Jack Aitken fuhr im Samstagsrennen der DTM auf dem Red Bull Ring mit einem großen Knall in die Reifenstapel statt aufs Podium - nicht weniger laut könnte es im BMW-Lager gescheppert haben...

Marco Wittmanns knappe Aussagen nach seinem zweiten Platz hinter Rennsieger, Titelrivale und Schubert-Motorsport-Teamkollege Rene Rast sprachen Bände. "Wenn der Rennverlauf so ist...", sagte Pole-Setter Wittmann sichtlich enttäuscht kurz nach dem Zieleinlauf bei ProSieben, und fuhr fort: "Ich habe mit meiner Crew am Wochenende einen perfekten Job gemacht mit der Pole. Gutes Rennen gefahren, gute Pace gehabt. Der Rest war vielleicht im Fernsehen zu sehen."

Wittmann: "Manchmal, wenn man zu viel sagt, ist das auch nicht gut"

Was damit gemeint sei? Wittmann nur: "Manchmal, wenn man zu viel sagt, ist das auch nicht gut." Man muss hier kein Hellseher sein, um zu verstehen: Wie das Rennen verlaufen ist, gefiel dem zweimaligen DTM-Champion so ganz und gar nicht. In der Übertragung augenscheinlich zu sehen: In der dritten Runde leuchteten mindestens zweimal die Bremslichter an Wittmanns BMW auf, bevor er den Berg hinauf auf dem Weg in die dritte Kurve von Rast überholt wurde.

Gab es vor dem Rennen, das Wittmann nach seiner ersten DTM-Pole seit 2021 von P1 und direkt vor Rast aufgenommen hatte, von irgendwoher eine Anweisung, seinen Schubert-BMW-Teamkollegen absichtlich vorbeizulassen? Die ganze Wahrheit wird die Öffentlichkeit so schnell wohl nicht erfahren, schließlich ist Teamorder laut dem Sportlichen Reglement verboten und kann bei einem aufgedeckten Fall mit 250.000 Euro Geldstrafe geahndet werden.

DTM am Red Bull Ring
Marco Wittmann: Freude über Platz 2 sieht anders aus, Foto: DTM

Teamorder-Trubel um BMW am Red Bull Ring

Wittmann ließ auch in der Folge wenig Zweifel an seiner völligen Enttäuschung aufkommen. "Bei manchen Entscheidungen, wenn man eins und eins zusammenzählen kann, kennt man den Ausgang", sagte er etwa in der Top-3-Pressekonferenz, oder auch in der Mixed Zone nach dem Rennen, ohne ins Detail zu gehen: "Wir haben heute mit meiner Crew einen Super-Job gemacht mit der Pole, und den Rennstart verteidigt. Alles Weitere war, glaube ich, teilweise zu sehen oder offensichtlich. Daher gibt's da gar nicht viel zu sagen."

Wittmann war mit 123 Punkten zum vorletzten Rennwochenende der Saison nach Österreich gereist, sieben Zähler weniger als Teamkollege Rast und 28 Punkte hinter Spitzenreiter Lucas Auer. Zuvor auf dem Sachsenring durfte Wittmann im Sonntagsrennen Rast dank besserer Pace und frischerer Reifen überholen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt hinter ihm in der Gesamtwertung lag. Ob nach dem Sachsenring wohl jemand entschieden habe, sich auf den in der Meisterschaft weiterhin besser platzierten der beiden BMW-Piloten im engen Titelkampf festzulegen, wurde im Fahrerlager gemunkelt.

Teamchef Torsten Schubert: "Er weiß auch, wer sein Arbeitgeber ist"

Auf die Frage von Motorsport-Magazin.com, was Wittmann damit meinte, dass man "eins und eins zusammenzählen kann", antwortete Torsten Schubert, Chef des BMW-Kundenteams Schubert Motorsport: "Er (Wittmann; d. Red.) weiß auch, wer sein Arbeitgeber ist, und BMW muss eben irgendwann auf eine Priorität setzen. Es waren vier Rennen und es sind ab morgen noch drei Rennen, und da muss man natürlich sehen, dass man auf die Meisterschaft gucken muss. Das würde jeder andere auch machen. Das ist leider so, und das ist auch schade."

Die Situation sei "eben nicht schön", fügte der frühere Meister-Teamchef an, der Wittmanns Frust verstehen konnte. Von einer Teamorder wollte Schubert aber nicht sprechen: "Das ist keine Ansage. Ich habe gesagt, es wird nicht gekämpft vorne, wenn beide in der Grid-Position sind. Dann war die Renn-Pace von Rene besser, das muss man einfach sehen. Man hat auch gesehen, dass Marco nicht dranbleiben konnte. Rene war in den einzelnen Sektoren besser. Sie durften nur nicht - das war das Einzige, was ich gesagt habe - miteinander kämpfen, weil das in so einer Situation Blödsinn ist."

Rast, der seinen dritten Saisonsieg feierte und die Führung in der Meisterschaft übernahm, weil die Rivalen Aitken, Pepper und Auer strauchelten, meinte zur Überhol-Situation gegen Wittmann: "Natürlich kämpft man, aber er macht die Tür gegen mich nicht so zu wie beispielsweise gegen einen Ferrari. Man behandelt Teamkollegen immer anders. Das ist nicht nur bei BMW so, sondern auch bei den anderen Herstellern."

Dass Schubert-BMW am Samstag einen Doppelsieg feierte, geschah tatsächlich nur dank 'freundlicher Unterstützung' von Emil-Frey-Pilot Aitken, der seinen Ferrari auf Platz zwei liegend in der letzten Runde im Kiesbett versenkte. Dadurch rückte Wittmann automatisch auf P2 hinter Rast auf. Zuvor hatte Wittmann diese Position während der Boxenstopp-Phase an Aitken verloren, der zwei Runden früher die Reifen wechselte und mit wärmeren Pneus nach hartem Kampf am grünen BMW vorbeizog.

Marco Wittmann in der DTM
Marco Wittmann nach P2 auf dem Red Bull Ring, Foto: IMAGO/Eibner

Teamorder-Verstoß bei BMW? "Beweislage muss wasserdicht sein"

Nach dem viertletzten Rennen der Saison sieht die Meisterschafts-Situation aus BMW-Sicht wie folgt aus: Rast hat die Tabellenspitze mit 157 Punkten übernommen, Wittmann ist mit 146 Zählern - also 11 weniger - auf den sechsten Platz vorgerückt. Die Top-8 der Meisterschaft liegen innerhalb von 15 Punkten, bevor am Sonntag das zweite Rennen auf dem Red Bull Ring ansteht.

Nachdem am Samstag das halbe Fahrerlager über die BMW-Situation und eine mögliche Einflussnahme von außen diskutierte, hakte Motorsport-Magazin.com beim DMSB nach, ob die Sportkommissare in dieser Sache tätig werden könnten. Die Vorgänge und streitbaren Aussagen der Protagonisten waren auch den Regelhütern nicht verborgen geblieben, wie wir erfahren haben.

Antwort: "Die Beweislage muss in so einem Fall wasserdicht sein, damit es nicht nur in der Verhandlung mit den Sportkommissaren, sondern auch vor einem möglichen Berufungsgericht, zu dem es sicher kommen würde, eindeutig ist. Dafür waren uns die Statements in den Medien, die wir natürlich wahrgenommen haben, nicht hieb- und stichfest genug. So haben wir natürlich auch die Funksprüche des Teams genau geprüft und haben keinerlei Hinweise gefunden, die ein Verfahren rechtfertigen würden."