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MotoGP

Kommentar zu Fabio Quartararo: Triumph eines Abgeschriebenen

Er stand schon kurz vor dem WM-Aus, nun ist Fabio Quartararo MotoGP-Champion. Das Portrait eines ungewöhnlichen Weltmeisters.
von Markus Zörweg

Motorsport-Magazin.com - Valentino Rossi, Marc Marquez, Jorge Lorenzo, Casey Stoner oder auch Joan Mir - Fabio Quartararos Vorgänger als MotoGP-Weltmeister legten in der Motorrad-WM allesamt dieselbe Art von Laufbahn hin. Schon in den kleineren WM-Klassen trumpften sie mit vielen Renn- und oft sogar Gesamtsiegen auf. In der MotoGP angekommen, konnten sie schließlich daran anschließen.

In diese Reihe passt Quartararo definitiv nicht. Auch ihm wurde erst ein Durchmarsch in die Königsklasse prognostiziert, als er nach zwei Junioren-WM-Titeln 2015 nur durch eine Ausnahmeregelung schon mit 15 Jahren in der Moto3 an den Start gehen konnte. "Ich hoffe, er braucht noch lange, bis er in die MotoGP kommt", war selbst Marc Marquez damals gewarnt. Sein Wunsch sollte in Erfüllung gehen.

Denn der Motorradsport hielt für Quartararo zuerst seine Schattenseiten bereit, ehe er auf die Straße des Erfolges einbiegen durfte. In seinen ersten WM-Rennen wurde der Junge mit der markanten Zahnlücke der hohen Erwartungshaltung noch gerecht, schon beim zweiten Antritt stand er erstmals auf dem Podium. Daran konnte er im weiteren Saisonverlauf aber kaum mehr anschließen, eine Knöchelverletzung sorgte noch dazu für fünf verpasste Grands Prix. Am Ende stand Gesamtrang zehn.

Mit einem Wechsel von Honda und Estrella Galicia 0.0 zu KTM und dem Leopard-Team sollte alles besser werden. Doch das Gegenteil war der Fall. Gesamtrang 13 und kein einziges Podium hatte Quartararo Ende 2016 vorzuweisen. Dann erhoffte man sich vom Aufstieg in die Moto2 die Erlösung für den relativ groß gewachsenen Youngster. Bloß, das Ergebnis blieb das gleiche: WM-Rang 13, null Podien.

Quartararos erste Moto2-Saison verlief desaströs - Foto: Ronny Lekl

Spätestens jetzt schien Fabio Quartararo in der Motorrad-Weltmeisterschaft endgültig gescheitert. Eine voreilige Diagnose, der sich auch Motorsport-Magazin.com damals anschloss. Schande über unser Haupt! Quartararo musste in diesen Monaten erleben, wie schnell man im Big Business dieses Sports vom Shootingstar zum bedeutungslosen Füllmaterial im Starterfeld wird. Und das alles im Alter von gerade einmal 18 Jahren.

Glücklicherweise hatte nicht die gesamte Zweiradwelt den Glauben an Quartararo verloren. Luca Boscoscuro setzte ihn 2018 auf seine SpeedUp-Maschine. Was folgte, ist hinlänglich bekannt: Quartararo gewann in Barcelona, wurde in Assen Zweiter. Petronas-Yamaha-Teammanager Wilco Zeelenberg machte ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Heftige Kritik wurde geäußert am Transfer des Mannes, der binnen drei Jahren nur zwei starke Rennen vorzuweisen hatte. Quartararo eroberte die MotoGP aber im Sturm, wurde 2019 als Rookie bärenstarker WM-Fünfter.

In der MotoGP glänzte Quartararo von Beginn an - Foto: LAT Images

Als sich Marc Marquez mit seinem Oberarmbruch beim Saisonauftakt 2020 selbst aus dem Titelrennen nahm, schien die Bahn frei für Quartararo. Er gewann die ersten beiden Rennen und schien ungefährdet dem WM-Titel entgegenzufahren. Aber 'El Diablo' musste noch einmal durch die sportliche Hölle gehen. Die zweite Saisonhälfte ging völlig in die Hose. Nach neun der 14 Grands Prix 2020 führte er die Gesamtwertung noch an, am Ende wurde er Achter.

Einen derartigen Absturz hatte die MotoGP noch nicht erlebt. Vielleicht brauchte Quartararo aber gerade diesen, um zu dem Fahrer zu werden, den wir in der laufenden Saison erleben. Ein unglaublich talentierter, junger und ehrgeiziger Mann, der sich nun aber kaum mehr verunsichern lässt und in puncto mentaler Stärke den besten seiner Zunft die Stirn bieten kann.

Quartararo ist der Beweis dafür, dass große Karrieren nicht immer ein einziger kometenhafter Aufstieg sein müssen. Führen sie auch so zur Erfüllung des großen Ziels, ist diese umso emotionaler. Und vielleicht sogar ein Stück wertvoller.


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