Formel 1 / Hintergrund

Spanien GP: Der Circuit de Catalunya

Auf keiner Strecke testen die Teams so oft und auf keinem Kurs erwartet sie dennoch jedes Mal aufs Neue einiges an Überraschungen...
von Stephan Heublein

Motorsport-Magazin.com - Auch wenn die Formel 1 Teams den Kurs vor den Toren Barcelonas seit vielen Jahren gerne und oft für Testfahrten nutzen: Die profunde Streckenkenntnis hilft den einzelnen Rennställen auf dem anspruchsvollen Circuit de Catalunya nur bedingt. Mit seiner Mixtur aus langsamen und schnellen Kurven stellt das 4,730 Kilometer lange Asphaltband spezielle Ansprüche an Setup, Reifenwahl und Aerodynamik.

Und da Abtrieb und aerodynamische Effizienz in der heutigen Formel 1 als entscheidender Erfolgsfaktor gelten, wird auch klar, warum dieser Kurs die beliebteste Teststrecke ist. Was ein Auto taugt, zeigt sich hier meist nach dem ersten Herausfahren aus der Box.

Stets mögliche Temperaturschwankungen sowie der durch heftige Böen aus unterschiedlichen Richtungen auf die Strecke wehende Sand verändern zudem das Grip-Niveau des bis zu seiner Neuasphaltierung groben und sehr verschleißfördernden Asphalts beinahe minütlich.

Der Grand Prix auf der Parade-Teststrecke

Der Circuit de Catalunya vor den Toren der katalanischen Metropole Barcelona stellt die Paradeteststrecke der F1Welt dar und ist damit den meisten Piloten und Teams besser bekannt als jede andere der insgesamt 19 Grand Prix Strecken des aktuellen F1-Kalenders.

Trotzdem erntet der Kurs - der sich aufgrund seiner Streckencharakteristik so gut zum Testen eignet - nicht nur positive Kritiken, da vor allem Überholmanöver bei den alljährlichen Prozessionsfahrten auf der spanischen Strecke mit der längsten Geraden des aktuellen Kalenders Mangelware sind und der Rennverlauf somit oftmals eher langweilig erscheint, weswegen es Eddie Irvine in seiner Ferrari-Zeit sogar flachsig nach einem Radio gelüstete: "Das war so öde, vom Start weg bis ins Ziel immer auf der selben Position zu fahren. Im nächsten Jahr werde ich mir dann ein Radio ins Auto einbauen."

Dabei haben es insbesondere die lang gezogenen Kurven des Kurses mit ihren extrem hohen Fliehkräften sowie Geschwindigkeiten in sich, was in 'La Caixa' oder 'Renault' leicht zu Flüchtigkeitsfehlern führen kann. Zudem stellte bislang auch der Asphalt des katalanischen Kurses - auf dem eine Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 200 km/h erreicht wird - große Anforderungen an die Pneus, wobei durch die Streckenführung besonders der linke Vorderreifen stark beansprucht wird. Um ein Untersteuern zu verhindern müssen die Fahrer und ihre Techniker auch noch eine gute Balance für den Boliden finden...

Neben typischen Passagen wie die Abfolge der Rechtsbögen "Renault" und "Repsol" besitzt der Circuit de Catalunya bei Montmeló auch zwei lange Geraden. Die anspruchsvolle Streckenführung führt zu ungewöhnlichen Setup-Kompromissen: Da vor beiden Geraden jeweils eine schnelle Kurve liegt, setzen die Teams auf eine Aerodynamik-Konfiguration mit hohem Abtrieb. Der Grund: Die Höchstgeschwindigkeit hängt nicht vom geringen Luftwiderstand durch eine flache Flügelstellung ab, sondern davon, wie gut ein Auto in den schnellen Ecken liegt und wie gut es aus ihnen heraus beschleunigt. Leider macht diese Charakteristik das Überholen - wie bereits erwähnt - fast unmöglich, da in den schnellen Kurven niemand nah genug an seinen Vordermann herankommt, um ein erfolgsversprechendes Manöver einzuleiten.

Die Straßenlage der Autos - so eine Erkenntnis aus den zahllosen Testfahrten - hat sich durch die Neuasphaltierung im Winter und den Umbau einer Kurve verbessert. Mit dem neuen Belag verschwand unter anderem eine große Bodenwelle auf der Zielgeraden sowie das wellige Profil von Turn 10.

An der Herausforderung durch die lang gezogenen Kurven hat sich dagegen nichts geändert. Die Reifenenergie - vereinfacht gesagt die Arbeit, die ein Pneu leisten muss - liegt nach wie vor äußerst hoch. Dies verstärkt den Verschleiß speziell der vorderen Pneus. Da es sich überwiegend um Rechtskurven handelt, wird vornehmlich der linke Vorderreifen ausnehmend stark belastet.

Die Streckengeschichte

Die Stadt Barcelona mit ihren rund 1,8 Millionen Einwohnern und ihrem Mittelmeerhafen liegt im Nordosten Spaniens. Sie ist das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Kataloniens, verfügt über mehrere Universitäten und Hochschulen sowie zahlreiche Museen und Kulturdenkmäler. Zu den berühmtesten Söhnen der Stadt zählt auch der Jugendstil-Architekt Antoni Gaudí (1852-1924), der unter anderem das bis heute unvollendete Kirchenbauwerk Sagrada Familia hinterließ.

Schon 1908 fand das erste Autorennen bei Barcelona statt - die "Copa Catalunya", ein Straßenrennen über 27,885 Kilometer. Seit der offiziellen Zeitrechnung der Formel 1 (ab 1951) wurden 32 Große Preise von Spanien ausgetragen. Austragungsorte waren der Circuit de Catalunya (12 GP), Jarama (9), Jerez (5), Montjuic (4) und Pedralbes (2). Der erste GP von Spanien wurde am 28. Oktober 1951 in Pedralbes von dem Argentinier Juan Manuel Fangio auf Alfa Romeo 59 gewonnen. Das erste Rennen auf dem Circuit de Catalunya gewann am 29. September 1991 auf nasser Strecke Nigel Mansell (GBR) im Williams-Renault.

1951 tauchte der Große Preis von Spanien erstmals im WM-Kalender auf. Regelmäßig wird das Rennen aber erst seit 1969 wieder ausgetragen. Bis 1975 wechselten sich die Rundstrecke von Jarama und der Stadtkurs von Barcelona ab. In dem Rennen, das Jochen Mass mit dem McLaren-Ford gewann, kam es auf dem späteren Olympiaberg Montjuïc zu einem Unfall mit dem Wagen von Rolf Stommelen, bei dem fünf Zuschauer ums Leben kamen. Bis zur Pause von 1981 bis 1986 blieb Jarama Austragungsort, anschließend fand das Rennen bis 1990 in Jerez statt. Dann wurde der Circuit de Catalunya eingeweiht, der spanische Grand Prix hatte endlich eine adäquate Heimat gefunden. Regelmäßiger Boxengast ist König Juan Carlos, der auch schon im West McLaren Mercedes Formel-1-Doppelsitzer Runden drehte.

Was die Experten über Barcelona sagen

Der Fahrer - Ralf Schumacher: "Weil der Circuit de Catalunya praktisch alle Kurvenvarianten bietet, wird auf keiner Strecke so viel getestet wie dort. Von daher müsste man meinen, dass es für die Teams dort Routine wäre, die Autos abzustimmen. Tatsächlich aber ist diese Strecke für die Fahrer und Ingenieure eine der schwierigsten Aufgaben, wenn es darum geht, ein gutes Setup zu finden. Das liegt an häufig wechselnden Bedingungen, dafür sorgt der Wind auf der Anhöhe. Vier Hochgeschwindigkeitskurven verlangen außerdem härtere Reifen und geben der aerodynamischen Effizienz besondere Bedeutung. Barcelona selbst ist eine tolle Stadt. Unweit der Strecke liegt außerdem das für meinen Geschmack beste Restaurant der ganzen Formel-1-Saison."

Der Techniker - Sam Michael: "In Barcelona ändern sich die Streckenbedingungen extrem häufig. Deshalb ist man selbst am Rennwochenende noch am Experimentieren beim Setup. Für vier Hochgeschwindigkeitskurven müssen die Reifen härter als anderswo sein, der Verschleiß ist hoch. Aerodynamische Effizienz ist daher besonders wichtig."

Der Motorenmann - Mario Theissen: "Auf der langen Start- und Ziel-Geraden des Circuit de Catalunya zahlt sich natürlich jedes PS aus. Ansonsten ist die Motorenbelastung dort mit einem mittleren Volllastanteil eher durchschnittlich."


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