"Wenn der Sonntag kommt, dann ist Francesco Bagnaia da" - Diesen Satz haben wir in vielen Variationen im MotoGP-Paddock schon zuhauf gehört. Und das nicht ohne Grund. Der Weltmeister ist der Meistertüftler der MotoGP. In der Datenanalyse seiner sieben Ducati-Kollegen findet er bis zum Sonntag fast immer einen Weg, um doch um den Sieg zu kämpfen, auch wenn das Wochenende nicht gut begann. Titelrivale Jorge Martin ist sich dieser Stärke des Italieners voll bewusst, und passt seine Strategie an.
Jorge Martin will nichts preisgeben: Absichtliche Zurückhaltung im WM-Kampf
Die Sonntags-Statistik spricht eine klare Sprache: Acht zu drei steht es da vor dem Thailand GP an Siegen für Bagnaia im Vergleich zu Martin. Der Titelverteidiger wird die Saison also sicher mit den meisten Grand-Prix-Erfolgen des Jahres beenden, selbst wenn Martin alle drei noch ausstehenden für sich entscheidet. Dass Bagnaia die WM bei dieser Bilanz nicht anführt, hat zwei Gründe: Zu viele Ausfälle und die Sprints. Am Samstag ist er eben noch nicht ganz so stark. Seine Wochenenden gleichen meist einem Steigerungslauf, nur in Ausnahmefällen ist er vom Freitag an das Maß der Dinge. Diesem Steigerungslauf will Jorge Martin nun Steine in den Weg legen.
"Auf den Strecken, auf denen wir wissen, dass Jorge einen Vorsprung hat, werden wir nicht von Anfang an alles zeigen. Wir werden diese Informationen nicht so einfach preisgeben", verriet ein Vertrauter Martins gegenüber 'Autosport'. Das Pramac-Team will unter allen Umständen vermeiden, dass Bagnaia aus Martins Daten etwas lernen kann. Das soll erst am spätesten Punkt möglich sein, sprich im Qualifying. Dann muss der 'Martinator' natürlich Vollgas geben, davor reicht aber einmal Top 10 im Training am Freitagnachmittag.
Tatsächlich war dieses Vorgehen auf Phillip Island zu beobachten. Martin fuhr in den beiden Trainings (FP1 wurde wegen Starkregens abgesagt) 'nur' mit, zumindest für seine Verhältnisse. Im Qualifying drehte er dann auf, und deklassierte die komplette Konkurrenz. Bagnaia kam das gesamte Wochenende nicht in die Nähe seines Rivalen und hatte noch Glück, dass Marc Marquez mit einer Glanzleistung am Sonntag Martin fünf Punkte abnahm.

MotoGP-Ingenieur bestätigt: Datenverschleierungstaktiken existieren
Ein Beweis für das Wirken von Martins Strategie ist dies natürlich noch nicht. Wie erwähnt wurde FP1 auf Phillip Island abgesagt. Außerdem gab es neuen Asphalt, wodurch die Daten von 2023 unbrauchbar waren. Auch das könnte Bagnaia aus der Spur gebracht haben, zumal die Kultstrecke in Australien noch nie sein bevorzugtes Pflaster war. Dennoch bestätigte auch ein MotoGP-Ingenieur die Existenz dieser Verschleierungstaktiken: „Es gibt Möglichkeiten, das Spiel der Irreführung zu spielen, um keine Hinweise zu geben. Zum Beispiel die Leistung eines bestimmten Sektors oder das Aufzeichnen einer bestimmten Kurve in einer 'schlechten' Runde. Du versuchst immer, deine Waffen so spät wie möglich zu zeigen, um zu vermeiden, dass die anderen, die deine Daten sehen können, davon profitieren.“
Nun könnte argumentiert werden, dass es ja auch noch sechs andere Ducatis gibt, bei denen Bagnaia einen Blick über die Datenschulter werfen könnte. Doch die Realität ist, dass außer Martin nur Marc Marquez und Enea Bastianini bisher das absolute Top-Niveau anbieten konnten. Erschwerend kommt dabei hinzu, dass Marquez eine GP23 fährt und Bastianini zumeist keinen Maßstab für das Qualifying darstellt. Wenn es um Pole-Position geht, muss sich 'Pecco' an seinem größten Konkurrenten orientieren, doch genau dies versucht dieser nun aktiv zu verhindern. Ob er damit Erfolg haben wird, zeigt sich in den nächsten drei Rennen.



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