Es war der Aufreger beim MotoGP-Saisonauftakt in Thailand: In der vorletzten Runde des Sprints attackiert Marc Marquez Pedro Acosta im Kampf um den Sieg in der Zielkurve und drückt Acosta dabei von der Strecke. Die MotoGP-Stewards reagieren schnell: Marquez muss Acosta die Position zurückgeben. Das macht der Weltmeister vor der letzten Kurve, wodurch Acosta den Sprint gewinnt.

Tom Lüthi: Strafe gegen Marc Marquez in Ordnung

Marquez gab sich in den folgenden Interviews diplomatisch. Den Ärger über die Entscheidung der Stewards konnte er aber nicht verbergen. Auf dem Weg zum Podium applaudierte er sarkastisch in ihre Richtung, im Gespräch mit seinem Team beschwerte er sich ebenfalls lautstark über die Strafe. "Marc war sicher enttäuscht und auch sauer, weil das Manöver seiner Meinung nach korrekt war", glaubt Tom Lüthi in unserem Interwetten MotoGP-Magazin. Die gesamte neue Folge zum Thailand-GP sehr ihr hier:

Ducati kassiert MotoGP-Schlappe - Lüthi: Nur Marquez kam klar! (26:00 Min.)

In seiner Analyse stellt sich Lüthi aber klar auf die Seite der MotoGP-Stewards: "Die Strafe geht für mich in Ordnung. Es war ja keine extrem harte Strafe - keine Long-Lap-Penalty. Marc musste einfach die Position wieder hergeben." Der Kritik, Strafen für derartige Manöver würden das Racing in der MotoGP zerstören, stimmt Lüthi nicht zu. "Solche Situationen sind für die Stewards immer schwierig, weil sie in sehr kurzer Zeit eine Entscheidung treffen müssen. Die Regeln müssen aber einfach eingehalten werden, sonst bleibt die Sicherheit auf der Strecke", stellt er mit seiner Erfahrung aus 317 WM-Starts fest.

Marc Marquez verliert Kontrolle über Thailand-Sprint

Für Lüthi war Marquez' Angriff auf Acosta eine Art Verzweiflungstat, die in ihren Ausgang schon einige Kurven zuvor gefunden hat: "Man muss da weiter zurückgehen. Das Manöver ist in der vorletzten Runde in der letzten Kurve passiert, als Marc Pedro innen reingestochen ist. Ihren Ausgang hat die Aktion aber eigentlich schon in Kurve fünf genommen. Marc hat nach dem Sprint gesagt, dass er versucht hat, das Tempo an der Spitze zu kontrollieren. In Kurve fünf hatte er dann aber einen Rutscher am Hinterrad. Den konnte er zwar abfangen, Pedro ist aber vorbeigegangen."

MotoGP-Wut nach Thailand-Sprint: Strafe ärgert Marquez & Ducati (09:06 Min.)

Ein Szenario, das Marquez so nicht geplant hatte. "Dadurch ist es für Marc stressig geworden, weil er diese Kontrolle über den Sprint verloren hat", analysiert Lüthi. "Er wollte unbedingt möglichst schnell wieder an die Spitze. In den kommenden Passagen kannst du mit dem MotoGP-Bike aber nur sehr schwer überholen, weil viele Kurven ohne Geraden aufeinander folgen. Dann kam Kurve zwölf, aber Marc war da zu weit weg. Er hat deshalb einfach die Bremse aufgemacht, ist mit Tempoüberschuss in die Kurve hineingefahren und konnte die Linie nicht halten. Dadurch hat er Pedro von der Strecke geschoben. Deshalb geht die Strafe für mich in Ordnung."

Die Position hinter Acosta schmeckte Marquez gar nicht, Foto: MotoGP Press
Die Position hinter Acosta schmeckte Marquez gar nicht, Foto: MotoGP Press

Marquez berührt Acosta - Lüthi: Gar nicht entscheidend

Marquez argumentierte anschließend, Acosta hätte den Kontakt vermeiden können - so wie er es selbst zuvor bei Acostas Angriffen gemacht hatten. "Das glaube ich nicht", widerspricht Lüthi. "Marcs Attacke kam extrem spät. Pedro war schon auf der Bremse, hat begonnen einzulenken und war bereits in Schräglage - dann taucht Marc plötzlich innen auf. Pedro kann das aber erst relativ spät sehen, weil durch den Helm die Sicht seitlich eingeschränkt ist. Er hat noch reagiert und das Motorrad aufgerichtet, aber es ist dennoch zur Berührung gekommen. Diese Berührung ist meiner Meinung nach aber gar nicht ausschlaggebend: Entscheidend ist, dass beide Fahrer abseits der Ideallinie waren. Marc ist ebenfalls weitgegangen und Pedro musste dadurch natürlich noch weiter nach außen. Bei den Attacken von Pedro auf Marc mussten nie beide Fahrer so weit nach außen gehen."

Marquez äußerte nach dem Sprint auch Kritik am Bekanntgabezeitpunkt der Strafe. Er habe die Benachrichtigung auf sein Dashboard so spät bekommen, dass er keine Möglichkeit mehr zum Konter hatte. Tatsächlich kam die Nachricht aber bereits in Kurve acht an. Das half Marquez aber wenig, wie Tom Lüthi erklärt: "Wie gesagt: Ab Turn 5 folgt Kurve auf Kurve. Dem Fahrer wird die Strafe zwar auf dem Display angezeigt, aber er kann sie erst sehen, wenn er zentral auf dem Motorrad ist und das Display wirklich im Blick hat. In den Kurven ist der Kopf nach innen geneigt, da sieht man am Display gar nichts. Marc konnte die Strafe also erst auf der Gerade vor der letzten Kurve sehen. Die Entscheidung kam dennoch sehr schnell. Dieser Kontakt passiert und dann müssen sich die Stewards die Szene noch einmal ansehen, vielleicht auch aus einem anderen Kamerawinkel. Zu diesem Zeitpunkt sind die Fahrer schon lange in der letzten Runde."

Wie habt ihr die Situation gesehen? Stimmt ihr unserem Experten Tom Lüthi zu? Schreibt es uns in die Kommentare.