Luca Marini wollte sich in der Sommerpause eigentlich einen Traum erfüllen. Der Honda-Pilot strebte einen Start bei den legendären acht Stunden von Suzuka an. Doch dieser Plan wurde zum Albtraum. Bei einem Teststurz zur Vorbereitung auf den Klassiker verletzte sich der Italiener. Es begann eine Leidenszeit, über die er nun offen sprach.

Luca Marini gesteht nach Suzuka-Crash: Gefahr fast vergessen

"Manchmal vergisst du, wie gefährlich es werden kann, wenn du mit diesen Bikes auf einer Strecke fährst. Ich war dort und dachte nie, dass es so gefährlich wäre", gestand der MotoGP-Pilot im Nachhinein. "Als ich stürzte, wurde mir klar: In jeder Kurve kann ich bei einem Sturz in die Wand einschlagen. Das ist kein schönes Gefühl. Vielleicht hast du Glück und es stellt kein Problem dar, aber mit etwas Pech kannst du dich noch viel schlimmer verletzten, als ich es tat", berichtet der Halbbruder von Valentino Rossi.

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Im Endeffekt ging es für ihn noch halbwegs glimpflich aus. Drei Rennen musste er nach dem Sturz Ende Mai auslassen, bei dem er eine ausgekugelte linke Hüfte, eine Bänderverletzung im linken Knie, Frakturen des Brustbeins und des linken Schlüsselbeins sowie einen rechtsseitigen Pneumothorax erlitt. Einer Rückkehr der MotoGP nach Suzuka erteilte er angesichts des Erlebnisses auf dem langsameren Superbike eine klare Absage: "Es ist zu gefährlich für uns."

Wenn ein Schaltfehler dich ins Krankenhaus bringt

Es könnte erwartet werden, dass Marini das Geschehen abhaken möchte und somit gar nicht mehr groß darauf eingehen will. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Honda-Pilot ging ins Detail über den Unfall, von dem es kein Bildmaterial gibt. "Ich schaltete runter und kam dabei in den Leerlauf zwischen dem dritten und dem vierten Gang. Dann war ich nicht schnell genug, wieder die Kupplung zu greifen. Ich sah, dass die Streckenbegrenzung sehr nah war und ich dachte, dass es nur mit der Bremse und ohne die Motorbremse nicht reichen würde", erklärte er den Ausgangspunkt beim Anbremsen auf Kurve 1.

Marini verunfallte hin zu Kurve 1, Foto: HRC
Marini verunfallte hin zu Kurve 1, Foto: HRC

Doch erst seine weitere Reaktion führte zum Unfall: "Ich versuchte also die zweite Kurve zu erreichen. Die erste ist schnell, aber die zweite etwas langsamer. In diese Richtung hast du viel Auslaufzone, aber wenn du geradeaus fährst, dann nicht. Also entschied ich mich, die Kupplung zu ziehen und den dritten Gang einzulegen, dabei habe ich das Heck verloren."

Selbst dann wäre es auf einer normalen Strecke für Motorräder wohl noch nicht zu einer Verletzung gekommen, aber in Suzuka war es anders: "Ich rutschte einfach nur, eigentlich ein normaler Sturz. Das hätte keine großen Verletzungen verursacht und kein Problem dargestellt, aber dann kamen drei bis vier Meter Kiesbett. Ich fing an zu rollen und schlug mit zu viel Geschwindigkeit in der Leitplanke ein." Wenigstens diese war dann aber für Motorradfahrer ausgerichtet: "Zum Glück war das kein Reifenstapel, sondern eine Leitplanke für Motorradfahrer. Wenn das nur ein Reifenstapel für Autos gewesen wäre, dann würde ich unmöglich hier sein."

Marini in japanischer Krankenhaus-Isolation: Da spricht keiner Englisch

Obwohl es im Nachhinein deutlich schlimmer hätte sein können, begann für Marini eine Leidenszeit. "Die ersten zwei Tage lang lag ich nur im Bett und konnte mich nicht bewegen. Danach begann es dann langsam. Ich konnte nicht laufen, aber mit dem Rollstuhl anfangen. Daraufhin dann mit Krücken. So arbeitete ich mich langsam dahin, wieder zu laufen", berichtete er von den Tagen im Krankenhaus in Japan.

Dabei waren auch die kulturelle Ferne und sprachliche Barriere eine Herausforderung für ihn. "Es war schwierig, zu kommunizieren. Du bist da allein und keiner spricht Englisch. Da ist es gar nicht einfach, deine Lage überhaupt zu begreifen. Das war alles unklar. Da hatte sich viel Flüssigkeit aufgrund des Einschlags gebildet. Um die Bilder des Röntgen lesen zu können, musste ein paar Tage gewartet werden", berichtete Marini von einsamen und ungewissen Tagen.

Luca Marini absolviert eigenen Giro d’Italia: Ein Arzt für jedes Körperteil

Selbst als das Bild dann klarer wurde, war der Italiener immer noch eine Zeit lang in der japanischen Isolation: "Sie sandten alle [Röntgen-]Bilder an meine Ärzte in Italien, damit ich auch ihre Rückmeldung bekam. Dann wartete ich dort, bis meine Lungen so weit waren, dass ich den Flug nehmen durfte. Sobald ich zurück nach Italien kam, wurde alles einfacher."

Über die Zeit nach der Rückkehr in die Heimat konnte er dann sogar ein bisschen scherzen: "Ich habe eine Woche lang Italien bereist, um für jeden Teil meines Körpers den besten Arzt zu finden. Als mir alle die Freigabe erteilten, dass ich wieder ein bisschen trainieren darf, fing ich damit an. Es fing an mit einigen Wiederholungen und Physio." Die Reha war letztlich von Erfolg gekrönt. Am Sachsenring und in Brünn punktete der Honda-Pilot direkt wieder.

Luca Marini (Honda HRC Castrol)
Luca Marini feierte ein erfolgreiches Comeback, Foto: Tobias Linke

Faszination Suzuka lebt trotz Sturz-Debakel

Die MotoGP-Sommerpause kann Marini somit auch ohne Suzuka genießen. Von der Strecke schwärmt er übrigens trotz der Negativerfahrung: "Es ist eine sehr schöne Strecke, denn sie ist von der alten Schule. Du hast angewinkelte Kurve, es geht auf und ab, da ist Gras an der Seite. Das ist schön. Wenn du überall Asphalt hast, ist es so einfach. Ich weiß, dass es gefährlich ist, aber an den richtigen Stellen ist das in Ordnung."

Die Kurven in Suzuka bieten dem Fahrer Grip, Foto: Honda Racing Corporation
Die Kurven in Suzuka bieten dem Fahrer Grip, Foto: Honda Racing Corporation

"Die Kurvenfahrt und deren Steigung machen einen echten Unterschied. In den Videos und im TV sieht Suzuka nicht so aus, als gäbe es da solche Steilkurven. Das gibt den Fahrern ein gutes Gefühl, das Motorrad fährt sich schön. Auf den neuen Strecken ist das oft nicht mehr so. Manchmal sind sie sogar abschüssig oder flach", meint der 27-Jährige. Hört sich nicht so an, als ob ein erneuter Versuch eines Starts in Suzuka ausgeschlossen wäre. 2025 wird dies aber nicht der Fall sein.

Trotzdem wird die MotoGP im Fahrerfeld vertreten sein. Neben Honda-Kollege Johann Zarco kehrt auch Jack Miller zum ersten Mal seit 2017 zurück. Was er zu seinem Abenteuer sagt, lest ihr hier: