Pro: Ducati ging unnötig früh ins Risiko

Als Ducati Bagnaia mit Slicks auf die Strecke schickte, war längst abzusehen, dass die Zeit für Trockenreifen noch zu früh war. Denn zwei Fahrer hatten ihr Glück bereits versucht: Takaaki Nakagami kam nach nur einer Runde wieder an die Box und wechselte auf Regenreifen, Remy Gardner flog bereits in seiner Outlap in Kurve neun ab.

Außerdem waren zu diesem Zeitpunkt noch über zehn Minuten zu gehen. Ein Wechsel auf Slicks in den Schlussminuten von Q1, etwa fünf Minuten vor dem Ende, hätte es auch getan. Es wäre besser gewesen, Bagnaia erstmal die Möglichkeit zu geben, auf Regenreifen eine Sicherheitszeit anzuschreiben und ein Gefühl für die Strecke zu bekommen. Darüber hinaus stellt Ducati 2022 insgesamt acht Maschinen im MotoGP-Feld. Vier davon [exklusive Bagnaia] waren in Q1 am Start. Die Roten hätten also durchaus die Möglichkeit gehabt, auf einen anderen Fahrer als Bagnaia als Versuchskaninchen auf der Strecke zu warten.

Q1 war Bagnaias erste Erfahrung an diesem Wochenende im Trockenen -
Q1 war Bagnaias erste Erfahrung an diesem Wochenende im Trockenen -Foto: LAT Images

Nach einem schwierigen Start in das Jahr liegt der Italiener in der WM ohnehin schon ein gutes Stück zurück. Dennoch sind erst 4 von 21 Rennen absolviert, die Saison ist also noch lang. Zu diesem Zeitpunkt erscheint es daher logischer, die sicheren Punkte mitzunehmen und so Boden gut zu machen. Ducati entschied sich für das Risiko - und musste bitter bezahlen. So wird der Rückstand wohl nur noch größer werden.

Contra: Das hätte jedem passieren können

Nach vier Trainings auf nasser beziehungsweise feuchter Strecke waren die MotoGP-Piloten in Q1 plötzlich mit einer Asphaltdecke konfrontiert, die trocken genug für Slicks war. Das Risiko war aber hoch, denn rund um die 4,6 Kilometer lange Achterbahn von Portimao lauerten Pfützen, die beim Befahren mit Trockenreifen fast zwangsläufig zu Stürzen führten. Die Tech3-Rookies Remy Gardner und Raul Fernandez mussten das in Q1 auf schmerzhafte Art und Weise feststellen, aber auch WM-Leader Enea Bastianini und eben Francesco Bagnaia.

Die Kritik an Bagnaia - klar der erfahrenste der Crash-Piloten - und seinem Ducati-Team brandete sofort auf. Es sei unverständlich, dass man den WM-Anwärter bei derart prekären Verhältnissen auf die Strecke gelassen habe, meinten manche Experten und sahen ein völlig unnötiges Risiko. In Wahrheit war es aber das Gegenteil: Bagnaia erst in den letzten Minuten von Q1 die ersten Erfahrungen an diesem Wochenende auf Slicks zu sammeln, wäre mindestens gleich riskant gewesen. Bagnaia und Ducati wollten mehrere Runden Erfahrung mit Slicks sammeln und dann im Schlussspurt angreifen.

Hätte Bagnaia aber zumindest vorsichtiger in seine Session starten sollen? Gerade, wenn es für ihn 2022 um den WM-Titel geht? Vielleicht, aber mit gemütlicher Fahrweise kommt man in der so engen MotoGP nicht weit. Und Gedanken an den Titel helfen erst recht nicht. "Wenn du am fünften von 21 Wochenenden schon an die Weltmeisterschaft denkst, wirst du bestimmt ein beschissenes Qualifying haben", nahm Fabio Quartararo seinen Rivalen am Samstag in Schutz. Bagnaias Sturz im Qualifying war unglücklich, unnötig war er aber nicht.