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MotoGP-Meinung: Yamaha verspielt in Valencia alles

Aufgedeckte Schummeleien, Punktabzug, die erste Motor-Strafe, ein Defekt und versenkte WM-Hoffnungen. Yamaha muss aus dem Debakel von Valencia lernen.
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Es hätte der Auftakt zu einer finalen Attacke auf den WM-Titel werden sollen und endete in einer der größten Niederlagen, die Yamaha je erlebt hat. Das drittletzte Rennwochenende der MotoGP-Saison 2020 entwickelte sich zum Waterloo auf allen Ebenen.

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Am Sonntagnachmittag hatte Yamaha nicht nur das schwächste Resultat als Hersteller seit 13 Jahren eingefahren, sondern auch die Titel in allen drei WM-Wertungen vergeigt. Darüber hinaus steht man vor einem Scherbenhaufen, den man selbst 2021 nur schwer gekittet bekommen wird.

Yamaha des Regelbruchs überführt

Doch alles der Reihe nach: Bereits am Donnerstag sorgte Yamaha für Negativschlagzeilen, als bekannt wurde, dass in Valencia eine Anhörung wegen eventueller Verstöße gegen das Technische Reglement im Gange sei. Am Abend flatterte das Urteil der FIM-Stewards herein, das Yamaha die Konstrukteurs-WM kostete und dem Petronas-Team die Chance auf einen historischen Titelgewinn in der Team-Wertung nahm.

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Yamaha hatte in seinen Motoren Ventile von unterschiedlichen Zulieferern verbaut, wie sich im Laufe des Valencia-Wochenendes herausstellen sollte (die FIM verschwieg in ihrem Urteil eine exakte Begründung für die Strafe). Zwar pochte Lin Jarvis darauf, dass diese baugleich seien, dennoch hätte dieser Kniff einer einstimmigen Zustimmung durch die Hersteller-Vereinigung MSMA bedurft. Den entsprechenden Antrag stellte man zwar im August, zog ihn aber wieder zurück, nachdem die Konkurrenz zu viele Fragen stellte.

In diesem Fauxpas von Jerez liegt die Wurzel des Übels der durchwachsenen Saison von Yamaha begraben. Weil jeder der vier Fahrer nach dem Auftaktrennen die beiden eingesetzten Motoren nicht mehr im Rennen nutzen durfte, wurden die Aggregate knapp. Etwas, das Maverick Vinales am Freitag in Valencia als erster Yamaha-Mann zu spüren bekam. Im 2. Training musste er den sechsten Motor der laufenden Saison einbauen lassen. Damit einher ging ein Start aus der Boxengasse am Sonntag und eine De-Facto-Beerdigung der Titelchancen.

Quartararo zeigt Nerven

Diese trugen am Sonntag auch Fabio Quartararo und Franco Morbidelli zu Grabe. Aragon-Sieger Morbidelli, der als 11. immerhin noch bester Vertreter seines Herstellers war, klagte nach dem Rennen wieder einmal über Probleme der M1, die immer auftreten, wenn man im Feld Mann gegen Mann fährt. Ohne gutes Qualifying also nicht viel los bei der M1.

Quartararo versenkte seine Chancen selbst, als er schon in der ersten Runde ohne Feindkontakt stürzte und damit zum wiederholten Male Nerven zeigte. Seit seinem Doppelsieg von Jerez ließen sich seine guten Rennen an nur einer Hand abzählen. Die Leichtigkeit des Sensations-Rookies scheint verloren und Quartararo prallte mit voller Härte auf den Boden der Realität.

Diese harte Realität holte am Sonntag auch Valentino Rossi ein. Der 41-jährige MotoGP-Superstar konnte aufgrund des Corona-Chaos der behördlichen Vorschriften nach seiner Zwangspause erst am Samstag in das Renngeschehen eingreifen und wollte am Sonntag nichts mehr, als nach 24 Tagen der Isolation endlich wieder ordentlich Rennkilometer abspulen.

Doch seine M1 machte ihm bereits in der 5. Runde einen Strich durch die Rechnung, als die Elektronik streikte und Rossi seine vierte Null in Folge anschreiben musste. "Wir beginnen die Saison immer gut, doch dann sieht es so aus, als würden sich die anderen Hersteller deutlich mehr steigern können um gegen Ende des Jahres uns immer überlegen zu sein", ärgerte sich Rossi am Sonntag.

Yamaha nur im Sololauf stark

Tatsächlich zeigt die Formkurve der Yamaha-Fraktion steil nach unten. Quartararos Sieg in Barcelona und Morbidellis Triumph in Aragon 2 kaschierten, dass die Leistungen der Yamaha-Fahrer viel zu sehr schwanken. Wie konstante Leistungen aussehen, macht längst Suzuki vor. Vinales ärgert dieser Umstand: "Wir haben die WM leichtfertig verspielt. Das ist uns schon 2017 passiert und das passiert uns nun wieder."

2020 kann abgehakt werden und die Chance, ohne den Überflieger Marc Marquez endlich den Thron zurückzuerobern, wurde verpasst. Doch wie soll es für Yamaha weitergehen? Die M1 leidet immer noch an mangelndem Topspeed und wurde zu allem Überdruss im Laufe des Jahres auch noch zum unzuverlässigsten und defektanfälligsten Motorrad im gesamten Feld. Im Winter ist die Motorenentwicklung eingefroren, weswegen das gleiche schwache und anfällige Aggregat auch 2021 zum Einsatz kommen muss.

Zudem verliert man für die kommende Saison Gallionsfigur Valentino Rossi. Der ist zwar nicht ganz raus und macht bei Petronas unter Yamaha-Flagge weiter. Den Sitzungen des Werksteams wird der 41-Jährige dennoch fernbleiben müssen, wo die Last der Weiterentwicklung künftig auf den Schultern des wankelmütigen Vinales und des gefallenen Super-Rookies Quartararo lasten wird.

Unsicherheit für 2022

Zusätzliche Ablenkung könnte 2021 durch die Neuausrichtungen für die MotoGP-Saison 2022 kommen. Denn Valentino Rossi bereitet hinter den Kulissen den Einstieg seines eigenen Teams vor, während Suzuki nach einem Kundenteam angelt. Beim designierten Weltmeister-Team werden wohl einige Teamchefs anklopfen, Rossi selbst streute der Arbeit von Ex-Kumpel Davide Brivio bei Suzuki zuletzt eindrucksvoll Rosen.

Sollte Yamaha Rossi und seine neue Truppe für 2022 an sich binden können, dürfte das Petronas-Team von Suzuki umworben werden, was wiederum für Verstimmungen in der bislang so erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Yamaha und den Malaysiern sorgen könnte. Lin Jarvis betonte zuletzt mehrfach, dass sämtliche Verträge nur bis 2021 gelten.

Yamaha wird im kommenden Jahr auf jeden Fall die Nachwehen der laufenden Saison ausbaden müssen, in der man binnen weniger Tage rund um das erste Valencia-Rennen alles verspielt hat. In den kommenden Monaten muss man Acht geben, um sich nicht auch noch mögliche Wege zurück auf die Erfolgsstraße ab 2022 zu verbauen.


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