MotoGP / Kommentar

MotoGP ohne Folger: Deutschlands Motorrad-Zukunft ist düster

MotoGP-Aus von Jonas Folger, die Karrieren von Sandro Cortese und Stefan Bradl vor dem Ende. Motorrad-Deutschland ist angezählt. Ein Kommentar:
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Deutschlands Motorradsport wird seit Monaten arg gebeutelt. Eine Hiobsbotschaft jagt die nächste und nun müssen selbst eingefleischte Optimisten zugeben, dass die unmittelbare Zukunft düster aussieht. Der letzte Schock erfolgte am Mittwoch: Jonas Folger wird nicht an der MotoGP-Saison 2018 teilnehmen können. Ob der 24-Jährige je wieder die Chance in der Königsklasse bekommt? Unklar.

Das Aus von Deutschlands einzigem in der Motorrad-WM verbliebenen GP-Sieger ist nur das neueste Mosaiksteinchen in einer langen Reihe von Hiobsbotschaften, welche die Motorrad-Nation seit Monaten erschüttern. Aber alles der Reihe nach:

Bradls Superbike-Fiasko

Der Flächenbrand begann in der Superbike-WM. Dort hatte Stefan Bradl nach fünf Jahren in der MotoGP-Klasse eine neue Heimat gefunden und bei einem mutmaßlichen Dream Team angeheuert. Gemeinsam mit Nicky Hayden bildete Bradl das namhafteste Duo der WSBK-Saison, Honda hatte ein neues Motorrad entwickelt und mit Red Bull als prominent platziertem Hauptsponsor sollten alle Wege in Richtung Erfolg führen.

Doch daraus wurde nichts: Das Bike entpuppte sich als Rohrkrepierer, Bradl verletzte sich mehrfach, verpasste das letzte Saisonviertel komplett und beendete sein WSBK-Gastspiel nach nicht einmal einer vollen Saison. Zu allem Überdruss zog auch der zweite Deutsche in der Superbike-WM, Markus Reiterberger, vorzeitig den Stecker.

Schock in Sepang

Doch es sollte noch viel schlimmer kommen: Im Oktober verstarb in Sepang mit Stefan Kiefer nicht nur ein zweifacher Weltmeister-Teamchef, sondern auch die wichtigste Schlüsselfigur der deutschen Nachwuchsförderung. Durch diesen Schicksalsschlag geriet auch Kiefers Moto2-Team ins Wanken, das von Bruder Jochen - bislang nur für die technischen Belange zuständig - nach dem Platzen eines Investor-Deals gerade noch gerettet werden konnte.

Nach Jonas Folgers MotoGP-Aus: Wie geht es jetzt weiter?: (14:26 Min.)

Kiefer Racing kann sich 2018 aber nur noch eine Ein-Mann-Variante mit Dominique Aegerter leisten, was wiederum den bereits verpflichteten Sandro Cortese arbeitslos machte. Der ehemalige Moto3-Weltmeister feilt derzeit noch an einer Fortsetzung seiner Karriere, viel mehr als die Supersport-WM wird es aber nicht mehr werden.

Von einer vielversprechenden Generation deutscher Motorradfahrer ist 2018 nicht mehr viel übrig. Sandro Cortese, Stefan Bradl (beide 28 und einst Weltmeister) und Jonas Folger (24) sollten Schwarz-Rot-Gold in der Motorrad-WM hochhalten, sehen die Weltmeisterschaft nun aber nur noch als unbeteiligte Zuseher. Zudem hat Deutschland mit Kiefer seinen erfolgreichsten Teamchef für immer verloren.

IDM und der Sachsenring

Wem diese Zukunftsaussichten noch nicht düster genug sind, für den gibt es noch zwei weitere Kapitel: die IDM und den Sachsenring. Erstere wurde im Herbst für endgültig tot erklärt, dürfte nun aber doch in irgendeiner Form weiter existieren. Ein guter Nährboden für Motorradbegeisterung und den nötigen Unterbau zur WM sieht freilich anders aus.

Wie lange sich die Verantwortlichen am Sachsenring noch die Auseinandersetzungen mit motorsportfeindlichen Anwohnern und den Hickhack mit dem ADAC über die Ausrichtung des MotoGP-Rennens antun (können), steht in den Sternen. Angezählt ist Deutschlands Motorrad-Mekka auf jeden Fall.

Folger: MotoGP-Aus für immer?

Und Folgers sportliche Zukunft? Immerhin war er im Vorjahr Zweiter beim Heimrennen und ist mit 24 Jahren noch lange nicht reif für die Rennrente. Doch in der schnelllebigen MotoGP-Welt kommt ein Jahr Pause einer halbe Ewigkeit gleich. Zudem kommt die Auszeit zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt:

Mit Saisonende laufen die Verträge beinahe aller MotoGP-Fahrer aus und man darf ein Transfermarkt-Inferno wie im Frühjahr 2016 erwarten. Die Rennpause und seine körperliche Verfassung spielen Folger dabei nicht in die Karten. Gut möglich, dass seinen 13 bisherigen MotoGP-Starts keiner mehr hinzukommt.

Deutschlands Motorrad-Zukunft ist angezählt, eine vielversprechende Generation verpufft und nun liegt es an den Verbänden DMSB und ADAC, den völligen Supergau abzuwenden. Und an Philipp Öttl sowie Marcel Schrötter. Die bilden Deutschlands verbliebenes Duo in der Motorrad-WM 2018.


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