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MotoGP-Analyse: Wer soll Marc Marquez noch stoppen?

Nach Jerez ist klar: Marc Marquez beherrscht Solofluchten. Das ist die neue Strategie des MotoGP-Champions. Kann Alex Rins zum ernsthaften Gegner werden?
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Die MotoGP ist nach dem Rennen in Jerez wieder fest in der Hand von Marc Marquez. Der amtierende Weltmeister feierte nicht nur seinen zweiten Saisonsieg, sondern steht auch in der Gesamtwertung wieder an der Spitze. Als schärfster Rivale etabliert sich allmählich Alex Rins, der nach einer Aufholjagd aus der dritten Startreihe erneut auf dem Podest landete.

Jorge Lorenzo rutschte hingegen in eine Krise. Auf einer seiner Lieblingsstrecken fuhr der dreifache MotoGP-Champion neuerlich ein schwaches Ergebnis ein und war schlechtester aller fünf Honda-Piloten. Die interessantesten Aspekte des Rennens in der Analyse:

So dominant ist Marc Marquez

Der Weltmeister legte einen klassischen Start/Ziel-Sieg hin, übernahm von Startplatz drei in der ersten Kurve die Führung und brachte diese souverän über den Zielstrich. Die 25 Führungsrunden in Jerez bedeuten, dass Marc Marquez jede der letzten 58 Rennrunden, auf denen er auf seiner Honda saß, das Feld anführte. Die letzte Führungsrunde eines Gegners, während Marquez aktiv im Rennen war, datiert vom Saisonstart und war Andrea Doviziosos Zieleinlauf beim Auftakt in Katar.

Nach dem Rennen ließ Marc Marquez die MotoGP-Fans wissen, dass künftig häufiger mit Sololäufen zu rechnen sein wird. "Ich bin diese Art Rennen zu fahren gar nicht gewohnt. Ich lauere eigentlich lieber auf meine Chance und attackiere dann am Ende. Aber ich habe zuletzt an mir gearbeitet und kann sagen: Das ist die richtige Strategie für diese Saison", sagte er in der Pressekonferenz nach dem Rennen.

Strategisch fuhr Marquez ein einwandfreies Rennen. "Ich wusste schon vorher, dass die Gruppe in den ersten zehn Runden zusammen bleiben würde", analysierte Marquez. "Und ich wusste, dass ich mich stärker fühle, sobald der Reifen ein wenig abbaut." Entsprechend legte er auch seine Strategie an: Innerhalb der ersten acht Runden fuhr Marquez nur in den Laps 2 und 5 die schnellste Rundenzeit im Feld.

Ab der 9. Runde ging aber die Post ab: Zwischen Lap 9 und Lap 17 war Marquez nur einmal nicht der schnellste Pilot im Feld und mit 1:38,051 Minuten fuhr er in der 15. Lap die schnellste Rennrunde des gesamten Grand Prix. Danach brauchte er seinen Vorsprung nur noch zu verwalten.

Hätte Rins eine Chance gegen Marquez gehabt?

Hinter Marquez landete Austin-Sieger Alex Rins auf dem zweiten Rang. Der Spanier war nach einem mäßigen Qualifying allerdings nur vom 9. Startplatz ins Rennen gegangen und brauchte 14 Runden, ehe er der direkte Verfolger von Marquez war. Viele fragten sich deshalb, ob Rins Marquez fordern hätte können, wenn er denn aus einer besseren Position gestartet wäre.

Sehen wir uns hierzu zunächst den Positionsverlauf von Rins an: Bereits nach der Startrunde fand er sich auf dem 6. Rang wieder, quälte sich danach mit Dovizioso ab, den er erst in der 6. Runde hinter sich lassen konnte. In Lap 11 überholte er Maverick Vinales und in der chaotischen 14. Runde (dort fiel Fabio Quartararo aus) schnappte er sich schließlich Platz 2.

Sein Rückstand auf Marquez betrug zu diesem Zeitpunkt 3,784 Sekunden und wuchs in den drei folgenden Runden jeweils an - bis auf den Höchstwert von 4,008 Sekunden nach Lap 17. Erst danach konnte Rins Marquez wieder etwas Zeit abnehmen - allerdings holte er insgesamt bis zur vorletzten Runde nur sechs Zehntelsekunden auf, obwohl Marquez zu diesem Zeitpunkt nicht mehr hundertprozentig pushen musste.

Wie setzte sich der Rückstand von Rins bis zur 14. Runde zusammen? 1,3 Sekunden büßte er bereits in der Startrunde ein, auf der er drei Plätze gutmachen konnte. Weitere 1,2 Sekunden verlor er in den fünf Runden des Duells mit Dovizioso. Hinter Maverick Vinales büßte er zwischen Lap 6 und Lap 11 nur 0,2 Sekunden ein, obwohl Marquez zu diesem Zeitpunkt schon Ernst machte. Die letzte Sekunde verlor Alex Rins in den nur drei Runden hinter Franco Morbidelli.

Dieser brach just in dem Moment ein, als Rins Vinales hinter sich gelassen hatte: Morbidelli bremste Rins mit Rundenzeiten von 1:39,046, 1:38,967 und 1:38.761, während Marquez an der Spitze im Bereich von 1:38,1 bis 1:38,3 unterwegs war. Wie sehr Morbidelli Rins zurückhielt, beweist auch der Umstand, dass Rins sich nach dem Überholmanöver bei freier Fahrt sofort um drei Zehntelsekunden pro Runde steigerte und plötzlich die Zeiten von Marquez mitgehen konnte.

Der schlechte Startplatz von Rins hat die MotoGP-Fans eventuell ein Duell um den Sieg gekostet, auch wenn Marquez im Fall eines direkten Kampfes wohl noch Reserven gehabt hätte. Spannender wäre die Entscheidung um den Sieg in jedem Fall gewesen, wenn Alex Rins am Samstag ein besseres Qualifying gezeigt hätte.

Petronas-Yamaha: Die Pechvögel des Rennens

Die Überraschungsmänner des Samstags waren Fabio Quartararo und Franco Morbidelli, die das neue Petronas-Yamaha-Team über die Startplätze 1 und 2 jubeln ließen. Auch im Rennen überzeugten die beiden MotoGP-Talente - zumindest in der ersten Rennhälfte. Bis zur 13. Runde lag das Duo auf den beiden Podestplätzen hinter Marquez, dann fiel zunächst Quartararo aufgrund eines Defekts aus, während Morbidelli im Anschluss durchgereicht wurde.

Vor allem Morbidelli ist für diese GP-Analyse interessant, denn das Schicksal des Italieners zeigt, welch entscheidender Erfolgsfaktor das richtige Reifenmanagement ist. Bis zur 8. Runde war die Welt für Morbidelli völlig in Ordnung: Mit niedrigen 1:38er-Zeiten konnte er nicht nur die Pace von Marquez einigermaßen halten, sondern lag auch nur wenige Zehntel hinter dem Leader auf Rang zwei. Ab der 9. Runde fielen Morbidellis Rundenzeiten ab, sodass er Druck von Fabio Quartararo bekam.

Es entbrannte ein heißes Duell zwischen den beiden Petronas-Fahrer, dass der Franzose nach drei Runden für sich entscheiden konnte. Harte Manöver kosteten beide Piloten Zeit mit dem Tiefpunkt in der 10. Runde, als beide über 1:39 Minuten fuhren. Für Morbidelli hatte das Duell aber einen weiteren Nachteil: Er überhitzte dadurch seinen Reifen, was ihn im zweiten Renndrittel schwer zu stehen bekommen sollte.

Ab Lap 11 hatte Quartararo das Duell für sich entschieden. Die Zeiten des Franzosen sanken sofort (von 1:39,0 in Lap 10 auf 1:38,2 und 1:38,3 in den drei Folgerunden) und er war hinter Marquez klar der zweitschnellste Mann im Feld, ehe ihn ein Defekt außer Gefecht setzte. Morbidelli fand sich zu diesem Zeitpunkt in einer Abwehrschlacht wieder.

Seine Rundenzeit war von 1:38,4 in Lap 8 auf 1:39,1 in Lap 10 angewachsen und sollte bis zur drittletzten Runde nicht wieder unter 1:38,7 sinken. Das kostete ihn zwischen der 14. und 22. Runde ganze sechs Plätze. Erst in den letzten drei Runden konnte Morbidelli wieder die Pace der ersten acht Runden gehen. Der Reifen hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt wohl wieder erholt. Dadurch konnte er in der vorletzten Runde sogar noch Cal Crutchlow den 7. Platz abnehmen.

Jorge Lorenzo schlittert in ein Debakel

Für Jorge Lorenzo war Jerez ein richtungsweisendes Rennen. Die Strecke gehört zu seinen absoluten Favoriten und selbst in seinen schwierigen Ducati-Jahren präsentierte er sich dort mit guter Pace: 2017 holte er seinen in Jerez sein erstes Podium auf Ducati, im Vorjahr war er acht Runden vor Schluss im Kampf um Platz zwei in eine Dreierkollision mit Dovizioso und Pedrosa verwickelt.

Doch 2019 lief es in Jerez überhaupt nicht. Lorenzo belegte nur den 12. Rang und landete damit nicht nur hinter seinem Teamkollegen Marc Marquez und den beiden LCR-Honda-Fahrern Cal Crutchlow und Taka Nakagami, sondern auch hinter HRC-Testfahrer Stefan Bradl, der seinen Triumph über den dreifachen Weltmeister im Anschluss als "sensationell" bezeichnete.

Wie desaströs Jorge Lorenzos Rennen verlief, beweist ein kurzer Blick auf seinen Positionsverlauf. Bereits auf der Startrunde wurde er von Valentino Rossi, Aleix Espargaro, Joan Mir und Jack Miller überholt und konnte seinerseits nur an Pecco Bagnaia vorbeiziehen. In Runde 2 fiel Lorenzo hinter Stefan Bradl zurück und musste sich in den Schlussrunden sogar mit Pol Espargaro duellieren. Dass er diesen Zweikampf für sich entscheiden konnte, ist das einzig Positive in Jerez. Im Vergleich mit seinen vier Markenkollegen schneidet Lorenzo desaströs ab, wie folgende Tabelle zeigt:

FahrerPos. Pos. +/- Schn. Rennrunde Runden unter 1:39
Marquez1. +2 1:38,051 (1.) 23
Crutchlow8. -2 1:38,312 (6.) 21
Nakagami9. -1 1:38,463 (12.) 18
Bradl10. +4 1:38,468 (13.) 16
Lorenzo12. -1 1:38,808 (16.) 12

Lorenzo hatte bereits den schlechtesten Startplatz und verlor im Rennen sogar noch eine Position, obwohl zwei vor ihm gestartete Piloten ausfielen. 15 Fahrer im Feld fuhren eine schnellere Rennrunde als er und selbst auf Bradl und Nakagami fehlten ihm in dieser Statistik dreieinhalb Zehntelsekunden. Nur 12 seiner 25 Runden konnte er in einer Zeit unter 1:39 Minuten absolvieren. Marc Marquez lag nur in der ersten und letzten Runde über diesem Wert.

Fazit: Marquez alleine auf weiter Flur

Was sich bereits in Argentinien und Austin andeutete, bestätigte sich in Jerez: Die MotoGP 2019 wird ein Sololauf des Marc Marquez, den nur eigene Fehler oder Defekte vom Titel abhalten können. Alex Rins müsste im Qualifying deutlich zulegen, wenn er aus eigener Kraft im WM-Kampf mitmischen will. Immerhin sorgt diese Schwäche aber für ein zusätzliches Spannungsmoment durch die Aufholjagden am Sonntag.

Wenn dann auch noch Underdogs - wie die beiden Petronas-Yamaha - vorne mitmischen dürfen, dann kann sich der MotoGP-Fan kaum über mangelnde Action beschweren. Leider geht es aktuell hinter Marc Marquez aber nur um den zweiten Platz. Bitter für den ambitionierten Jorge Lorenzo: Er kann nicht einmal in diesem Kampf ansatzweise mitmischen. Nach einer schwachen Leistung auf einer seiner erfolgreichsten Strecken muss man sich ernsthafte Sorgen um den dreifachen MotoGP-Weltmeister machen.


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