Ingenieuren Richtlinien darüber, aber danach war es nur erlaubt, die Fahrer darauf hinzuweisen, dass es an einem falschen Modus liegt. Nicht genug für Hamilton. "Ich weiß nicht, was du meinst! Ich weiß nicht, was falsch ist. Jungs, das ist lächerlich! Ich weiß es nicht. Ich schaue alle 5 Sekunden auf mein verdammtes Display und versuche den Schalter zu finden, der in der falschen Position ist", schimpfte Hamilton am Funk.

Das Drama zog sich in die Länge. Hamilton berichtete von Anfang an von Problemen. "Das Team hatte von Anfang an etwas angeschaltet, deshalb hatte ich das Problem von Beginn an", so Hamilton nach dem Rennen.

Hamiltons Lösungsversuche blieben lange erfolglos. Irgendwann wollte der Weltmeister einfach nur noch alles ändern. "Das empfehlen wir dir nicht", so die knappe Antwort des Renningenieurs. Somit ging das Drama weiter.

"Ich habe etwas ausgeschaltet, aber es hat nichts geändert. Dann habe ich es wieder zurückgestellt, das hat aber auch nichts geändert. Dann habe ich es wieder ausgemacht und zehn Runden später kam die Power zurück", erklärte der scheinbar noch immer ahnungslose Hamilton rund eine Stunde nach dem Rennen.

Hamiltons Power kommt zu spät zurück

Als die Power zurückkam, war das Rennen für Hamilton bereits gelaufen. Erst in Runde 42 funktionierte die Power Unit so, wie sie sollte. Hamilton fuhr sofort die schnellste Rennrunde, drehte dann den Motor aber wieder zurück, weil vor ihm bereits 15 Sekunden weg war - bei noch acht verbleibenden Runden.

Während des Rennens gingen die Ingenieure noch davon aus, das Problem würde lediglich zwei Zehntelsekunden kosten. "Es muss sich aber viel mehr angefühlt haben", meint Teamchef Toto Wolff. Die späteren Analysen ergaben einen Zeitverlust von rund vier Zehntelsekunden pro Runde.

Lewis Hamilton musste sich durch das Feld kämpfen - Foto: Sutton

Das Problem lag in einer falschen Einstellung, die Mercedes vor dem Rennen getroffen hatte. Es geht um das Energiemanagement, also darum, wann und an welchen Stellen Energie rekuperiert wird und wann abgegeben. Eine Software-Einstellung, die oftmals bemängelt wird, weil damit enorm viel Performance gewonnen werden kann und Kundenteams aller Hersteller immer wieder daran zweifeln, ob sie die gleiche Software erhalten wie die Werksteams.

Die Simulationen sind extrem komplex und auf jeder Strecke unterschiedlich. "Das Setting war falsch, weil wir einen chaotischen Freitag hatten, an dem wir es nicht so konfigurieren konnten, wie wir es hätten machen sollen", erklärte Wolff. "Man versucht, den Modus immer zu optimieren. Bei dieser Optimierung hatten wir das Gefühl, dass wir sie bräuchten. Sie brauchte aber die richtige Kalibrierung", so Wolff zu Motorsport-Magazin.com.

Rosberg findet Lösung binnen Sekunden

Bleibt die Frage, warum das Problem Lewis Hamilton alle Chancen auf eine bessere Platzierung kostete und bei Rosberg von außen nicht einmal bemerkt wurde. Und hier wird es interessant. Auch Rosberg durften die Ingenieure nicht mehr sagen, als dass es am Setting liegt. "Ich habe darüber nachgedacht, weil ich es fühlen konnte. Nachdem ich darüber nachgedacht hatte, habe ich ein Setting als dasjenige identifiziert, das die Probleme verursacht." Innerhalb weniger Sekunden hatte Rosberg die Leistung zurück.

Unmittelbar nach dem Rennen sagte Niki Lauda im TV: "Nico hat eine halbe Runde gebraucht, um seinen Modus umzustellen, Lewis zwölf Runden." Zusammen mit dem Geschehenen Wasser auf die Mühlen der Hamilton-Kritiker. Der Weltmeister erzählte noch am Sonntag, dass er den Simulator quasi nicht braucht. Rosberg hingegen gilt als technisch versiert.

Toto Wolff versuchte Hamilton zu schützen: "Nico hatte mehr Glück, weil er direkt davor einen Schalter geändert hatte. Das führte ihn auf den richtigen Pfad. Nach einer halben Runde fand er zurück in den richtigen Modus. Lewis hatte diesen richtigen Pfad nicht."

Lewis konnte gar nicht wissen, was er tun musste, um es zu beheben
Toto Wolff

Allerdings gibt es einige Ungereimtheiten bei den Aussagen: Hamilton spricht davon, das ganze Rennen über keine Leistung gehabt zu haben. Wolff und Lauda sprechen von zwölf Runden. Außerdem erklärt Technikchef Paddy Lowe zur Entstehung des Problems: "Es bestand nur, wenn der Fahrer einen bestimmten Strategie-Modus am Lenkrad auswählte. Die anderen Modi waren davon nicht betroffen." Dass der falsche Modus von Anfang an eingelegt war, ist daher eher unwahrscheinlich.

"Lewis konnte gar nicht wissen, was er tun musste, um es zu beheben", so Wolff. Auch Hamilton selbst meint: "Es gibt hunderte verschiedener Kombinationen wie man die Schalter am Lenkrad einstellen kann. Aber egal, wie viel man lernt, man kann niemals alle davon kennen. Ich fuhr herum und sah auf mein Display, um herauszufinden, was falsch lief. Aber ich konnte nichts erkennen, was ich anders als sonst gemacht hätte."

Trotzdem bleibt die Frage, warum Rosberg es - nach eigener Aussage - mit Überlegen schaffte, das Problem zu identifizieren und binnen einer halben Runde zu beheben, und warum Hamilton selbst eine Stunde nach dem Rennen noch im Dunkeln tappte.

Nachdem Rosberg beim Spanien GP über einen Technik-Fauxpas am Start stolperte, weil er dort schlichtweg vergaß, den richtigen Modus zu wählen, scheint sich seine technische Versiertheit in Baku ausgezahlt zu haben. Mit mehr Simulator-Arbeit wäre das Problem aber nicht besser zu lösen gewesen, wie der WM-Führende meint. Es sei vielmehr ein Zusammenspiel aus dem richtigen Gefühl im Auto und den entsprechenden Schlüssen daraus gewesen.

Funkverkehr zwischen Hamilton und seinem Ingenieur

Lewis Hamilton: Überall Aussetzer, das hilft mir nicht. Gibt es keine Lösung?

Peter Bonnington: Wir arbeiten dran!

Lewis Hamilton: Jungs, ihr müsst schneller machen!

Peter Bonnington: Das Problem scheint durch den aktuellen Modus zu kommen, in dem du bist.

Lewis Hamilton: Ich weiß nicht, was du meinst! Ich weiß nicht, was falsch ist.

Lewis Hamilton: Jungs, das ist lächerlich! Ich weiß es nicht. Ich schaue alle 5 Sekunden auf mein verdammtes Display und versuche den Schalter zu finden, der in der falschen Position ist.

Peter Bonnington: Lewis, du machst nichts falsch. Da ist nur ein falsches Setting.

Lewis Hamilton: Vielleicht beende ich das Rennen nicht. Ich versuche jetzt einfach mal alles zu ändern.

Peter Bonnington: Das empfehlen wir dir nicht, Lewis.

Lewis Hamilton: Kann ich Vorschläge machen, und ihr sagt mir, ob das in Ordnung ist?

Peter Bonnington: Nein, das ist nicht erlaubt.

Lewis Hamilton (8 Runden vor Ende): Verdammt, danke! Ich habe meine Power wieder!


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