Hochmut kommt vor dem Fall. Diese altbekannte Lektion mussten in den vergangenen Wochen auch Toprak Razgatlioglu und sein Manager Kenan Sofuoglu lernen. Hatte man sich nach starkem Debüt im Valencia-Test Ende November noch optimistisch gezeigt, schon 2026 um den Status als beste Yamaha kämpfen zu können, folgte beim Sepang-Test Anfang Februar die Bruchlandung. Schwächster M1-Pilot, knapp zwei Sekunden Rückstand auf die Spitze. So lautete die Realität, auch beim nachfolgenden Buriram-Test. Einzig Gresini-Ersatzmann Michele Pirro verhinderte, dass 'El Turco' auf dem letzten Platz landete. Die erste MotoGP-Krise Razgatlioglus, sie hatte längst Formen angenommen.
Umso überraschender, dass das Fazit nach dem ersten vollständigen Rennwochenende als Stammfahrer in der Königsklasse auf zwei Rädern recht positiv ausfällt - auch wenn das größte Highlight wohl der Sieg im ersten Tuk-Tuk-Rennen der MotoGP-Geschichte war. Dort bezwang Razgatlioglu zwischen Warm Up und Moto3-Rennen gemeinsam mit Pramac-Stallgefährte Jack Miller die Duos von Tech3 und LCR - Wheelie und extremer Schräglage in den Kurven inklusive.

Hat es geklickt? Toprak Razgatlioglu in Buriram mit aufzeigender Formkurve
"Toprak hat gute Arbeit geleistet. Ich denke, dass er erstmal einiges lernen musste. Während dem Winter hat er versucht, das MotoGP-Bike in ein Superbike zu verwandeln, um sich wohl zu fühlen. Ein MotoGP-Bike bleibt aber ein MotoGP-Bike, das hat er dann irgendwann auch verstanden. Es gibt gewisse Dinge, die du nicht umfahren kannst und das macht er jetzt nicht mehr. Ich freue mich für ihn, denn er konnte jetzt wieder mit den anderen Yamaha-Fahrern mithalten", zog Yamaha-Teammanager Paolo Pavesio ein erfreuliches Fazit.
Tatsächlich zeichnete sich während des gesamten Wochenendes ein stetiger Aufwärtstrend bei 'Stoprak' ab. Begann er FP1 am Freitagmorgen noch mit fast zwei Sekunden Rückstand auf Platz 21, holte er sich 24 Stunden später im FP2 schon Platz 19 mit nur noch 1,4 Sekunden Rückstand - vor Miller und auch vor Alex Rins. Im Qualifying ging es dann zwar zurück auf den vorletzten Platz, im Sprint dann aber auch erstmals so richtig nach vorne. Eine starke Auftaktrunde brachte Razgatlioglu gleich bis auf P15 nach vorne - direkt ans Hinterrad von Miller und vor gestandene MotoGP-Größen wie Rins, Franco Morbidelli, Enea Bastianini, Fabio Quartararo oder Maverick Vinales. Dort hielt sich der 29-Jährige aus Antalya auch, bis er im drittletzten Umlauf seinen ersten Sturz in der Königsklasse verzeichnete.

Mentaler Reset bei Toprak: Podium jetzt gleichbedeutend mit bester Yamaha
"Ich bin wirklich überrascht, was Toprak da geleistet hat", freute sich Manager Sofuoglu anschließend im Interview mit 'GPOne.com'. "Er ist zwar gestürzt, aber er ist ein tolles Rennen gefahren. Wir haben darum gekämpft, die beste Yamaha zu sein und das ist wirklich positiv. Wir waren direkt an Miller dran, der die Yamaha-Gruppe angeführt hat. Und auch der Sturz war nützlich, denn manchmal musst du erst verstehen, wo das Limit des Motorrads liegt. Das kennen wir jetzt und können darauf aufbauen. Das wird Toprak Motivation geben."
Genau diese hatte Razgatlioglu nach dem schwierigen Sepang-Test schon etwas vermissen lassen. Für Sofuoglu aber nicht weiter verwunderlich. "In den letzten sechs Jahren war er immer in den Top-Drei, immer auf dem Podium. Jetzt bedeutet das Podium, der Beste in deinem eigenen Lager zu sein", zeigte der viermalige Supersport-Weltmeister Verständnis für seinen Schützling und verriet, dass es einen mentalen Neustart brauchte: "Wenn du von der Strecke zurückkommst, darfst du nicht darauf schauen, wer das Klassement anführt. Du musst schauen, wer die beste Yamaha ist. Darauf fokussieren wir uns gerade."
Im ersten Sprint seiner MotoGP-Karriere hätte das beinahe schon geklappt. "Ich hatte etwas Angst vor der ersten Kurve", gab Razgatlioglu selbst offen zu, aber "ich habe mich gut eingefügt und angefangen, gut zu fahren als ich Jack vor mir hatte. Ich habe verstanden, wo er schneller ist und wo ich meine Stärken habe. Leider hatte ich von Anfang an ein Problem mit der Motorbremse in der letzten Kurve. Ich bin dort schon in der ersten Runde fast gestürzt. Danach konnte ich mich darauf einstellen und wollte Jack am Ende noch angreifen. Dazu musste ich aber näher an ihn herankommen und habe deshalb etwas später gebremst. Alles war gut, bis ich mich in die Kurve gelehnt habe. Dann hat die Front blockiert und danach ist das Heck ausgebrochen. Dadurch habe ich die Front komplett verloren." Ein kleiner Fehler also, der Razgatlioglu nach Wiederaufnahme des Sprints dann nur auf P20 ins Ziel kommen ließ. Aber das sollte das Stimmungsbild nicht trüben: "Für den Anfang war das ganz okay."

Andrea Dovizioso hilft: Wie Razgatlioglu beim Bremsen Fortschritte machte
Doch wie gelang dem dreimaligen Superbike-Weltmeister dieser stetige Aufwärtstrend eigentlich? Es gab offensichtlich Hilfe von Yamaha-Testfahrer Andrea Dovizioso. "Er erklärt mir, wie ich bremsen soll", berichtete Razgatlioglu bereits am Freitag. Und weiter: "Ich verstehe auch, was er mir sagen will. Das Problem ist nur, dass es ist schwierig ist, alles umzusetzen. Speziell in der ersten Phase des Bremsens bin ich noch zu aggressiv und blockiere die Front. Dadurch bricht mir das Heck dann regelmäßig aus. Ich bin es noch gewohnt, sehr aggressiv zu fahren, speziell in der ersten Bremsphase. Aber ich mache Fortschritte und passe mich langsam an, auch wenn ich noch etwas Zeit brauche."
Dass die neue Nummer 7 der MotoGP auf dem richtigen Weg ist, zeigte sich auch am Sonntag im Thailand-GP. Dort gelang Razgatlioglu anders als im Sprint zwar kein überragender Start, weshalb er weite Strecken des Rennens nur auf dem drittletzten Platz verbrachte, aber die besten Yamahas um Quartararo und Rins waren lange in Sicht. Erst in Runde 20 von 26 verlor 'El Turco' den Anschluss an die beiden Werkspiloten, weil er zu lange für das Überholmanöver gegen den mit hohem Reifenabrieb strauchelnden Teamkollegen Miller brauchte. Wie Razgatlioglu seinen ersten Grand Prix als MotoGP-Pilot abschließend bewerten würde, ist uns aber leider nicht bekannt. Denn Yamaha verhängte am Sonntag allen vier M1-Piloten einen Maulkorb.
Das grundsätzliche Fazit scheint aber positiv, es geht in die richtige Richtung. "Ich würde Toprak raten, jetzt nicht zu weit nach vorne oder auf andere Hersteller zu schauen, weil das unnötigen Druck erzeugen kann. Wir werden uns weiterhin mit unseren Markenkollegen vergleichen und sie als Referenz nehmen", gab Sofuoglu an. "Das Ziel ist es, die beste Yamaha zu sein." Im Thailand-GP reichte es dahingehend immerhin schon zu Platz drei. Damit beim nächsten Grand Prix in Brasilien (20. - 22.03.) vielleicht schon mehr drin ist, wird Razgatlioglu im Gegensatz zu seinen MotoGP-Kollegen schon am 11. und 12. März im Rahmen eines Privattests wieder auf die Strecke gehen - gemeinsam mit Augusto Fernandez und Dovizioso in Jerez. Dort soll die Anpassung an die Königsklasse weiter fortgesetzt werden. Ob die nächsten Fortschritte gelingen, zeigt sich dann in knapp zweieinhalb Wochen in Goiania.
Ob es dort auch für Ducati wieder aufwärts geht? Die Italiener kassierten in Buriram eine historische Schlappe. In der neusten Ausgabe unseres Interwetten MotoGP-Magazins meint Tom Lüthi: Ducati muss aufpassen, dass sie nicht in der Honda-Falle landen und das Motorrad nur noch von Marc Marquez gefahren werden kann! Hier könnt ihr euch die neuste Folge ansehen:



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