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MotoGP: Wie schafft man den Sprung in die Motorrad-WM?

Tausende Talente wollen in die Motorrad-WM. Welcher Weg ist der richtige? Wie kamen die aktuellen Fahrer in die MotoGP? Eine Analyse.
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Wie schafft man es in die MotoGP? Diese Frage stellen sich nicht nur tausende Motorrad-Talente rund um den Globus, sondern auch viele Fans. Immer wieder taucht diese Frage bei unseren Lesern auf Motorsport-Magazin.com oder den Sehern unseres Youtube-Kanals auf, weshalb wir im nachfolgenden Text den Karriereweg der aktuellen MotoGP-Stars genauer ansehen und analysieren.

Gibt es nur einen richtigen Weg in die Motorrad-WM? Welche Rolle spielen nationale Meisterschaften dabei? Und schafft man es über den Umweg der Superbike-WM-Klassen überhaupt noch in die MotoGP?

Anmerkung: Da Aprilia den zweiten Stammplatz erst im März in einem Shootout zwischen Lorenzo Savadori und Bradley Smith vergibt, scheinen in dieser Statistik beide Fahrer auf. Zudem haben wir auch Stefan Bradl in unsere Statistik aufgenommen, da er vermutlich zu Saisonbeginn für den verletzten Marc Marquez einspringen wird. Somit kommen wir auf 24 Fahrer, die in diesem Text genannt werden, obwohl es 2021 nur 22 MotoGP-Startplätze gibt.

Wo sind die MotoGP-Stars früher gefahren?

Die unter der Schirmherrschaft der Dorna aufgewertete spanische CEV-Meisterschaft ist längst zum Um und Auf der Ausbildung junger MotoGP-Talente geworden. Von den aktuellen 24 Fahrern bestritten lediglich die Italiener Valentino Rossi, Enea Bastianini, Danilo Petrucci, Lorenzo Savadori und Franco Morbidelli, sowie der Franzose Johann Zarco und der Südafrikaner Brad Binder nie eine volle Saison in der CEV-Meisterschaft. 17 der aktuellen Piloten hingegen waren vor ihrem WM-Durchbruch mindestens ein Jahr in Spanien unterwegs.

Deshalb tummeln sich gleich sechs Gesamtsieger, der seit 2014 offiziell als Moto3-Junioren-WM firmierenden Meisterschaft in der MotoGP-Klasse: Aleix und Pol Espargaro (2004 bzw. '06), Stefan Bradl (2007), Maverick Vinales (2010), Alex Rins (2011) sowie Fabio Quartararo (2013 & '14). Aber auch die offiziell als "Europameisterschaft" titulierte Moto2-Klasse der CEV bringt Talente in die WM: Luca Marini und Iker Lecuona kamen über diesen Weg zu ihrem Stammplatz in der Weltmeisterschaft.

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Sieben Fahrer aus dem aktuellen MotoGP-Aufgebot waren vor ihrem WM-Einstieg im Red Bull Rookies Cup unterwegs: Lorenzo Savadori, Miguel Oliveira, Brad Binder, Joan Mir, Johann Zarco, Enea Bastianini und Jorge Martin. Alle sieben gewannen in der Serie mindestens ein Rennen, zwei davon wurden sogar Gesamtsieger: Zarco 2007 und Martin 2014.

Neben der italienischen Meisterschaft, wo einst Rossi, Bastianini oder Zarco ihr Talent unter Beweis stellten, gibt es sogar MotoGP-Fahrer mit IDM-Vergangenheit: So wurde Stefan Bradl 2005 125ccm-Meister, Jack Miller 2011 und selbst Maverick Vinales bestritt 2008 einige Rennen dort. Dass man es aber auch aus kaum beachteten Serien ins Rampenlicht schaffen kann, haben Franco Morbidelli und Danilo Petrucci bewiesen, die es aus den Superstock-Europameisterschaften zu einem WM-Engagement und letztlich sogar zu Siegen in der MotoGP gebracht haben.

Erste Hürde: WM-Einstieg

Die spanische CEV-Meisterschaft ist die beste Rekrutierungsplattform für die WM-Teams. Die Marquez- und Espargaro-Brüder, Joan Mir, Alex Rins, Maverick Vinales, aber auch die Nicht-Spanier Miguel Oliveira, Fabio Quartararo, Taka Nakagami, Bradley Smith und Francesco Bagnaia sicherten sich über Leistungen in der spanischen Moto3 bzw. 125ccm-Klasse ihre WM-Engagements. Hinzu kommen Iker Lecuona und Luca Marini, die aus der Moto2-EM direkt für die Moto2-WM verpflichtet wurden. 14 der 24 aktuellen Fahrer wurden somit aus Spanien für ihre Einsätze in der Weltmeisterschaft rekrutiert.

Direkt aus dem Rookies Cup schafften es drei der aktuellen MotoGP-Fahrer in die Moto3-Klasse: Binder 2012, Bastianini 2012 und Martin 2015, wobei alle drei parallel zu ihrem Cup-Engagement vereinzelte Einsätze in Spanien bzw. Italien bestritten. Als italienischer 125er-Meister kam Valentino Rossi 1996 und Lorenzo Savadori 2009 in die WM, als deutsche 125cc-Champions schafften dies Stefan Bradl 2006 und Jack Miller 2012. Beide hatten zuvor allerdings bereits Wildcard-Einsätze in der Weltmeisterschaft bestritten.

Franco Morbidelli bekam seine Chance als Superstock600-Europameister, Danilo Petrucci kam als italienischer Superstock1000-Champion sowie als Zweiter der Europameisterschaft zu MotoGP-Ehren. Mit Johann Zarco gibt es sogar eine Aschenputtel-Story: Der Franzose wurde nach seinem Titelgewinn im Rookies Cup zwar Teil des Red Bull MotoGP Academy, verließ das Programm aber nach wenigen Monaten und stand mit 18 vor dem Karriereaus. Doch ein von Gabor Talmacsi organisierter Test rettet Zarcos Laufbahn und brachte ihm 2009 sein WM-Debüt ein.

Fahrer WM-Stammfahrer ab Leistung im Jahr zuvor
Valentino Rossi 1996 Italienischer Meister 125ccm
Aleix Espargaro 2005 Spanischer Meister 125ccm
Stefan Bradl 2006 Deutscher Meister 125ccm
Bradley Smith 2006 2. Spanische 125ccm
Pol Espargaro 2007 Spanischer Meister 125ccm
Takaaki Nakagami 2008 6. Spanische 125ccm
Marc Marquez 2008 9. Spanische 125ccm
Johann Zarco 2009 10. Coppa Italia 125
Lorenzo Savadori 2009 Italienischer Meister 125ccm
Maverick Vinales 2011 Spanischer Meister 125ccm
Miguel Oliveira 2011 2. Spanische 125ccm
Alex Rins 2012 Spanischer Meister 125ccm
Jack Miller 2012 Deutscher Meister 125ccm
Danilo Petrucci 2012 Superstock1000-Europameister
Brad Binder 2012 7. Rookies Cup
Alex Marquez 2013 Spanischer Meister 125ccm
Francesco Bagnaia 2013 3. Spanische 125ccm
Enea Bastianini 2014 4. Rookies Cup
Franco Morbidelli 2014 Superstock600-Europameister
Fabio Quartararo 2015 Spanischer Meister Moto3
Jorge Martin 2015 Rookies Cup Champion
Joan Mir 2016 4. Spanische Moto3
Luca Marini 2016 5. Moto2-EM
Iker Lecuona 2017 6. Moto2-EM

Hilfreich: Förderprogramme

Motorsport kostet Geld und das gilt längst auch für die Nachwuchsserien. Ohne finanzielle Mittel in der Höhe hoher fünfstelliger Beträge ist an ein Engagement in der spanischen Meisterschaft nicht mehr zu denken. Ein Umstand, der einst etwa Franco Morbidelli vom ersehnten Sprung auf die iberische Halbinsel abhielt. Dass der Italiener mittlerweile aber MotoGP-Vizeweltmeister ist, hat er Valentino Rossis VR46 Academy zu verdanken.

Mit nunmehr drei Fahrern in der MotoGP (neben Morbidelli auch Bagnaia und Marini), ist dieses Förderprogramm das aktuell erfolgreichste der Motorrad-Szene. Ohne Rossis Netzwerk wären viele dieser Talente an den finanziellen Hürden der Weltmeisterschaft gescheitert, wie etwa auch Bagnaia schon öfter zugab. Ohne den monetären Druck und unter der Anleitung eines neunfachen Motorrad-Weltmeister wurden viele von ihnen zu GP-Siegern, Champions und MotoGP-Fahrern.

Doch Rossis VR46 Academy ist längst nicht das einzige Förderprogramm im WM-Umfeld. So unterhält Honda sein Team Asia in der Moto3 und Moto2, um einen direkten Brückenkopf für den Nachwuchs aus dem Asia Talent Cup in der WM zu haben. Mit Takaaki Nakagami formte man dort aus einem Moto2-Mitläufer einen soliden MotoGP-Piloten.

Bis zum Vorjahr gab es durch Emilio Alzamoras Rennstall, als dessen Namensgeber die Biermarke Estrella Galicia fungierte, auch eine ruhmreiche Verbindung zwischen Moto3-Junioren-WM und Moto3-Weltmeisterschaft. Fahrer wie Alex Rins, Alex Marquez und Fabio Quartararo schafften einst auf diesem Weg den direkten Aufstieg in die WM. Im Winter erklärte Alzamora allerdings den Rückzug seines erfolgreichen Projekts aus der Moto3.

Seit diesem Erfolgsmodell sind aber Satellitenteams in Spanien oder Kooperationsverträge mit Rennställen vor Ort bei vielen WM-Teams der kleinen Klassen Gang und Gäbe: So unterhalten auch das schwäbische Intact-GP-Team und der sächsische Prüstel-Rennstall Nachwuchsprogramme auf der iberischen Halbinsel als Andockstation für deutsche Talente. Mit Kiefer Racing verlor die deutsche Community freilich im Vorjahr den größten Karriere-Booster des heimischen Motorradsports.

Als Alternative zum Weg nach Spanien gibt es aktuell nur den Red Bull Rookies Cup, für den man zwar keinerlei finanzielle Mittel benötigt und bei dem absolute Material-Gleichheit gewährleistet ist. Allerdings muss man nach einer Bewerbung zunächst eine Vorselektion überstehen, um eine Einladung zum Sichtungs-Lehrgang zu bekommen. Dort wird noch einmal ordentlich ausgesiebt, sodass am Ende nicht mehr als ein knappes Dutzend Bewerber tatsächlich die Chance im Cup bekommt. Von den aktuellen MotoGP-Fahrern schafften es aber drei direkt über diesen Weg in die Weltmeisterschaft.

Klassische Karriereleiter in der WM

18 der 24 aktuellen MotoGP-Fahrer beschritten die klassische Karriereleiter und waren jeweils mindestens eine Saison in der kleinsten und mittleren WM-Klasse unterwegs, bevor sie ihren ersten MotoGP-Vertrag unterschrieben. Die Ausnahmen sind Jack Miller und Lorenzo Savadori, die zwar in der kleinsten Klasse fuhren, bis heute aber nie ein Rennen der Moto2 bestritten, sowie Iker Lecuona, Luca Marini (nur ein Wildcard-Start in der Moto3) und Franco Morbidelli, die nie in der kleinsten Klasse engagiert waren. Petrucci ist der einzige Fahrer aus dem aktuellen Aufgebot, der weder in der kleinsten, noch in der mittleren WM-Kategorie je ein Rennen bestritt.

Volle Saisons in der Moto3/125ccm

Fahrer
0Marini, Morbidelli, Lecuona, Petrucci
1A.Espargaro
2Savadori, Nakagami, A.Marquez, Mir, Quartararo, Rossi
3Miller, Zarco, Martin, M.Marquez, Rins, Vinales
4Bagnaia, P.Espargaro, Bradl
5Bastianini, Binder, Oliveira, Smith

Volle Saisons in der Moto2/250ccm

Fahrer
0Miller, Petrucci, Savadori
1Mir, Vinales
2Bagnaia, Martin, Bastianini, M.Marquez, Rins, Quartararo, Rossi, Smith, Bradl
3Lecuona, A.Espargaro, P.Espargaro, Binder, Oliveira
4Morbidelli
5Zarco, Marini, A.Marquez
6Nakagami

Geld kauft keine MotoGP-Plätze (mehr)

Angesichts sechs involvierter Hersteller und einer immer engeren Bindung der Kundenteams an das jeweilige Werk, sind die Tage von Payridern in der MotoGP gezählt. Xavier Simeon 2018 und Karel Abraham 2019 waren die letzten beiden Fahrer, die aufgrund ihrer Mitgift anstatt ihrer sportlichen Karriereausbeute, ihren Platz im Paddock beanspruchten. Zwar gab es zuletzt von einigen Fans auch Payrider-Vorwürfe an Tito Rabat. Dabei dürften die Ankläger aber vergessen haben, dass es sich bei Rabat um einen 13-fachen GP-Sieger und ehemaligen Moto2-Weltmeister handelt.

Was für die MotoGP gilt, trifft auf die kleinen Klassen allerdings nicht zu: Dort hat man mit potenten Sponsoren im Rücken immer noch beste Chancen, einen Platz zu ergattern. Für finanziell weniger betuchte Fahrer sind das schlechte Nachrichten: Denn zwischen den von Förderprogrammen besetzten Plätzen, die nur den involvierten Fahrern zur Verfügung stehen, und den Motorrädern, die für harte Münze gekauft wurden, bleiben nur noch wenige Plätze.

MotoGP-Aufstieg

Der Aufstieg in die MotoGP-Klasse ist die Krönung einer jeden Motorrad-Karriere. Mittlerweile ist dieser Sprung fast ausschließlich über den Weg der Moto2 zu schaffen. Von den aktuellen 24 Fahrern, wurden 21 direkt aus der mittleren WM-Kategorie (bis 2009 als 250ccm-Klasse) rekrutiert. Die Ausnahmen: Jack Miller konnte 2015 im Alter von 20 Jahren die Moto2 überspringen und wurde von Honda als Moto3-Vizeweltmeister direkt in die MotoGP befördert. Danilo Petrucci gelang 2012 das Kunststück, als amtierender Superstock1000-Vizeeuropameister und italienischer Landesmeister dieser Klasse in der MotoGP unterzukommen. Lorenzo Savadori verdankte sein MotoGP-Debüt im Vorjahr (und die Chance auf einen Fixplatz 2021) seinem Superbike-Titelgewinn in Italien.

Die Superbike-WM spielt als Karrieresprungbrett für die MotoGP keine Rolle mehr. 2015 waren Eugene Laverty und Loris Baz die bislang letzten Rookies, die direkt aus der Superbike-WM für ein Vollzeitengagement in der MotoGP verpflichtet wurden. Immerhin schaffte es Stefan Bradl über den Umweg der WSBK zurück, wenn zunächst auch nur als Testfahrer.

Die Superbike-WM hat ihren Stellenwert somit eingebüßt, denn vor zehn Jahren herrschte noch ein reger Austausch an Piloten zwischen den beiden Rennserien. So befanden sich in der Saison 2011 mit Colin Edwards, Cal Crutchlow und Ben Spies gleich drei Fahrer in der Startaufstellung, die es direkt aus der WSBK in die MotoGP geschafft hatten. Sogar ein "letzter Mohikaner" war damals noch unterwegs: Nicky Hayden, der es als bislang letzter Fahrer der Geschichte direkt aus der US-amerikanischen AMA-Meisterschaft in die Königsklasse schaffte.

Fazit: Fast alle Wege führen nach Spanien

Die Eintrittsschneise in die MotoGP-Klasse hat sich in den vergangenen Jahren massiv verengt. Direkteinsteige aus Superbike-Meisterschaften sind kaum noch möglich, grundsätzlich rekrutieren die Teamchefs fast ausschließlich in der Moto2, die sich ihrerseits zu einem großen Teil aus der Moto3 speist. Die Haupteinflugschneise in die beiden kleinen WM-Klassen zeigt in Richtung Spanien, wo sowohl die Moto3-Junioren-WM, als auch die Moto2-Europameisterschaft Chancen bieten. Eine Vielzahl an WM-Startplätzen ist mittlerweile durch Förderprogramme belegt, deren Unterbau bis tief in die Nachwuchsserien wurzelt. So gut wie jedes WM-Team der kleinen Klassen ist somit auf die iberische Halbinsel vernetzt.

Für alle Talente, die den Aufsprung auf diesen Zug verpassen, gibt es nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder einen potenten Sponsor finden oder sich durch den Selektionsmarathon des Red Bull Rookies Cup zu quälen, der für viele oft aber nur ein kurzen Boost der eigenen Aktie auf dem Weg nach Spanien darstellt. Dass es auch auf direktem Weg aus dem Cup in die WM (und bis in die MotoGP) geht, haben mittlerweile mehrere Asse bewiesen.


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