In etwas mehr als einem Monat startet die MotoGP in Portimao in ihre Saison 2023. Aktuell befinden wir uns also in einer Phase, die man gemeinhin als Ruhe vor dem Sturm von 21 Rennwochenenden bezeichnen könnte. Doch das gilt höchstens für die Fans zuhause, denn hinter den Kulissen der Königsklasse ziehen mächtige Unwetter auf.

Aktuell sind es vor allem zwei Themen, die heiß diskutiert werden. Das erste: Sprintrennen - und wer den ganzen Spaß zahlt. Die MotoGP trägt 2023 zusätzlich zu ihren 21 Hauptrennen auch noch 21 Sprints aus. Eine massive Regeländerung, die im Vorjahr von Promoter Dorna vorangetrieben und vom zahnlosen Motorradweltverband FIM abgenickt wurde. Fahrer und Teams wurden über die Pläne erst kurz vor der öffentlichen Bekanntgabe informiert.

Nun stehen wir kurz vor dem ersten MotoGP-Sprint der Geschichte, aber die Entlohnung der Fahrer für selbigen ist noch nicht geklärt. Denn die Piloten argumentieren, dass es in den Sprints um WM-Punkte geht, sie dadurch möglicherweise Weltmeisterschaften gewinnen oder verlieren könnten. Also wollen sie analog zu den Hauptrennen auch Boni für Siege oder Podiumsplatzierungen erhalten. Doch die Teams sind nicht bereit, diese bezahlen, waren die Sprints doch nicht ihre sondern die Idee der Dorna. Diese wiederum verweist an die Teams und so dreht man sich bislang im Kreis. Managerlegende Carlo Pernat droht sogar mit einem Streik der Fahrer, sollte diese Frage nicht geklärt werden. Der Alleingang der MotoGP-Verantwortlichen könnte ihnen im wahrsten Sinne des Wortes teuer zu stehen kommen.

Auch im technischen Bereich gibt es kurz vor dem Saisonstart noch mächtige Unklarheiten. 2023 soll es erstmals Strafen für Fahrer und Teams geben, welche die von Reifenlieferant Michelin vorgegebenen Mindestdrücke unterschreiten. Die Einhaltung der Michelin-Vorgaben gestaltet sich aber äußerst schwierig, da die französischen Pneus extrem temperaturanfällig sind. Wählt man den Druck vor Rennbeginn zu niedrig, droht die Disqualifikation. Startet man mit zu hohem Druck, droht Chancenlosigkeit und im schlimmsten Fall Sturzgefahr.

Die Fahrer sind, in erster Linie aus Sicherheitsgründen, deshalb mittlerweile geschlossen gegen die Einführung dieser Regelung. Eine Übergangsfrist ohne Strafen für die ersten drei Rennwochenenden des Jahres wurde bereits vereinbart. Was darüber hinaus passiert, weiß aktuell niemand. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die MotoGP die angekündigte Änderung wieder zurücknehmen muss, weil sie schlicht und ergreifend nicht umsetzbar ist.

Nun könnte man die Diskussionen über Reifendrücke und Bonuszahlungen für Sprintrennen als eine unglückliche Häufung von bedauerlichen Einzelfällen ansehen. Doch schon in den vergangenen Jahren zeigte die MotoGP einen Hang zu voreiligen Ankündigungen, deren Inhalt nie Realität wurde. Man denke nur an die Pläne zur Expansion des Kalenders. Das Nachrichtenarchiv von Motorsport-Magazin.com ist voll von großspurigen Bekanntgaben zu Rennen in Finnland, Ungarn, Mexiko, Brasilien, am Circuit of Wales oder im indonesischen Palembang. Auf keiner dieser Strecken gab es je einen Grand Prix, manche wurden gar nicht erst gebaut. Andere Kurse wie in Mandalika wurden mehr schlecht als recht fertig.

Der finnische KymiRing kam nie über MotoGP-Testfahrten hinaus, Foto: MotoGP
Der finnische KymiRing kam nie über MotoGP-Testfahrten hinaus, Foto: MotoGP

Zugegeben, das Management einer globalen Motorsportserie, egal ob auf vier oder zwei Rädern, ist eine unheimlich schwierige Aufgabe. Unterschiedliche Interessensgruppen - Fahrer, Teams, Hersteller, Sponsoren, Medien oder Fans um nur einige zu nennen - wollen zufriedengestellt werden. Es allen Parteien recht zu machen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die Führungsebene der MotoGP täte aber gut daran, die wichtigsten Player zumindest vorab ins Boot zu holen, anstatt Dinge zu entscheiden und öffentlich zu verkünden, ohne diese vorab abgesprochen und im Detail durchdacht zu haben. Denn was die MotoGP in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten braucht, ist eine besonnene Führung, die Stabilität und Sicherheit ausstrahlt. Aktuell vermittelt sie eher den Eindruck einer nervösen Amateurtruppe. Carmelo Ezpeleta und Co. können es besser. Das haben sie in der Vergangenheit bewiesen. Nun ist es Zeit, die einstige Stärke wieder zu zeigen.