2025 wird Joe Roberts nicht im Starterfeld der MotoGP sein. Das Team von Trackhouse Racing entschied sich für den späteren Moto2-Weltmeister Ai Ogura. Dennoch hat Roberts den Traum von der MotoGP noch nicht aufgegeben. Motorsport-Magazin.com traf ihn zur Mitte der abgelaufenen Saison zu einem ausführlichen Gespräch:
Motorsport-Magazin: Joe, das ist eindeutig deine beste Saison in der Moto2…
JOE ROBERTS: Ich denke, das kann man so sagen! (lacht)
Woher kommt diese Steigerung? Liegt es an den neuen Pirelli-Reifen? An deiner Rückkehr zu American Racing? Oder gibt es andere Faktoren?
Diese Frage stellt mir derzeit jeder.
Tut mir leid.
Schon okay. Ja, was zur Hölle ist passiert? Weißt du: In diesem Sport, vor allem in der Moto2, geht es um Nuancen. Hundertstelsekunden können hier dein Leben verändern. Dann wollen Leute auf einmal Interviews mit dir führen (lacht). In meinem Fall sind mehrere Dinge entscheidend: Ich mag die Pirelli-Reifen sehr. Ich habe mit ihnen mehr Gefühl und kann eher meinem natürlichen Fahrstil folgen. Mit den Dunlops hatte ich immer den Eindruck, gewisse Dinge umfahren zu müssen. Und was den Wechsel zurück zu American Racing angeht: Eine gute Atmosphäre im Team und die Leute, von denen du umgeben bist, machen wahnsinnig viel aus. Du musst vor und während einem GP eine Menge Entscheidungen treffen. Und wenn davon einige falsch sind, schlägst du schnell den falschen Weg ein - und dann ist dein Wochenende im Arsch. Die Kommunikation im Team, vor allem auch mit John (American-Racing-Race-Director und Ex-MotoGP-Pilot Hopkins, Anm.), ist hervorragend und es ist einfach eine angenehmere Umgebung für mich, in der ich mich voll auf meinen Job konzentrieren kann.

Was macht American Racing anders?
Schwer zu sagen, ich bin ja in der WM nur für dieses Team und NTS gefahren.
Und Italtrans!
Ja, Italtrans. Die dürfen wir natürlich nicht vergessen. Da war es wirklich schwierig, den Arbeitsprozess an einem Wochenende zu verstehen. Ich wusste oft nicht wirklich, was wir machen, wie das Motorrad-Setup aussieht und wo wir eigentlich stehen. Ich bin einfach an die Strecke gekommen und das Ding gefahren. Bei American Racing bin ich viel stärker eingebunden. Da gibt es keine Zweifel oder Fragezeichen. Es herrscht aber auch eine lockere Stimmung in der Box. John, mein Bruder und ich albern gerne ein wenig rum. So denkt man nicht zu viel nach und behält den Fokus auf die wirklich wichtigen Dinge.

Du hast die Kommunikation in den Teams angesprochen. Hat man es als Amerikaner schwer in einem Paddock, in dem fast alle Rennställe aus Spanien oder Italien kommen?
Lass es mich so sagen: Für die Spanier und Italiener ist es leichter, sich in ein Team einzufügen. Ich musste über die Jahre erfahren, dass viele Dinge in der Übersetzung verloren gehen. Dann sind plötzlich Leute beleidigt, obwohl du nur Worte gesagt hast, die im Englischen ganz normal sind. So kann schnell eine schlechte Stimmung entstehen und du musst dann kämpfen, um das Vertrauen des Teams zurückzugewinnen. Kommunikation ist in allen Bereichen der Schlüssel.
Und die funktioniert mit der gleichen Muttersprache einfach besser?
Ja. Du musst dir vorstellen: Bei Italtrans sprechen die meisten Team-Mitglieder kaum Englisch. Mit meinem Crewchief konnte ich mich nur mithilfe eines Dolmetschers unterhalten. Da kann man sich ausrechnen, wie viel an Fehlkommunikation in so einer Situation passiert. Das war verrückt. Wenn du für American Racing arbeiten willst, musst du Englisch sprechen. Vielleicht muss aber auch ich an meinem Spanglish (Mischform der englischen und spanischen Sprache, Anm.) arbeiten.
Das ist ja auch so etwas wie die offizielle Amtssprache in diesem Paddock! Lass uns noch kurz bei der Kommunikation bleiben: Wie wichtig ist es für dich, einen erfahrenen Ex-Rennfahrer wie John Hopkins in der Box zu haben?
Ein Racer ist an sich noch keine Hilfe. Jeder hat seine eigene Sprache, wenn es um das Motorradfahren geht und seinen eigenen Zugang. Du brauchst also jemanden, der versteht, wie du fährst und wie du über gewisse Dinge denkst. Ich denke, dass John und ich da viele Gemeinsamkeiten haben. Wir sind gut aufeinander abgestimmt.
John ist in seiner Karriere etwas gelungen, das du noch nicht geschafft hast. Er ist in der MotoGP gefahren. Du hattest für die Saison 2021 auch die Chance, zu Aprilia in die MotoGP aufzusteigen, hast das Angebot damals aber abgelehnt. Hast du nicht an das Projekt geglaubt?
Das würde ich so nicht sagen. Es war eher so, dass ich zu diesem Zeitpunkt gerade Vertrauen und ein Momentum in meiner Karriere aufgebaut hatte. 2020 war meine erste Saison auf einer Kalex. 2018 war ich auf der NTS, die nicht konkurrenzfähig war. 2019 dann auf der KTM, die auch kein gutes Bike war. Dann bin ich auf die Kalex gewechselt und habe gemerkt, dass ich mit den schnellsten Jungs mithalten kann. Darauf wollte ich aufbauen, mich als Racer verbessern und Rennen gewinnen. Das war mir wichtig, bevor ich in die MotoGP wechsle. Plötzlich kam dieses Angebot, aber ich wollte im nächsten Jahr Moto2-Weltmeister werden und dann in die MotoGP aufsteigen.
Dein Plan ist nicht aufgegangen. Aprilia hat 2021 das erste Podium in der MotoGP geholt und du hattest deine zweitschlechteste Saison in der Moto2.
Ja, das ist ganz schön nach hinten losgegangen. Es war nicht einfach für mich anzusehen, wie Aprilia durchgestartet ist, während ich in der Scheiße gesteckt bin. 2022 in Argentinien hatte ich ein wirklich schlechtes Rennen. Aleix Espargaro hat am selben Tag seinen ersten GP mit Aprilia gewonnen. Und natürlich haben sie uns im Restaurant am Abend direkt an benachbarte Tische gesetzt. Ich bin fast durchgedreht, während sie daneben abgefeiert haben. Das war brutal, aber so etwas ist definitiv charakterbildend. Es hat mich zu dem Rennfahrer gemacht, der ich heute bin.
Die Tür zur MotoGP könnte sich für dich ja 2025 erneut öffnen. Wie siehst du deine Chancen?
Ich weiß, dass es Gespräche gibt, aber mehr Details möchte ich da aktuell gar nicht erfahren. Ich will mich auf meine Saison konzentrieren, denn die Leistungen auf der Strecke können meine Karriere wirklich vorantreiben. Um einen WM-Titel zu kämpfen, ist ein unglaubliches Gefühl. Ich will das genießen und dann werden wir sehen, wo es mich hinführt.
Du fühlst dich aber im Gegensatz zu 2021 dieses Mal bereit für die MotoGP?
Alter! Ich verstehe die Frage nicht mal (lacht). Nur weil ich einmal abgelehnt habe, glauben plötzlich alle, dass ich nicht in die MotoGP will. Das ist verrückt. Natürlich will ich aufsteigen. Das will jeder Fahrer. Ich werde sicher nicht mehr absagen. Kein Fahrer würde das zweimal machen.
Denkst du, dass 2025 eine goldene Chance für dich sein könnte? Natürlich zeigst du großartige Leistungen, aber du bist außerdem noch Amerikaner. Jetzt gibt es mit Trackhouse Racing ein Team aus Amerika und mit Liberty Media hat ein amerikanisches Unternehmen die Promotion der MotoGP übernommen. Das schreit ja gerade zu nach einem Fahrer aus den USA.
Ja, aber ich weiß nicht, ob nur dieses eine Team an mir interessiert ist. Mehr kann ich dazu nicht sagen.
Wir hatten seit Nicky Hayden 2015 keinen US-amerikanischen Stammfahrer mehr in der MotoGP. Wie wichtig wäre es da für diese Motorradnation, dass du den Aufstieg schaffst?
Wenn ich es in die MotoGP schaffe, würde das sicher mehr Amerikaner dazu bewegen, diesen Sport auszuüben. So habe ich mich in das Rennfahren verliebt. Ich habe Nicky Hayden in Laguna Seca gewinnen gesehen. Ich bin in der Corkscrew-Schikane gestanden, als er dort mit der US-Flagge durchgefahren ist. Und ich habe mir nur gedacht, wie cool das alles ist. Jeder hier jubelt ihm zu. Er sitzt auf diesem geilen Bike, das einen unglaublichen Sound produziert. Da war mir klar: Ich will das auch machen. Vielleicht kann ich auch so eine Kettenreaktion auslösen. Zwischenzeitlich waren die US-Boys in diesem Paddock ja quasi ausgestorben.

Hat dich das daran zweifeln lassen, ob du es in der Motorrad-WM zu etwas bringen kannst?
Definitiv! Als bekanntgeworden ist, dass ich in die Moto2 gehe, war ich im AMA-Paddock unterwegs (Roberts fuhr in der Supersport-Klasse der US-Meisterschaft, Anm.). Ich konnte mir Dinge anhören wie: "Viel Glück, Junge! Du wirst dort auf dem letzten Platz herumgurken." Die Weltmeisterschaft schien diese unlösbare Herausforderung. Deshalb sind die meisten Fahrer einfach in den USA geblieben und dort Superbike gefahren. Sie dachten, der Weg in die WM sei blockiert. Ich habe den Schritt aber gemacht und ich hoffe, dass weitere Amerikaner nachkommen. Ich höre hier definitiv zu viel "Ciao" und "Hola" und zu wenig "What's up, man?" (lacht).
Bevor du in die Moto2 gekommen bist, hast du schon einmal Amerika verlassen. Von 2011 bis 2013 bist du im Red Bull Rookies Cup gefahren. Dann ging es aber wieder zurück in die USA. Was war der Grund dafür?
Meine Resultate im Rookies Cup waren nicht gut genug, um einen direkten Moto3-Vertrag mit KTM zu bekommen. Ich hätte in der Spanischen Meisterschaft fahren können, aber meine Eltern konnten sich das einfach nicht leisten. Meine einzige Chance war also der Weg zurück nach Amerika: Es gab dort eine gute 600er-Szene, in der ich auch ein wenig Geld verdienen konnte. Es kam dann eine Zeit, in der ich auch ernsthaft darüber nachgedacht habe, in den USA zu bleiben. Meine Überlegung war, dass ich vielleicht einen Platz im Yamaha-Werksteam bekommen könnte. Dafür war ich zumindest mehrfach im Gespräch. Auf den guten Motorrädern waren aber nur Fahrer, die einfach nicht dort weg wollten. Ich hatte also keine Optionen und musste woanders hin. Die Moto2 wirkte zunächst etwas beängstigend, aber ich habe mich bei meinem ersten Test sofort in die Klasse verliebt. Warum also nicht etwas ausprobieren, das zuvor noch keiner gemacht hat?
Mit deinem Ausflug in die Supersport-Szene bist du einen anderen Weg gegangen als die meisten deiner Kollegen, die sich über die Moto3 hocharbeiten. War das ein Nachteil in deiner Ausbildung?
Ich glaube schon, dass ich viele Dinge nachlernen musste. Die Rennstrecken, die Teamstrukturen - an all das musste ich mich erst gewöhnen. Ich war mit einer völlig neuen Arbeitsweise konfrontiert. Zuvor hatte ich noch nie die Daten eines Motorrads analysiert. Ich hatte nie eine Hinterradbremse verwendet. Ich wusste oder konnte so viele Dinge nicht. Aber ich war im Alter von 16 Jahren schon relativ groß (Roberts misst heute 180 Zentimeter, Anm.), also wäre die Moto3 für mich wohl ohnehin nichts gewesen. Und ich fahre generell lieber große Motorräder mit mehr Power. Als ich 13 war hat mich mein Coach auf eine BMW S 1000 RR gesetzt. Ich bin damals im Rookies Cup gefahren und er war der Meinung, dass das kleine Motorrad dann einfach für mich wäre, wenn ich erst einmal eine 1.000er beherrsche.
War dem so?
Ich bin mir nicht sicher (lacht). Es hat auf jeden Fall Spaß gemacht. Ich war zu klein, um die Füße auf den Boden zu setzen. Wenn ich an die Box gekommen bin, musste mich jedes Mal jemand auffangen. Aber ich konnte dieses 200-PS-Motorrad fahren und einige alte Racer schlagen. Die hat das mächtig angekotzt. Sie sind dann echt aggressiv gegen mich gefahren. Ich habe mir nur gedacht: "Ihr versucht hier gerade, einen 13-Jährigen fertigzumachen! Was stimmt mit euch nicht?" Rennfahrer haben echt eine Schraube locker. Aber ich habe diese Typen geschlagen. Und da habe ich meine Liebe zu großen Motorrädern entdeckt. Ich glaube, dass sie meinem Fahrstil mehr entgegenkommen. Vorerst muss ich aber noch mit einer Moto2 leben.
Nicht nur dein Werdegang ist ungewöhnlich in diesem Paddock. Du entsprichst generell nicht wirklich dem Stereotyp eines Rennfahrers in dieser Zeit. Du fährst keinen schicken Sportwagen, sondern einen alten Ford Bronco. Du trägst keine Designerklamotten…
Ich bin kein Arschloch (lacht).
Schön gesagt! Aber fühlst du dich hier manchmal fehl am Platz? So als würdest du nicht wirklich dazu gehören?
Zu 100 Prozent.
Stört dich das?
Nein. Ich glaube, es ist gut, seinen eigenen Weg zu gehen und das zu machen, was man für richtig hält. Das macht einen doch zu der Person, die man ist. Als ich neu in der Weltmeisterschaft war, hatte ich vor, auch mehr oder weniger den gleichen Weg zu gehen wie alle anderen. Ich mache ja auch gewisse Dinge gleich wie der Rest: Ich fahre Supermoto, ich fahre Rennrad. Aber ich habe auch andere Einflüsse und Interessen in meinem Leben. Ich liebe Musik. Ich verbringe gerne Zeit in New York und lerne dort immer wieder interessante Leute kennen. Ich mag Menschen, die sich abseits der Norm bewegen. Aber ich bin eben auch Rennfahrer. Und kein ganz schlechter denke ich.
Kein ganz Schlechter! Danke für das Gespräch, Joe!
Ich sage Danke.
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