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DTM 2020: Die Reifenschlacht von Spa in der Analyse

Das Auftaktrennen der DTM in Spa-Francorchamps wurde durch das Reifen-Management bestimmt. Was lief richtig und was falsch bei Audi und BMW?
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Die Reifenschlacht von Spa - unter diesem Motto ging der Auftakt der DTM-Saison 2020 über die Bühne. Sieger Nico Müller zitterte sich trotz enormen Vorsprungs durch die letzten der insgesamt 26 Runden, während Rene Rast sogar einen zweiten Boxenstopp einlegen musste - dem amtierenden DTM-Champion war es nicht gelungen, einen Stint über mehr als zehn Runden auszudehnen.

Das erste von zwei Rennen an diesem Wochenende in Belgien entwickelte sich ab dem Start zu einem Reifen-Rennen, Timo Glock etwa nahm schon ab der dritten Runde Gas raus, um möglichst schonend mit seinen Hankook-Slicks umzugehen.

Die fehlende Vorbereitungszeit - in Spa gab es wegen des Zwei-Tages-Formates nur ein einziges Training über 45 Minuten, und das auch noch bei nassen Verhältnissen - machte sich überall im DTM-Starterfeld bemerkbar. Die BMW-Fahrer Glock und Marco Wittmann haderten etwa mit der Beschaffenheit ihrer Reifen, die sie zuvor im Training kurz angefahren und dann im Rennen genutzt hatten.

"Das Anfahren der Reifen war definitiv nicht genug, das passen wir für das Rennen heute an", sagte BMW Motorsport-Direktor Jens Marquardt am Sonntagmorgen vor dem zweiten Rennen (13:30 Uhr, live bei Sat.1). Während Glock und Wittmann ihre Pflichtboxenstopps bereits in den Runden 11 und 12 - üblicherweise wird die Rennmitte, hier Runde 13, angepeilt - absolvierten, konnte BMW-Markenkollege Philipp Eng seinen ersten Stint auf 15 Runden erstrecken.

Marquardts Übernacht-Analyse: "Wir haben im Qualifying nicht das Maximum herausgeholt. Mit den Temperaturen hier war es klar, dass die Reifen im Rennen der Schlüssel sein werden. Im Qualifying sind wir einen zu großen Kompromiss eingegangen." Bei Temperaturen von knapp 30 Grad ging die Strategie der Münchner nicht auf: Im Qualifying landeten vier Audi auf den vorderen Plätzen, im Rennen feierten die Ingolstädter sogar einen Fünffach-Sieg.

Ein Grund für den oftmals nicht optimalen Umgang mit den Reifen könnten die ungewöhnlichen Mindestkaltluftdrücke gewesen sein. Diese wurden von Ausstatter Hankook für Spa mit 1,45 bar bei Temperaturen von 25 Grad angegeben. Auf 'normalen' DTM-Strecken beträgt der Mindestdruck 1,3 bar. Seit dem Nürburgring-Wochenende 2018 gibt Hankook die Drücke verpflichtend vor, aus Sicherheitsgründen, weil einige Teams in der Vergangenheit mit extrem niedrigen Drücken von unter 1 bar experimentiert hatten.

Der vergleichsweise hohe Mindestdruck auf dem belgischen Ardennenkurs ist den Umständen geschuldet: Vor allem in der berühmten Eau-Rouge-Kurve herrscht eine derart starke Kompression, dass Reifen bei falsch gewähltem Umgang einen Schaden erleiden könnten. "Zum Ende des zweiten Stints hatte ich Angst, dass mir die Reifen kaputtgehen könnten, weil die Last in Eau Rouge so stark ist", sagte Auftaktsieger Müller. "Aber zum Glück haben sie gehalten. Gute Arbeit, Hankook!"

Der Hintergrund: Wenn ein Reifen einen hohen Mindestluftdruck aufweist und sich im Verlauf eines Rennens konstant erwärmt und dadurch ausdehnt, verringert sich die Auflagefläche. Dadurch beginnen die Autos noch stärker zu rutschen, was den Reifenverschleiß beschleunigt. Hinzukamen die hohen Temperaturen am Samstag mit rund 28 Grad während des Rennens.

"Im zweiten Stint habe ich komplett den Kontakt verloren, da war kein Gummi mehr auf den Reifen", sagte der Fünftplatzierte Rast. Wegen des zusätzlichen Stopps stehen dem Audi-Star nur noch zwei frische Reifensätze für den Sonntag zur Verfügung.

Während Marquardt Hinweise darauf gab, wie BMW das Reifen-Management für den Sonntag zu verbessern gedenkt, hielt sich auf der Gegenseite Audi-Motorsportchef Dieter Gass eher verschlossen. "Das Gute ist: wir haben verstanden, was passiert ist. Das Schlechte: ich will es nicht verraten", sagte er am Sonntagmorgen während einer virtuellen Pressekonferenz. "Wir haben Unterschiede bei unseren Fahrern gesehen und jetzt ein klareres Bild von dem, was passiert ist."

Dass Audi sich am Samstag durchweg derart dominant präsentierte, überraschte die meisten Beobachter aber doch. "Beim Spa-Test war BMW viel schneller als wir", sagte Gass und versicherte, dass der eigene Spa-Testfahrer Benoit Treluyer kein 'Sandbagging' betrieben habe. "Ich war ein bisschen besorgt, hierher zu kommen wegen der Performance. Bei Rennen 2019, in denen der Reifenverschleiß hoch war, waren wir schon stark. Aber das Qualifying hat mich überrascht."

Marquardt hoffte unterdessen auf eine Steigerung der Performance seiner BMW-Truppe: "Wir hätten einen besseren Job machen müssen, dann ist der Abstand hoffentlich nicht so groß. Der Schlüssel in der DTM ist immer das Qualifying, vor allem, wenn du im Rennen die Reifen managen musst. Wenn du dann in den Verkehr gerätst, wird das noch wichtiger. Wir haben Anpassungen am Setup vorgenommen."


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