"Wir sind nicht weit vorne. Vorne ja, aber nicht weit", brachte es Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko auf den Punkt. Auch nach zwei Rennen in der neuen Saison ist noch unklar, in welchem Kräfteverhältnis die Teams zueinander stehen. Sicher ist: Sebastian Vettel ist derzeit eine Klasse für sich. Was sollte man nach zwei Siegen in Folge auch anderes behaupten?

Der amtierende Weltmeister befindet sich auf dem besten Wege in Richtung Titelverteidigung und startet auch beim anstehenden China GP als großer Favorit. Was den Glanz der Red Bulls trübt, ist vielmehr Teamkollege Mark Webber. Fünfte und vierte Plätze sind nicht der Anspruch des Weltmeister-Teams. Dabei fuhr der Australier in Malaysia ein respektables Rennen und scheiterte nur knapp am Podest. Das Problem lag am Start als Webbers KER-System aussetzte und er sich erst einmal wieder durchs dichte Feld kämpfen musste.

Rückendeckung für Webber

Nach Sepang bekam Webber Rückendeckung aus den eigenen Reihen. "Seine Fahrt war eine großartige Wiederkehr", betonte RBR-Teamchef Christian Horner. "Ich habe absolut keine Zweifel, dass seine Zeit in dieser Saison noch kommen wird." Die Formkurve des 34-Jährigen zeigt in jedem Fall nach oben. Ein großes Fragezeichen steht allerdings noch hinter KERS: Schaffen es die Red-Bull-Ingenieure, den wichtigen Hybridantrieb innerhalb einer Woche ans Laufen zu bekommen?

Red Bull plant für China weitere Updates -, Foto: Sutton
Red Bull plant für China weitere Updates -, Foto: Sutton

Marko kündigte bereits an, dass der RB7 für das Rennen in Shanghai Updates erhalten werde. Allzu viel wollte er - in neuer Red-Bull-Manier - nicht verraten, doch eines stellte der Österreicher klar: "Bei solch luftigen Höhen in puncto Wettbewerb ist Stillstand tödlich und bedeutet in der Formel 1 Rückschritt." Einen solchen Rückschritt kann sich Red Bull nicht leisten, denn die Konkurrenz saust mit Siebenmeilen-Stiefeln immer näher heran. Doch wer ist eigentlich der große Rivale?

Jagd in vollem Gange

Die simple Antwort auf diese Frage: McLaren - und dann lange nichts. Spätestens nach Jenson Buttons zweitem Platz in Malaysia gelten die Briten als Verfolger Nummer 1. Der Horror-Winter voller Probleme ist längst vergessen, McLaren hat sich gemausert und den MP4-26 auf ein völlig anderes Niveau gehoben. Nachdem die Probleme mit dem Abgassystem und dem Unterboden behoben wurden, ist die große Jagd auf die Bullen längst eröffnet. Dabei darf man eines nicht vergessen: Noch pirscht sich McLaren nicht mit scharfer Munition heran.

Die Updates am MP4-26 besitzen immer noch provisorischen Charakter, weil die Zeit in Malaysia nicht reichte. Für den kommenden Grand Prix soll die nächste Stufe genommen werden. "Wir haben einige Dinge, die wir am Freitag probieren werden, so läuft das in diesem Sport", stellte Martin Whitmarsh fest. Stillstand gleich Rückschritt - das weiß man auch in Woking. In Shanghai soll zumindest der Unterboden weiteres Fine-Tuning erhalten, für tiefgreifende Änderungen dürfte schlichtweg die Zeit fehlen.

Druck machen

"Ich denke, wir sind recht nah an Red Bull dran, aber ich wäre gerne näher oder sogar voraus", erklärte der McLaren-Teamchef: "Es ist mein Job, Druck zu machen und das Auto weiter zu verbessern, das werden wir versuchen. Wir haben am Freitag in China interessante Arbeiten zu erledigen, aber nicht viel Zeit dafür. Wir werden dort das Beste tun, was wir können." Das dürfte vonnöten sein, denn auch Red Bull schläft nicht und wird mit Hochdruck an der Entwicklung seines KER-Systems und der Verbesserung des RB7 arbeiten.

Aufrüsten ist angesagt! In der noch jungen Saison ist ein regelrechtes Wettrüsten ausgebrochen. Updates am laufenden Bande - nichts Ungewöhnliches in der F1-Historie, doch besonders in diesem Jahr geht es ans Eingemachte. Grund dafür sind vor allem das KERS, der verstellbare Heckflügel und die Pirelli-Reifen, welche enormen Einfluss auf den Rennverlauf nehmen. "McLaren und Ferrari sind unsere Hauptsorge. Ich denke, man kann sehen, dass die Leistung rauf und runter geht", urteilte Horner über die Rivalen.

Ferrari auf Red-Bull-Level?

Das Bild nach zwei Rennen: Red Bull und McLaren rangieren an der Spitze, der Rest muss sich hinten anstellen. Dazu gehört auch Ferrari. Die hoch ambitionierten Italiener fahren noch neben der Spur und sind derzeit höchstens dritte Kraft im Bunde. In Sepang landeten Felipe Massa und Fernando Alonso auf den Plätzen fünf und sechs - glaubt man Luca di Montezemolo, wird sich an diesem unbefriedigenden Zustand auf dem Shanghai International Circuit erst einmal nicht viel ändern. "Ich rechne damit, dass es schwer werden wird, da ich nicht denke, dass Ferrari den Spieß binnen einer Woche umdrehen kann", so der Ferrari-Präsident.

Die Crux der Scuderia lag vor allem beim Qualifying, wo das Ferrari-Duo schlichtweg nicht konkurrenzfähig war. Noch immer plagt sich der 150° Italia damit herum, die Reifen ans Arbeiten zu bekommen. Wenn man dieses Problem in den Griff bekommt, soll laut Montezemolo allerdings eine Menge drin sein: "Im Rennen habe ich Ferrari auf dem gleichen Level wie die Besten gesehen. Wenn man von einigen Zwischenfällen absieht, hätten wir definitiv das Podium erreicht."

Renault lauert

Definitiv das Podest erklommen hat unterdessen Lotus Renault GP - bereits zum zweiten Mal. Vitaly Petrov hatte es in Australien vorgemacht, Nick Heidfeld zog nach. Der R31 ist eine Kraft, mit der man immer rechnen muss. Spätestens, wenn die Top-Teams patzen, ist der schwarz-goldene Renner zur Stelle. "Ich hoffe, dass wir die Entwicklungsgeschwindigkeit aufrechterhalten können, damit wir in diesem Jahr noch mehrere solcher Ergebnisse erzielen können", blickte Heidfeld optimistisch in die Zukunft.

Renault ist auf dem Vormarsch -, Foto: Lotus Renault
Renault ist auf dem Vormarsch -, Foto: Lotus Renault

In Sachen Entwicklung muss auch Mercedes GP nachlegen. Zwar sicherte Michael Schumacher den Silberpfeilen immerhin die ersten WM-Punkte in Sepang, doch das genügt den Ansprüchen nicht. Aktuell gehört Mercedes nicht zum Favoritenkreis. "Angesichts der direkt aufeinander folgenden Rennen in Malaysia und China besteht nur wenig Zeit, um vor Shanghai wesentliche Veränderungen an den Autos vorzunehmen", stellte Teamchef Ross Brawn klar. Trotzdem wolle man eine gründliche Analyse durchführen um zu verstehen, warum der MGP W02 hinterher hinkt.

Von der Streckencharakteristik in Shanghai, dem Wetter und den Reifen einmal abgesehen, spielt vor allem die Entwicklung der Boliden in der dieser Saisonphase eine entscheidende Rolle. Darüber sind sich die Teams einig. Das Interessante an der aktuellen Konstellation: Wie viel können die Kontrahenten innerhalb nur einer Woche verändern? Sicher ist nur: Stillstand bedeutet Rückschritt.