Die MotoGP schrieb am Sonntag am Sachsenring eine unerwartete Geschichte. Erst zum zweiten Mal in der 24-jährigen Existenz der Klasse schafften es [nach Australien 2011, Anm.] im Deutschland-Grand-Prix nur zehn Fahrer ins Ziel. Gleich acht Piloten stürzten und sorgten damit für die zweithöchste Ausfallquote nach dem Großbritannien-GP im Jahr 2005. Erklärte damals sintflutartiger Regen die hohe Sturzzahl, tauchten nach dem Hauptrennen am Sachsenring deutlich mehr Fragezeichen auf. Wie kam es zu den zahlreichen Crashes?

Nun, die Antwort ist gar nicht so simpel. Vielmehr war das Sturzfestival vom Sonntag wohl die Folge einer Kombination mehrerer Faktoren. Ausklammern wollen wir an dieser Stelle KTM-Youngster Pedro Acosta, denn der 'Hai von Mazarron' stürzte als einziger Fahrer in einer Linkskurve: Turn 2, um genau zu sein. Er war schlicht über dem Limit der KTM RC16 unterwegs, hatte zu sehr gepusht und dadurch die Front verloren. Doch wie war es zu den restlichen acht Crashes [zweimal Savadori, Anm.], bei denen es sich stets um Abflüge über die Front in Rechtskurven handelte, gekommen?

Erklärung gesucht: Wie kam es zu den zahlreichen Stürzen am Sachsenring?

"Mein Reifen war kalt, ich hatte weniger als 70 Grad Reifentemperatur als ich gestürzt bin", beschrieb Johann Zarco. Die Mindestdruckregel von Michelin hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. "Mein Druck war zu niedrig", führte er aus. "Das Rennen ging noch 13 Runden und ich musste noch zehn Runden im korrekten Fenster bleiben, die Temperatur ist aber immer weiter gefallen. Ich dachte, dass ich den Reifen durch Pushen wieder aufheizen könnte, wollte nicht auf [Fabio] Quartararo [und dessen heiße Abluft, Anm.] warten. Rückblickend wäre das wohl die bessere Wahl gewesen. Der Sturz passierte aber nicht, weil ich pushte, sondern weil der Reifen zu kalt war."

Hatte sich das LCR-Team beim Einstellen des Mindestdrucks verpokert, nicht mit einem Rennen auf Platz sechs in freier Fahrt gerechnet? "Wir hätten nicht gedacht, dass wir so viel verlieren würden", verneinte Zarco, der laut eigener Aussage im Normalfall mit 85 bis 90 Grad Reifentemperatur unterwegs sei. Wie konnte die Temperatur also um mehr als 15 Grad abfallen? "Heute Nachmittag war es nicht so warm, vielleicht war es einfach die kalte Luft", vermutet der Franzose und stellt die These auf: "Ich denke, dass heute viele deswegen gestürzt sind."

Johann Zarco versenkte seine Honda als einer von vielen im Kiesbett von Kurve eins, Foto: IMAGO / Italy Photo Press
Johann Zarco versenkte seine Honda als einer von vielen im Kiesbett von Kurve eins, Foto: IMAGO / Italy Photo Press

MotoGP-Piloten vermuten: Kalter Wind und grüne Strecke Schuld

Grundsätzlich scheint Zarco mit seiner Vermutung auch auf der richtigen Spur. "Wenn du alleine gefahren bist, war die Lufttemperatur vielleicht etwas zu kalt. Vielleicht lag es daran", stimmte auch Miguel Oliveira ein, der zudem noch einen weiteren Faktor ins Spiel brachte, da es ihn selbst auf andere Art und Weise in der Schlusskurve erwischt hatte. "Das war ein komischer Sturz", rätselte er und meinte: "Die Strecke war ziemlich grün, es lag kein Gummi herum. Das macht es schwierig, speziell mit dem harten Vorderreifen. Es könnte also mit Temperatur und Grip zusammenhängen."

"Die Strecke war durch den Regen gestern ziemlich grün", stimmte auch Francesco Bagnaia zu und Rennsieger Marc Marquez bestätigte: "Kurve eins war ziemlich kritisch. Dort lag kein Michelin-Gummi auf der Strecke. Ich habe schon zu Beginn gemerkt, dass es dort ziemlich rutschig war." Anschließend sprach der MotoGP-Superstar gleich noch einen weiteren Faktor an: "Außerdem hattest du etwas Rückenwind in Kurve eins. Der hat das Bike nach vorne gedrückt und es schwer gemacht, rechtzeitig zu bremsen."

Nicht nur die kalte Temperatur des Winds, sondern auch die Richtung, aus der er am Sonntag über den Sachsenring hinwegblies, spielte also eine Rolle. "Wir hatten Rückenwind, das habe ich schon im Grid an den Flaggen gesehen", untermauerte Alex Marquez die Aussagen seines älteren Bruders und Fabio Quartararo berichtete: "Der Wind hat etwas von hinten gedrückt. Wir gehen da [in Turn 1, Anm.] sowieso immer etwas weit. Dann war der Grip etwas geringer als üblich und durch den Wind gehst du dann noch etwas weiter. Wenn du dann über die Front pushen willst, verlierst du sie."

MotoGP-Lazarett wächst am Sachsenring: Schon fünf Verletzungen (06:33 Min.)

Luca Marini verrät: Plötzlicher Reifen-Abbau in der Schlussphase

Während 'El Diablo' die schwierigen Bedingungen in Kurve eins erfolgreich meisterte, hatten die Aprilia-Piloten Marco Bezzecchi, Ai Ogura und Lorenzo Savadori weniger Glück. Für ihre späten Stürze hatte Honda-Werksfahrer Luca Marini noch eine weitere Erläuterung: "An einem Punkt im Rennen gab es beim Vorderreifen einen Abfall. Danach war es einfach, die Front zu verlieren, speziell in Kurve eins." Zu einer ähnlichen Erklärung war bereits auch Stefan Bradl in seiner Rolle als 'ServusTV'-Experte in der Analyse des Rennens gekommen. Er erinnerte daran, dass am Sachsenring eine besonders weiche Mischung am Vorderreifen zum Einsatz kommt, die sonst nur auf Philipp Island verwendet wird. Für diese Mischung waren 30 Runden am Sachsenring wohl einfach zu viel. Zum Schluss hätte es den von Marini bestätigten Einbruch an Grip gegeben, wodurch es hintenraus noch zu den zahlreichen Stürzen gekommen war.

Wie habt ihr das chaotische Rennen am Sachsenring erlebt? Lasst uns eure Erfahrungen in den Kommentaren wissen!