Formel 1 / Hintergrund

Die Saison 2005 - So far, so good

Melbourne, Sepang, Sakhir: Nach den ersten drei WM-Läufen wird es Zeit eine erste Zwischenbilanz der F1-Saison 2005 zu ziehen.
von Stephan Heublein

Motorsport-Magazin.com - Vor einem guten Monat wusste noch niemand, was die neue Formel 1 Saison 2005 mit sich bringen und in welche Richtung sich die Königsklasse des Motorsports entwickeln würde.

Würde die rote Dominanz des Vorjahres fortgesetzt werden? Würden die neuen Regeln die Show verbessern und die Kosten senken? Würden die Ferrari-Rivalen ihre Wintertestform beibehalten? Fragen über Fragen, deren Antworten nach mittlerweile drei Saisonrennen zumindest teilweise gegeben wurden.

Die Rennen

Am wichtigsten war für die Fans vor Saisonbeginn natürlich die Frage danach, ob es 2005 endlich wieder packende Rennen und viele Überholmanöver geben würde.

Nach dem ersten Überseeabschnitt der längsten F1-Saison aller Zeiten darf diese Frage nun mit einem bestimmten "zum Teil" beantwortet werden. So bot der Auftakt-Grand Prix in Downunder dank seines verregneten Samstagsqualifyings eine durchmischte Startaufstellung und einige Fahrer die sich im Stile eines Fernando Alonso oder Rubens Barrichello durch das halbe Feld schlagen mussten.

Aber auch die vom Wettergott verschonten Hitzerennen in Malaysia und Bahrain boten mehr Überholmanöver und Action als es der geneigte Fan aus den Vorjahren gewohnt war. So mischte Montoya-Ersatzmann Pedro de la Rosa die halbe F1-Elite auf und stand bei keinem der drei Rennen ein Ferrari-Pilot auf dem obersten Treppchen.

Überhaupt gestaltete sich das Siegerpodest bei jedem Rennen äußerst farbenfroh: Egal ob Nick Heidfeld im weiß-blauen Williams-Outfit, Jarno Trulli im weiß-roten Toyota-Anzug oder die beiden gelb-blauen Renault-Stars - der Saisonstart 2005 bot ein breites Spektrum an konkurrenzfähigen Teams, was sich nicht zuletzt auch in den Punkteplatzierungen von Red Bull niederschlug.

Dennoch war auch zwischen Melbourne und Sakhir noch nicht alles Gold was glänzte: Abgesehen vom Wüstenkurs in Bahrain, wo schon im Vorjahr eines der besten Rennen des Jahres stattgefunden hatte, waren wirkliche Überholmanöver auch in diesem Jahr noch Mangelware. Zwar nicht mehr so sehr wie in den vergangenen Saisons, aber auch noch nicht genügend, als dass man von einem Überholfestival sprechen könnte. Entsprechend bleibt zu hoffen, dass es beim Europaauftakt in Imola nicht wieder die übliche Prozession ohne jegliche Überholaction geben wird...

Die Regeln

Das größte Fragezeichen der Winterpause schwebte auch in diesem Jahr wieder einmal über den vielfältigen Regeländerungen von FIA-Präsident Max Mosley. Diese ließen sich diesmal auf vier Gebiete eingrenzen: Das Qualifyingformat, die Aerodynamik, die Reifen und die Motoren.

Im Hinblick auf das Qualifying lässt sich wie üblich vorzüglich streiten: Die einen sehen eine Verbesserung im Vergleich zum äußerst zähen doppelten Einzel-Qualifying des Vorjahres und eine erhöhte Attraktivität für die Zuschauer an der Rennstrecke, schließlich gibt es nun am Sonntagmorgen noch etwas anderes als nur eine staubige Strecke zu sehen. Die anderen betonen hingegen wie Bernie Ecclestone, dass auch diese Lösung noch nicht der Stein der Weisen sei.

So empfindet es Nick Heidfeld zwar als positiv, dass man nun am Samstag endlich wieder mit 'leeren' Tanks fahre und auf diese Weise bestimmt werden könne, welcher Fahrer in welchem Auto auf welcher Strecke tatsächlich der Schnellste ist, doch steigert das Additions-Verfahren den Verwirrtheitsgrad der Zuschauer und TV-Moderatoren und nimmt es den Medien die Nachlese der Startaufstellung.

Weniger kompliziert gestaltet sich die Analyse der Regeländerungen an den Autos: Die extreme Aerodynamikbeschneidung kostete die Teams viel Abtrieb, wobei sie den Downforce-Verlust dank ihrer pausenlos laufenden Windkanäle aber beinahe komplett auffangen konnten. Ohne Mosleys Regeländerungen wären die Autos also tatsächlich noch schneller, aber das Ziel der Einbremsung wurde dennoch nicht erreicht.

Die Zielsetzung der Zwei-Wochend-Motoren wurde hingegen meilenweit verfehlt: Da ab der nächsten Saison V8-Triebwerke zum Einsatz kommen werden, ist von einer Kostensenkung durch die sündhaftteuren Neuentwicklungen kein bisschen zu erkennen. Noch schlimmer wiegt aber der noch einmal um ein Vielfaches gesteigerte Rundengeiz, welcher die Fahrer am Freitag und auch Samstagmorgen zu weiteren gelangweilten Zuschauern verkommen lässt, die den wenigen Freitagstestern auf einer leeren Strecke zusehen.

Auf dem Reifensektor, der vor Saisonbeginn am heißesten diskutiert wurde, scheinen die Regeländerungen hingegen zu greifen. Es gab kaum Reifenschäden und die Pneus beider Hersteller haben sich auch unter den schwierigsten Bedingungen in Malaysia und Bahrain als haltbar - wenn auch nicht in beiden Fällen als konkurrenzfähig - erwiesen.

Die Neuen

Wie in jedem Jahr gibt es auch in dieser Saison vier Rookies, die wie üblich in Diensten der beiden Hinterbänkler von Jordan und Minardi stehen.

Die vom Midland Konzern aufgekauften Gelben ernteten hierbei für ihre Fahrerpaarung viel Kritik, da es angeblich ein Fehler gewesen sei mit zwei unerfahrenen Piloten in die Saison zu gehen. Und während der dritte Mann, Robert Doornbos, dies indirekt bestätigt, indem er sagt, dass er von einem erfahrenen Duo wie im letzten Jahr mehr hätte lernen können, gaben der erste Inder der F1-Geschichte Narain Karthikeyan als auch der Portugiese Tiago Monteiro kaum Anlass zur Kritik.

Karthikeyan erwies sich sogar - etwas überraschend - als der schnellere der beiden Jordan-Piloten und hatte Monteiro sowohl im Qualifying als auch im Rennen klar im Griff.

Bei Minardi gestaltete es sich ähnlich: Denn auch hier war es nicht der Ex-DTM-Vizechampion Christijan Albers, sondern der ehemalige F3000-Fahrer Patrick Friesacher, der den Ton angab. Besonders leicht haben es jedoch alle vier nicht. Schließlich müssen sie nicht nur viel Erfahrung sammeln und gegen besser ausgestattete Gegner bestehen, sondern auch noch dem Rundengeiz trotzen.

Die Reifen

Der langjährige Michelin-Motorsportdirektor Pierre Dupasquier erwies sich vor Saisonbeginn als Prophet, als er ankündigte, dass das Kräfteverhältnis bei den Reifenherstellern gerade bei den ersten drei Rennen schnell schwanken könne, da es sehr leicht passieren könnte, dass einer der beiden Pneu-Bauer eine falsche Mischung mit an die Rennstrecke bringt.

Zwar geschah dies den Franzosen von Michelin weder in Melbourne noch in Sepang oder Sakhir, doch erwischte es Bridgestone gleich bei beiden Hitzerennen!

Entsprechend nahmen die Japaner zurecht einen Großteil der Prügel für die ernüchternden Vorstellungen des letztjährigen Seriensiegers aus Maranello auf ihre Kappe. Mit dem Beginn der Europasaison liegen die Hoffnungen der Bridgestone-Ferrari-Allianz nun auf den Testarbeiten in der dreiwöchigen Pause sowie den niedrigeren Temperaturen in heimischen europäischen Gefilden. Allerdings dürfte auch Michelin hier konkurrenzfähig sein - außer Dupasquier behält wieder Recht und auch seine Truppe vertut sich einmal bei der Wahl der Reifenmischung...

Die Gewinner

Nach drei Poles und drei Siegen aus ebenso vielen Rennen gibt es für die Franzosen von Renault keine andere Bezeichnung als den Begriff "Gewinner". Die Mannen von Flavio Briatore wurden den Vorhersagen ihres Chefs gerecht und sorgten tatsächlich für ein - vorläufiges? - Ende der roten Dominanz.

Als kleiner Pechvogel unter den Gewinnern entpuppte sich jedoch Giancarlo Fisichella, der nach seinem Auftaktsieg mit einem Unfall und einem technischen Defekt nicht mit den beiden Erfolgen seines spanischen Teamkollegen mithalten konnte.

Während Renault also die "Gewinner" der ersten drei Saisonläufe sind, müssen Red Bull Racing und natürlich Toyota als die "Überraschungen" der Überseerennen bezeichnet werden.

Die roten Bullen trumpften vor allem in Melbourne mit ihrer überragenden Performance auf, konnten aber auch bei den Folgerennen jeweils mindestens ein Fahrzeug in die Punkteränge bringen. Allerdings machte sich in Bahrain bereits ein kleiner Abwärtstrend bemerkbar, welcher sich mit immer stärker werdenden Gegnern und einer Rückkehr von Ferrari schnell fortsetzen könnte. Bislang konnten die Mannen von Christian Horner aber auf ganzer Linie überzeugen und einen unter schwierigsten Bedingungen entwickelten Vorjahres-Jaguar zu einem konstanten Punkteanwärter machen!

Geradezu zu einem konstanten Podestanwärter machte Mike Gascoyne seinen TF105 bei den ersten Rennen! Wurde der zweite Startplatz von Jarno Trulli in Australien noch auf das chaotische Wetter geschoben, bestätigten die Köln-Marsdorfer ihren Aufwärtstrend sowohl in Malaysia als auch in Bahrain. Nun bleibt abzuwarten, ob sie auch bei nicht so heißen Temperaturen konkurrenzfähig sind oder ob sich dann wieder die gleichen Reifenprobleme einschleichen, welche Jarno Trulli den Australien GP verhagelten.

Die Verlierer

In den internationalen Medien wird nach drei Saisonrennen ohne Ferrari-Sieg natürlich die Scuderia Ferrari als größter Verlierer des Jahres gehandelt. Und da man in Maranello darauf besteht, dass man als ein Team zusammen gewinne und verliere, gehört natürlich auch Reifenpartner Bridgestone mit ins Verliererboot.

Dennoch konnten die Roten zumindest in Melbourne mithalten und nach einem starken Auftritt von Rubens Barrichello mit dem F2004 M Rang zwei belegen. Ganz anders hingegen British American Racing, die wohl noch mehr als die Italiener die wahren Verlierer des Überseeabschnitts sind.

Nach dem vorgetäuschten Doppelausfall von Melbourne, kamen Jenson Button, Anthony Davidson und Takuma Sato auch in Malaysia und Bahrain wegen echter technischer Probleme nicht ins Ziel und waren ihre Autos zudem auch nicht so konkurrenzfähig, wie sie sich das Team und Button gewünscht hatten. Vom ersten GP-Sieg in der Teamgeschichte ist man derzeit noch kilometerweit entfernt.

Ebenfalls nicht mit Ruhm bekleckerte sich das bei den Wintertests hoch gelobte McLaren Mercedes Team. Zwar darf man die Silbernen dank ihrer guten Rennpace nicht als absolute Verlierer des ersten Saisonabschnitts hinstellen, doch fehlte es der Dennis-Truppe mehr als nur einmal an Glück, der richtigen Taktik und dem nötigen Qualifying-Speed.

Zum größten Verlierer des Auftaktwochenendes wäre beinahe Minardi-Teamboss Paul Stoddart geworden. Nämlich dann, wenn er nicht doch noch in allerletzter Sekunde seine Autos mit der neuen Aerodynamik ausgestattet und somit dem Reglement entsprochen hätte. Das unnötige Gerangel mit Max Mosley und Jean Todt, welches sogar vor Gericht führte, hätte der Australier sich und dem Rest der F1-Welt lieber ersparen sollen.

Der Ausblick

Wie geht es nun also bei den restlichen 16 Grand Prix weiter? Nach einem farbenfrohen Saisonstart können wir auf ein spannendes und keinesfalls rot dominiertes Jahr hoffen. Sollte McLaren zudem seinen Aufwärtstrend von Bahrain fortsetzen können, dürfte auch eine gelb-blaue Dominanz ausgeschlossen sein. Und dann gibt es da ja noch immer Weltmeister Michael Schumacher und dessen neuen F2005, der beim Debüt zumindest schnell, wenn auch nicht gerade zuverlässig, auftrat.

Dies könnte nach der intensiven Testphase der Scuderia in Barcelona, Fiorano und Mugello aber schon beim nächsten Rennen auf heimischem Boden in Imola wieder anders sein. In Verbindung mit den kühleren Temperaturen und der eher Überholfeindlichen Streckennatur könnten die Roten also schnell wieder ganz vorne dabei sein. Abschreiben darf man sie jedenfalls nie.

Als Fazit der ersten drei WM-Läufe des Jahres 2005 bleibt nach dem besten und abwechslungsreichsten Saisonstart der letzten Jahre demnach nur eines festzuhalten: So far, so good.


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