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MotoGP-Analyse: Marquez überlegen - warum so viel Risiko?

Den MotoGP-Sieg in Jerez warf Marc Marquez früh weg. Doch was trieb ihn in das Debakel? Plus: Rossi intern nur noch Nr. 4, KTM macht Boden gut.
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Fabio Quartararo holte am Sonntag in Jerez seinen ersten MotoGP-Sieg. Der Franzose setzte sich am Ende überlegen durch. Das lag aber auch daran, dass Topfavorit Marc Marquez patzte und letztlich sogar im Medical Center landete.

Motorsport-Magazin.com seziert die Rundenzeiten vom Sonntag und widmet sich den interessantesten Fragen zum Rennen in der großen GP-Analyse.

Wie überlegen war Marc Marquez?

"Marc hatte eine unglaubliche Pace, er hätte damit das Rennen gewonnen", sagte Maverick Vinales nach dem Zieleinlauf in einem TV-Interview. Tatsächlich ruinierte der amtierende MotoGP-Champion sein Rennen aber bereits in der 5. Runde, als er nach einem spektakulären Save in Kurve 4 in weitem Bogen durch den Kies musste. Aus einer halben Sekunde Vorsprung wurden so fast achteinhalb Sekunden Rückstand und der Rückfall auf die eigentlich aussichtslose Position 16.

Doch Marquez war an diesem Tag bei weitem der schnellste Mann. Er fuhr nicht nur in Lap 11 mit 1:38,372 Minuten die schnellste Rennrunde, sondern war in den ersten 21 Runden 14 Mal der schnellste Mann im Feld. Zum Vergleich: Sieger Fabio Quartararo fuhr lediglich in den Laps 5 und 10 die schnellste Rundenzeit aller MotoGP-Fahrer.

Schnellste Zeit in jeder der 25 Runden:

Fahrer Anzahl Schnellste Runde in
Marc Marquez 14 Lap 3-4, 7-8, 11-20
Maverick Vinales 3 Lap 1-2, 23
Brad Binder 4 Lap 21-22, 24-25
Pol Espargaro 2 Lap 6, 9
Fabio Quartararo 2 Lap 5, 10

Streicht man die verhängnisvolle Runde 5 aus dem Ergebnis, so nahm Marquez vom Start bis zum Ende der 21 Runden dem späteren Sieger Fabio Quartararo insgesamt 3,571 Sekunden ab. Quartararos Vorsprung auf seine Verfolger war allerdings ab Mitte des Rennens so komfortabel, dass er in der zweiten Rennhälfte sicher nicht mehr ans absolute Limit gehen musste.

Dass er tatsächlich Marc Marquez die Stirn hätte bieten können, ist trotzdem eher unwahrscheinlich. Doch Marquez unterliefen an jenem Sonntag gleich zwei Fehler, die nicht nur für die erste Null in der WM-Rechnung sorgten, sondern ihm womöglich eine längere Zwangspause bescheren. An dieser Stelle muss die Frage erlaubt sein, warum Marquez zu Rennende so viel Risiko ging.

Vier Runden vor Schluss fehlten ihm auf Quartararo 5,327 Sekunden - ein Rückstand, der nicht mehr aufzuholen war. Denn Marquez nahm dem Leader in den Runden zuvor jeweils nur drei bis vier Zehntelsekunden ab. Im Duell mit Vinales hatte Marquez hingegen nur noch zwei Zehntel Rückstand und ihm binnen drei Runden 1,6 Sekunden abgeknöpft. Es bestand also eigentlich kein Grund zu einem raschen Attacke, da auch von hinten keine Gefahr mehr drohte.

Valentino Rossi: Nur noch Yamahas vierte Kraft?

Jerez gehörte in den vergangenen Jahren nie zu den besten Strecken für Yamaha. Quartararo und Vinales fuhren am Sonntag allerdings einen Doppelsieg ein - etwas, das Yamaha zuletzt 2016 gelang, als Valentino Rossi vor Jorge Lorenzo gewinnen konnte. Generell fühlten sich die Yamaha-Fahrer am vergangenen Wochenende in Jerez sehr wohl. Mit einer Ausnahme: Valentino Rossi, der zu keinem Zeitpunkt mit seinen Markenkollegen mithalten konnte und den am Ende auch noch ein Defekt lahmlegte.

Schon in den Trainings deutete sich diese Tendenz an: Fabio Quartararo fuhr am Samstag in FP3 neuen Rundenrekord, Franco Morbidelli sicherte sich die Bestzeit im 2. Training und Maverick Vinales beendete den Freitag als Gesamt-Zweiter und zog als Fünftschnellster direkt in Q2 ein. Valentino Rossi hingegen war mit Ausnahme des 1. Trainings (dort lag er vor Quartararo, der aber die ersten 20 Minuten aussetzen musste) stets langsamster Fahrer der Yamaha-Fraktion.

Im Qualifying stellten Quartararo und Vinales ihre M1 auf die vordersten beiden Plätze, während Rossi als 11. erneut die schwächste Yamaha pilotierte. Im Rennen lag er zu keiner einzigen vollen Runde vor einem seiner Markenkollegen. Seine schnellste Rundenzeit - 1:39,163 Min. - wurde von Quartararo 16 mal unterboten, von Morbidelli elfmal und von Vinales siebenmal.

In Runde 13 sackte Rossis Rundenzeit zum ersten Mal über 1:40 Minuten, unmittelbar vor seinem Defekt verlor er alleine im letzten Sektor 1,4 Sekunden auf seine eigene Zeit aus der Runde zuvor. Rossi selbst klagte über die gleichen Probleme wie bereits in den vergangenen beiden Jahren: "Aus irgendeinem Grund funktionieren die Reifen bei uns einfach nicht so, wie wir uns das wünschen. Sie arbeiten nicht richtig. Wir müssen für das nächste Wochenenden etwas Grundlegendes ändern, sonst werden wir wieder diese Probleme haben, die uns jetzt schon seit langer Zeit einbremsen."

KTM: Fortschritt erkennbar

KTM durfte sich in Jerez über das beste MotoGP-Ergebnis seit Valencia 2018 freuen. Mit Pol Espargaro und Miguel Oliveira brachte der Hersteller zum erst zweiten Mal in seiner Geschichte zwei Fahrer in die Top-8. Kritiker könnten nun ins Feld führen, dass ein derartiges Ergebnis nach Ausfällen der GP-Sieger Alex Rins, Cal Crutchlow und Marc Marquez viel einfacher zu holen sei. Doch ein Blick auf die Rundenzeitentabellen zeigt deutlich, dass KTM so nahe an der Spitze war wie nie zuvor.

Pol Espargaro fehlte weniger als eine Sekunde auf den Podestplatz von Andrea Dovizioso. Der Katalane war sogar in zwei Runden (Lap 6 & 9) der schnellste Mann im gesamten Feld. Und gegen Ende drehte Brad Binder auf, den zuvor aber ein Ausritt weit zurückgeworfen hatte. Binder fuhr in den letzten fünf Runden viermal die schnellste Einzelzeit und war somit in Lap 24 der letzte Fahrer, der unter einer Umlaufzeit von 1:39 Minuten bleiben konnte.

Fazit

Marc Marquez war der überlegene Mann in Jerez, doch sein Kampfgeist wollte sich am Sonntag nicht geschlagen geben, was ihn in den verhängnisvollen Fehler trieb und ihm null statt 20 Punkten einbrachte. Der Marquez-Ausfall sorgte dafür, dass Yamaha am Ende die klare Nummer eins in Jerez war. Eine Einschätzung, aus der nur Valentino Rossi klar abfiel. Die Aussagen des 41-Jährigen legen nahe, dass ihm 2020 eine weitere schwierige Saison droht. Mehr Grund zum Jubeln hat hingegen KTM. Denn am Sonntag konnte man lange Zeit in der erweiterten Podestgruppe mitkämpfen und neben Pol Espargaro sorgte auch Brad Binder für beeindruckende Rundenzeiten.

Ob all das gültige Aussagen für die gesamte Saison sind, oder ob sie den besonderen Bedingungen des Glutofens Jerez geschuldet waren, das ist erst in Brünn am 9. August verifizierbar. Zuvor darf sich aber Yamaha am kommenden Sonntag große Hoffnung auf einen weiteren Sieg in Jerez machen.


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