Formel 1 / Analyse

Nr. 2 und die Brechstange - Silverstone: 6 Antworten zum Rennen

Viele verärgerte Gesichter gab es nach dem Rennen in Silverstone. Motorsport-Magazin.com klärt die wichtigsten Fragen rund um Webber, Vettel und Alonso.
von Stephan Heublein

1. Warum gab es Streit bei Red Bull?

Der Auslöser war ein Flügel. Oder besser gesagt die Entscheidung von Teamchef Christian Horner, den letzten verbliebenen Flügel der neuesten Ausbaustufe Mark Webber wegzunehmen und im Qualifying an Sebastian Vettels Auto zu bauen. "Ich glaube immer noch, dass wir mit dem WM-Stand das richtige Kriterium genutzt haben", erklärte Horner mehrfach nach dem Rennen.

"Die gleichen Regeln gelten auch beim nächsten Rennen, obwohl wir natürlich nicht hoffen, dass es noch einmal zu dieser Situation kommen wird." Nach seinem Sieg liegt Webber in der Tabelle vor Vettel. Der Australier verschaffte sich nicht nur mit seinem Sieg Luft. Er ließ auch im Funk Dampf ab: "Nicht schlecht für einen Nummer-2-Fahrer", funkte er nach der Zieldurchfahrt ans Team - vor Millionen TV-Zuschauern. In der Pressekonferenz legte er nach: "Ich hätte für nächstes Jahr nie einen Vertrag unterschrieben, wenn ich geglaubt hätte, so etwas würde passieren."

Wenn Webber meint, dass er die Nummer zwei ist, dann ist das auch okay für mich.
Sebastian Vettel

Horner versuchte die Wogen zu glätten, kündigte an, dass man die dicke Luft bereinigen werde, sollte das nötig sein. "Mark ist kein Nummer-2-Fahrer", betonte Horner. "Ich nehme ihm das nicht übel, sehe darin nichts Böswilliges." Nach dem Rennen können die Emotionen schon einmal überkochen. Am Vertragsverhältnis des Australiers für 2011 ändert der Vorfall nichts. "Das ist eine dumme Frage, denn wir haben den Vertrag vor über einem Monat unterzeichnet. Es ist absolut sicher, dass Mark nächstes Jahr im Team sein wird."

Vettel wollte sich zunächst nicht dazu äußern. Danach blieb er diplomatisch: "Für mich ist es wichtig, dass man voreinander auf und neben der Strecke Respekt hat." Einen kleinen Seitenhieb konnte er sich aber nicht verkneifen: "Wenn Webber meint, dass er die Nummer zwei ist, dann ist das auch okay für mich."

2. Warum startete Vettel so schlecht?

Sebastian Vettel musste das Feld von hinten aufrollen - Foto: Sutton

Mark Webber erwischte klar den besseren Start, Vettel versuchte sich in die erste Kurve hinein zu verteidigen, aber das misslang. "Er hatte einen guten Start, ich hatte hingegen durchdrehende Räder und musste warten, bis sie sich wieder im produktiven Rahmen befanden", beschrieb Vettel seinen Start.

Vettel änderte in der Einführungsrunde noch etwas an der Kupplungseinstellung. "Vielleicht war das nicht so positiv", gestand er. "Vielleicht haben wir den Grip falsch eingeschätzt, denn ich hatte danach sehr viel Wheel-spin."

Die Wut in Webbers Bauch hält Nick Heidfeld nicht für dessen guten Start verantwortlich. "Gerade in der Kupplungsphase am Start muss man sehr fokussiert sein und wenn man da mit Wut an die Sache herangeht, dann wird man es eher verpatzen", sagte er. "Er hat es einfach genau hinbekommen."

3. Warum hatte Vettel einen Reifenschaden?

Bereits in Kurve zwei war Vettels Rennen so gut wie gelaufen. "Ich habe aus der Kurve heraus gemerkt, dass etwas nicht stimmte", erinnerte er sich. Lewis Hamilton hatte ihm unabsichtlich im Startduell den rechten Hinterreifen aufgeschlitzt. "Es war eine große Strafe für mich, weil ich den ganzen Weg zurück schleichen musste. Ich habe mir dabei die Aerodynamik des Autos beschädigt."

Bei einer solchen Situation muss der Reifen nicht kaputt gehen, aber er kann. Lewis hat ihn leicht berührt, dumm gelaufen.
Nick Heidfeld

Übel nahm Vettel Hamilton die Aktion nicht. "Wenn man den Reifen am falschen Punkt trifft, dann ist er sehr verwundbar." Sogar einen kleinen Scherz wagte er: "Dann hat er ja endlich geschafft, was ihm in Valencia nicht gelungen ist." Schon dort berührten sich Vettel und Hamilton in der ersten Kurve. Heidfeld bestätigt: "Da konnte keiner was dafür. Bei einer solchen Situation muss der Reifen nicht kaputt gehen, aber er kann. Lewis hat ihn leicht berührt, dumm gelaufen."

4. Warum bekam Alonso eine Strafe?

Schon wieder konnte Fernando Alonso aus einer guten Ausgangsposition nichts machen. Wie in Valencia spielte auch in Silverstone das Safety-Car eine Rolle. Der Spanier überholte Robert Kubica in der Schikane neben der Strecke, ließ ihn danach aber nicht wieder vorbei. Dafür bekam er eine Durchfahrtsstrafe.

"Ich akzeptiere alles, was sie tun. Sie sind die Schiedsrichter", sagte er etwas süffisant. "Das Team verhielt sich richtig, aber die Anweisung, den Platz zurückzugeben, kam als ich bereits einen anderen Fahrer überholt hatte und in der Zwischenzeit wurde Kubica auch langsamer, bevor er ausschied." Tatsächlich fiel Kubica vier Minuten nach dem Manöver aus, eigentlich hätte Alonso ihn aber schon direkt nach der Aktion von alleine passieren lassen müssen.

In der Formel 1 war Spanien am Sonntag nicht erfolgreich - Foto: Sutton

"Sein Manöver gegen Robert Kubica war schlichtweg dumm", kritisierte Christian Danner. Wenn er versucht, einen anderen Fahrer zu überholen und dabei in Kauf nimmt, durch die Schikane abzukürzen, müsse er ihn hinterher wieder vorbei lassen. "Wenn ich das in meinem eigenen Weltbild nicht vorgesehen habe, brauche ich mich nicht wundern, dass ich dafür bestraft werde. Die Strafe war völlig gerecht."

Marc Surer stimmt Danner zu. "Er hätte den Anderen einfach spontan wieder vorbeilassen sollen, dann wäre nichts passiert." Alonsos großes Pech war, dass die Strafe 15 Minuten nach dem Vorfall ausgesprochen wurde - als gerade das Safety-Car auf die Strecke kam. Somit musste er die Drive-Through-Strafe nach der SC-Phase absitzen und fiel ans Ende des Feldes zurück.

5. Warum verlor Schumacher Plätze?

Christian Danner war sich nach Rennende sicher: "In den Top-10 gibt es nur einen, der nicht glücklich ist, das ist der Michael." Dabei sah es zunächst ganz gut aus. "Wir holten ihn früher an die Box, um ihm freie Fahrt zu verschaffen", erklärte Ross Brawn. Im Gegensatz zur Valencia-Strategie schien die Taktik diesmal aufzugehen. "Leider machte er einen Fehler und verlor den Vorteil, den wir ihm verschafft hatten." So verlor er sogar noch einen Platz.

Der Rekordweltmeister war hinterher geständig: "Das war ein Fahrfehler von mir. Ich wusste, dass die Runde wichtig ist. Ich habe aus Kurve 14 heraus zu viel gepusht, bin in den Dreck hinausgekommen und habe dabei sehr viel Zeit verloren", erklärte Schumacher, der bereits auf der entscheidenden Qualifyingrunde einen Fehler begangen hatte. Wie kommt es, dass er so viele Fehler macht? "Ich glaube, dass Michael einfach zu viel will", sagt Surer. "Weil er hat nichts zu verlieren, es geht nicht um Punkte, deshalb versucht er alles und geht dabei ein bisschen zu weit."

6. Warum war Sutil sauer auf Vettel?

Ich glaube, dass Michael einfach zu viel will.
Marc Surer

"Das war unfair", klagte Adrian Sutil nach dem Rennen. "Sebastian hat mich von der Strecke geschoben, das muss man mit einem Auto nicht machen, das zwei Sekunden schneller ist." Vettel hing für etliche Runden hinter seinem Landsmann fest. Der Force India war auf der Geraden zu schnell, um ihn so zu überholen wie zuvor Michael Schumachers Mercedes.

"Force India ist ein schnelles Auto auf der Geraden - knapp 10 km/h schneller", sagte Vettel. "Es war schwer auf der Geraden sich anzusaugen, ich musste es in der Kurve probieren. Es wurde leider etwas eng, wir haben uns berührt, aber ich musste es probieren. Mit Sicherheit war es keine Absicht."

Auch die Experten sind sich einig, dass Vettels Aktion hart, aber in Ordnung war. "Die Kollision mit Adrian Sutil war ein bisschen Brechstange, aber wo gehobelt wird, da fallen Späne", betonte Danner. "Adrian hat ihn rundenlang blockiert, da muss dann irgendwann eine harte Aktion kommen." Surer sah es ähnlich: "Er hat ihm so oft die Tür vor der Nase zugeschlagen, dass ich irgendwann auch versucht hätte, mit der Brechstange durchzukommen."


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