Noch rund ein Monat bis zum Saisonauftakt 2005 – wie fühlen Sie sich?

Flavio Briatore: Ich bin ruhig und zuversichtlich. Wir trafen im vergangenen Jahr einige wichtige Entscheidungen. So verbrachten wir zum Beispiel im vergangenen Sommer viel Zeit im Windakanal bereits mit Blick auf das neue Reglement – auch wenn das unsere Entwicklung gegen Ende der Saison 2004 einschränkte. Doch dies nahmen wir in Kauf, um in diesem Jahr die Ernte einfahren zu können. Unser Renault RS25-Zehnzylinder lief bereits im vergangenen Juli erstmals auf dem Prüfstand. Von Beginn an gab er uns in puncto Leistung und Zuverlässigkeit sehr viel Zuversicht. Die Teams in unseren beiden Workshops in Viry-Châtillon und Enstone haben einen eindrucksvollen Job erledigt.

Glauben Sie, dass die beiden Workshops bereits ihr gesamtes Potenzial ausschöpfen?

Flavio Briatore: Es wird jeden Tag besser. In der Formel 1 geht es darum, dich stetig zu verbessern. Dazu musst du deine Arbeitsweise immer wieder hinterfragen und optimieren. Unsere beiden Workshops arbeiten sehr gut zusammen, was sich nicht zuletzt in der Motor-Chassis-Integration niederschlägt.

Die beiden Technischen Direktoren Bob Bell und Rob White scheint die gleiche Mischung aus harter Arbeit, Professionalität und Bescheidenheit zu verbinden.

Flavio Briatore: Das gilt für den gesamten Renault Konzern. Hier will keiner eine Extrawurst gebraten bekommen. Jeder einzelne, vom Sicherheitsmann bis hin zu den Piloten, trägt seinen Teil zu unserem Erfolg bei. Dabei spielt Disziplin eine ebenso große Rolle wie eine gewisse Strenge und die Fähigkeit, Ziele zu erreichen. Rob und Bob arbeiten sehr hart und drängen sich nicht ins Rampenlicht. Diese Einstellung zeichnet das gesamte Team aus.

Werden Sie mit dem Renault R25 um Siege fahren können?

Flavio Briatore: Die Situation präsentiert sich unverändert: Du machst über den Winter den bestmöglichen Job, triffst die notwendigen Entscheidungen, entwickelst das Auto und absolvierst Testfahrten. Wird der Renault R25 konkurrenzfähig sein? Ich weiß es nicht. Ich bin aber sehr zuversichtlich, weil wir unser Bestes gegeben haben. Wir müssen nun bis zum ersten Grand Prix in Australien warten, um zu sehen, wo wir im Vergleich zu unseren Konkurrenten stehen.

Das neue Reglement stellt alle Beteiligten vor neue Herausforderungen...

Flavio Briatore: Das kann man wohl sagen. Als unsere Ingenieure die Änderungen erstmals umsetzten, verzeichneten wir einen Abtriebsverlust von rund 25 Prozent. Einen Großteil dieses Verlusts konnten wir im Laufe der Entwicklung wieder gutmachen. Aber wie sieht es bei unseren Konkurrenten aus? Auch die Reifensituation präsentiert sich in diesem Jahr völlig neu. Jedem Fahrer steht nur noch ein Satz Reifen für die beiden Qualifying-Sessionen und das Rennen zur Verfügung. Sehr viel hängt deshalb davon ab, wie die beiden Reifenhersteller über den Winter gearbeitet haben.

Was erwarten Sie von Ihrer Fahrerpaarung?

Flavio Briatore: Sehr viel. Vor allem erwarten wir Einsatz und Leistung. Fernando Alonso und Giancarlo Fisichella sind letztendlich für den Job von rund 800 Menschen verantwortlich, die unermüdlich daran arbeiten, ihnen ein siegfähiges Auto hinzustellen. Unsere beiden Fahrer stellen eine ideale Kombination aus Jugend und Erfahrung dar. Dazu kommen eine erfolgsorientierte und aggressive Einstellung auf der Strecke. Unsere Erwartungen an sie sind hoch.

Können Sie uns einen kurzen Überblick über die kommerzielle Situation des Renault F1-Teams geben?

Flavio Briatore: Bei den anhaltenden Diskussionen über Kosteneinsparungen in der Formel 1 dürfen wir nicht vergessen, dass es uns auch darum geht, Gewinne einzufahren. Wir bei Renault F1 sind sehr stolz darauf, dass wir unseren Sponsorpartner einen sehr hohen Gegenwert für das Geld, das sie in uns investieren, garantieren können. Als Beweis dafür dient, dass wir nicht nur mit all unseren Partner der Vorsaison weiterhin zusammenarbeiten, sondern dass wir darüber hinaus unseren Partner-Pool sogar noch vergrößern konnten.

Was ist Ihre Meinung zur heutigen Formel 1?

Flavio Briatore: Die neuen Regeln waren sehr wichtig, um die Autos langsamer zu machen. Hätten wir die entsprechenden Schritte nicht unternommen, hätte es bald durchaus gefährlich werden können. Wir müssen jetzt den Fans wieder spannende Rennen bieten, polemische Diskussionen jeder Art beenden und uns wieder auf den Sport konzentrieren. Die Reduzierung der Kosten steht nach wie vor im Vordergrund, und wir haben zahlreiche Ideen, wie wir das erreichen können. Ich bin optimistisch: Die Saison 2005 könnte sich als eine der am härtesten umkämpften der vergangenen Jahre erweisen.